So sehen also 50 Jahre Kunstschaffen aus. Im Atelier von René Schlittler türmen sich die Zeichnungen, Leinwände stehen aneinandergereiht an der Wand. Alte Pinsel und Farbtuben liegen herum, zwischen fleckigen Büchern, Holzobjekten, selbst gebauten Instrumenten. Ein ganzes künstlerisches Leben auf nicht einmal 30 Quadratmetern. Und mittendrin Ricarda Gerosa und Nadja Müller. Die beiden Frauen sind gekommen, um gemeinsam mit dem 80-jährigen Schlittler sein Atelier zu räumen. «Schau mal hier», sagt Müller und hält eine Zeichnung hoch, «das ist doch von deinen Anfängen!». Er schaut betrübt. «Da hätte noch was draus werden können.»

Schlittler ist 80 Jahre alt und wohnt in einem Altersheim in Lörrach. Sein Atelier in der ehemaligen Klingentalkirche besucht er kaum noch, er ist nicht mehr gut zu Fuss und die vielen Treppenstufen im Haus machen ihm zu schaffen. Aber im Moment hat er gar keine andere Wahl: Die Stadt will sanieren und das Haus neu besetzen - innerhalb der nächsten Wochen müssen alle Künstler draussen sein. Auch er. Für Alteingesessene wie ihn ist das eine schmerzhafte Landung auf dem Boden der Tatsachen. René Schlittler verabschiedet sich mit diesem Wegzug nicht nur von seinem fast lebenslang besetzten Atelier, sondern auch von der Vorstellung, es irgendwann vielleicht doch zu schaffen.

Überforderung bei den Hinterlassenen

Während der alte Künstler auf einem Schemel sitzt, laufen Gerosa und Müller im Atelier herum und zeigen ihm seine Arbeiten. Die beiden Frauen sind das, was die Kulturmanagement-Studiengänge als «Kulturakteurinnen» bezeichnen: Sie stellen sich Fragen über Kunst und Kultur und bereiten ihre Antworten publikumstauglich auf. Im einfachsten Fall resultiert das in einer gewöhnlichen Ausstellung. Doch Gerosa und Müller sind nicht hier, um es sich einfach zu machen. Ihre Frage fällt grösser aus. Es geht um das, was Schlittler der Welt hinterlässt. Oder, besser gesagt: Das, was die Welt ihn hinterlassen lässt.


Wenn ein Künstler stirbt, bleibt sein Werk zurück. Im besten Fall hat er es geordnet, ein Verzeichnis erstellt und entschieden, wohin es kommen soll. Wenn nicht, müssen die Erben diese Aufgabe übernehmen. Das bringt eine unverhoffte Verantwortung mit sich, die die Hinterlassenen oft überfordert.



Beispiel Serge Hasenböhler: Der Sohn des verstorbenen Künstlers Niklaus Hasenböhler verwaltet seit 24 Jahren den Nachlass seines Vaters. Zwei Jahre hat seine Familie gebraucht, um das Werk des Vaters zu ordnen. Ein paar Werke gingen als Schenkungen an Museen, der Rest steht eingelagert beim Sohn. «Nach 24 Jahren bin ich immer noch am Überlegen, was ich jetzt damit mache.» Beispiel Ghislaine Steiner: Ihr langjähriger Künstlerfreund Markus Kaufmann ist vor ein paar Wochen gestorben. «Dass seine Bilder jetzt einfach kaputt gehen sollen oder nicht mehr gesehen werden – das tut mir weh.» Beispiel Heinz Tschudin: Sein bester Freund hat 90 Werke hinterlassen. Erstens muss er ein Lager finden, zweitens Ausstellungen organisieren, die das Werk im Sinne des Verstorbenen würdigen. «Das ist schwer ohne Hilfe.»

Wer ist zuständig?

Die Liste der Betroffenen ist lang, Gerosa und Müller haben viele davon in Basel besucht. Die Frage, mit der sich alle herumschlagen, lautet: Wer ist für die vielen Nachlässe zuständig, die jedes Jahr in Basel anfallen? Wer entscheidet, was bleibt und was vergessen wird?

Ghislaine Steiner sagt: Die Regierung oder der Kunstkredit. Heinz Tschudin sagt: Die Stadt. Serge Hasenböhler sagt: Schwierige Frage.


Wie lautet die Antwort? Es sei immer wieder so, dass Erben auf den Kunstkredit oder die öffentliche Kunstsammlung des Kunstmuseums zugehen, meint Katrin Grögel von der Abteilung Kultur des Kantons Basel-Stadt. Viele kämen mit dem Wunsch, dass die Institutionen einzelne Stücke oder den ganzen Nachlass übernehmen.

Das geschehe aber nur in den wenigsten Fällen. «Man will natürlich das Kunstschaffen der Region in die Zukunft tragen. Aber weder die öffentliche Kunstsammlung, noch der Kunstkredit haben die Aufgabe, Künstlernachlässe zu verwalten oder gesamthaft anzukaufen. Beide Institutionen entscheiden aufgrund ihres Auftrags und ihrer jeweiligen Sammlungsstrategie, welche Künstlerpositionen und welche Werke angekauft oder aus Nachlässen übernommen werden.»

Die Stadt kommt ihrer Verpflichtung nach – aber sie entscheidet auch darüber, wie das regionale Erbe aussehen soll. In der Sammlung des Kunstkredits befinden sich aktuell um die 4’700 Werke. Auch René Schlittler ist darunter, mit einer Zeichnung und einem Objekt.


200 Seiten Abhilfe


Es sei ein äusserst wichtiges Thema, sagt Frau Grögel, und ist damit nicht allein. Fragt man bei Museen und Galerien nach, kommt immer wieder dieselbe Antwort: Sehr wichtig, aber wir sind nicht verantwortlich. Was so natürlich stimmt: Laut Schweizer Recht sind die Nachkommen für den Nachlass verantwortlich.


Es geht aber gar nicht so sehr um die Frage, wer verantwortlich ist, sondern wie man die Hinterlassenen bei dieser Verantwortung unterstützt. Auch da sind sich alle Institutionen einig: Wenn jemand mit einem Nachlass kommt, dann versucht man zu helfen. Immer wieder wird auf das Schweizerische Institut für Kunstwissenschaft SIK ISEA in Zürich verwiesen, das vor zwei Jahren eine Beratungsstelle für Künstlernachlässe gegründet hat. 2017 ist begleitend der Ratgeber «Vom Umgang mit Künstlernachlässen» erschienen, in dem auf fast 200 Seiten erklärt wird, wie man einen Nachlass sichtet, sortiert, archiviert. Und gegebenenfalls ausschlägt.


«Diese Form von Unterstützung ist schön und gut, aber lösen tut sie das Problem nicht.» Ricarda Gerosa sitzt mit Nadja Müller in einem Café im Grossbasel. Das Atelier von Schlittler ist mittlerweile fast komplett ausgeräumt, die Ateliergemeinschaft hat einen Markt organisiert, viel ist verkauft worden. Gerosa und Müller haben ein paar Werke von Schlittler mitgenommen. In ein paar Tagen werden die beiden Frauen einen zweitägigen Kick-off-Event durchführen, der den Auftakt ihres neu gegründeten Vereins «RestKunst Basel» markiert. Geplant sind Gespräche und Workshops rund um die Frage, ob es Lösungen gibt, die nicht bei bürokratischer Hilfestellung haltmachen.


Eine Möglichkeit sehen die beiden Frauen in der Errichtung eines Lagerhauses für lokale Kunst, in dem Werke von Basler Künstlern archiviert und in wechselnden Ausstellungen gezeigt werden. «Wer sich in dieser Stadt einen Überblick schaffen will, welche lokalen Künstler wann was produziert haben, der wird nirgends fündig», sagt Gerosa. «Wir wollen einen Ort gründen, an dem das möglich ist.»


Vorrang den Siegern


Sie hat damit nicht Unrecht. In Basel gibt es das Dock, das zwar ein Archivraum ist, aber nur lebende Künstler enthält. Und den Kunstverein, dessen Werke in Büroräumen hängen. Beide haben bis heute kein umfassendes, online zugängliches Archiv. Ist ein lokales Kunstlager die Antwort? Fragt man Andres Pardey, Kurator im Museum Tinguely, muss er verneinen. «Das wäre ein Kunstgrab.» Er wünscht sich ein Instrumentarium an Beratungsmöglichkeiten, die individuell auf Erben eingehen. Mit dem Ziel, dass Nachlässe unter Interessierten aufgeteilt werden. «Wichtig ist doch, dass das Werk überlebt, nicht wo.» Das Problem mit dem Archiv ist damit aber auch nicht gelöst. «Es gibt keine Lösung», sagt Pardey und meint es nicht resignierend. Er wird am Kick-off die Begrüssungsrede halten.

Was soll mit Künstlernachlässen passieren? Von allen Seiten scheint klar zu sein, dass es in Basel keine abschliessende Antwort darauf gibt. Nachlässe sind ein hochemotionales Thema, dem Fakt geschuldet, dass es sich um Lebenswerke handelt. Für viele Nachkommen ist es schwierig zu akzeptieren, dass «ihre» Künstler einem Markt unterworfen sind, der sie nicht haben will. Am Ende schreibt aber eben doch der Sieger die Geschichte der Besiegten.
Und René Schlittlers Geschichte? Seine Werke werden am Kick-off versteigert. Was nicht wegkommt, wollen Gerosa und Müller in einer feierlichen Zeremonie «würdevoll zerstören». Ein ganzes künstlerisches Leben im Eimer. Wie jedes andere Leben am Ende auch.


RestKunst Basel Kick-off-Event 10. November ab 18 Uhr und 11. November ab 11 Uhr. Projektraum M54, Mörsbergerstrasse 54, 4057 Basel.