«Komisch, dass wir uns nicht schon früher begegnet sind», meinen Agnès Varda und JR. Und sie geben tatsächlich ein fantastisches Duo ab: die am Mittwoch 90 Jahre alt gewordene Fotografin, Künstlerin und Filmregisseurin Agnès Varda und der französische Fotograf und Street-Art-Künstler JR, Jahrgang 1983.

Varda ist beeindruckt von JRs lebensgrossen Aufnahmen von Gesichtern; JR hat das Gesicht von Corinne Marchand in Vardas Film «Cléo de 5 à 7» (1962) in lebhafter Erinnerung. Nun haben sie sich zusammengetan, um gemeinsam Gesichter zu fotografieren. Damit erfülle ihr JR ihren grössten Wunsch, sagt Varda.

Entstanden ist das dokumentarische Roadmovie «Visages villages», eine für den Oscar nominierte Reise im Fotomobil durch das ländliche Frankreich und durch das persönliche und kollektive Gedächtnis.

Vom Zufall geleitet

Sie lassen sich dabei vom Zufall leiten. «Der Zufall war immer mein bester Assistent», sagt Varda. Und von Erinnerungen. Menschen und Orte sind mit Erinnerungen verknüpft. Manchmal werden die Erinnerungen durch einen Zufall wach. Manchmal ergibt sich aus Erinnerungen zufällig etwas Neues.

So hat Agnès Varda eine Foto-Postkarte mit einem Minenarbeiter aus Bruay-la-Buissière im nordfranzösischen Kohlebecken in ihrem Erinnerungsschatz. Dort angekommen, treffen Varda und JR auf Jeannine, die einzige Bewohnerin einer alten Bergbausiedlung. Sie lässt sich nicht vertreiben.

JR und sein Team drucken alte Fotos von Minenarbeitern überlebensgross aus und kleben sie an die Hausmauern. Auch Jeannines Gesicht kommt auf ihr Haus als Bild des Widerstands. Die Fabrikarbeiter von Châtau-Arnoux-Saint-Auban versammeln sich zum Gruppenbild, ein Bauer ziert fortan die Vorderseite seiner Scheune.

Leichtigkeit und Witz

JR und Varda tapezieren den öffentlichen Raum mit einfachen Leuten und setzen ihnen damit ein Denkmal, die Landschaften mit ihren Dörfern stellen sie in den Kontext von Geschichte und Gegenwart. Diese Episoden oder Schnipsel montieren sie zu einer vielfältigen filmischen Collage.

Es ist aber auch die Geschichte einer künstlerischen Begegnung und einer sich daraus entwickelnden Freundschaft. Varda und JR überraschen sich gegenseitig immer wieder und lernen vom Blick des anderen. Wie sie sich den ganzen Film hindurch liebevoll necken, verleiht dem Ganzen Leichtigkeit und Witz.

Man muss weder von Film noch von Fotografie eine grosse Ahnung haben, um sich in diesem Film wohlzufühlen. «Visages villages» ist ein höchst vergnügliches Abenteuer, dessen soziale und feministische Kommentare sich ganz natürlich aus den Begegnungen mit den Leuten ergeben. Mit Agnès Varda und JR sind zwei Künstler unterwegs, die auf dem Boden geblieben sind und, ob alt oder jung, einfach einen schönen Blick haben.

Visages villages (F 2017) 89 Min. Regie: Agnès Varda. Ab heute Donnerstag im Kino. ✮✮✮✮✰