Pop

Viel Sonne, wenig Glanz: Der Openair-Sommer ist vorbei

Wo spielt die Musik? Viele Besucher (wie hier auf dem Gurten) haben an den Open Airs einfach die Sonne genossen

Wo spielt die Musik? Viele Besucher (wie hier auf dem Gurten) haben an den Open Airs einfach die Sonne genossen

Mit dem Zürich Openair ist die Festivalsaison zu Ende gegangen. Die musikalische Bilanz ist durchzogen.

Und dann ist der Open-Air-Sommer vorbei. Der Rap-Star Kendrick Lamar spielt «All the Stars» und der Himmel öffnet seine Schleusen. Ein heftiges Gewitter entlädt sich über dem Gelände des Zürich Open- airs. Schnell ist das Gelände wie leergefegt, alle drängen sich unter die Zelte. Zuvor hat sich Lamar durch ein sehr solides Set geackert. Der 31-jährige Amerikaner tut dies ohne viel Show und Schnörkel. Wieso auch? Er hat keine Lücken zu füllen: Auch wenn er nicht restlos begeistert an diesem Abend, er hat eine wahnsinnig beeindruckende Präsenz. Wenn er – sehr stilecht im Oasis-T-Shirt – seine punktgenauen Lines rappt, dann verfehlt das seine Wirkung nie. Die Band, etwas versteckt am Bühnenrand, doppelt die Beats, groovt, bleibt aber stets im Hintergrund. King Kendrick braucht eben seinen Platz.

Er ist der Rapper der Stunde – und das schon seit einigen Stunden. Er ist technisch ein Ausnahmekönner und beherrscht wie kein Zweiter die nötige Prise Ernsthaftigkeit, wenn er seine Zeilen vorträgt. Auch in den Momenten, in denen das Publikum johlt und jeden seiner Sätze mitrappt, verfällt Lamar nicht mit in die Euphorie. Er steht über solchen Dingen, denkt man und nickt zu den Beats. Da ahnt man das drohende Gewitter zwar bereits, aber weggehen ist keine Option.

Knallernamen fehlen

Lamar setzte mit seinem Konzert auch eine Art Schlusspunkt unter die Open-Air-Saison. Die grossen Festivals sind alle durch. Anders als beim Wetter, das mit (beinahe zu viel) Sonne punktete, fällt die Bilanz des Open-Air-Sommers durchzogener aus. Mehrere grosse Festivals hatten Mühe, alle Tickets wegzubringen. Am offensichtlichsten war das in St. Gallen, aber auch bei anderen Festivals waren Lücken auf Zeltplätzen und im Publikum auszumachen – da und dort wird gar gemunkelt, dass einzelne Veranstalter am Schluss einfach «ausverkauft» gemeldet haben, um im nächsten Jahr einen psychologischen Vorteil zu erzielen.

Woran liegts? Die Feststellung des Problems ist wie immer einfacher als die Ergründung und die Lösung. Was auffällt: Die meisten Programme waren dieses Jahr recht unspektakulär. Neben Eminem (in Frauenfeld) und Kendrick Lamar (in Zürich) fehlten die richtigen Knallernamen. Dafür gab es viel vom Immergleichen: Angus & Julia Stone spielten etwa am Gurten, am Open Air St. Gallen und in Montreux. Ed Sheeran spielte lieber zweimal im ausverkauften Letzigrund. Und die meisten Acts konnte man bereits im letzten Sommer an einem der grossen Festivals sehen.

Übersättigung

Ivo Amarilli hat für SRF die Berichterstattung rund um den Open-AirSommer organisiert und alle grossen Schweizer Festivals besucht. Auch sein Fazit ist durchzogen: Er stellt zunehmend eine «Übersättigung» fest. «Oft geht es den Leuten schlicht nicht mehr um die Musik», so Amarilli. Krassestes Beispiel war für ihn Nine Inch Nails in St. Gallen: «Da konntest du problemlos bis in die erste Reihe durchlaufen, und überall wurde gesprochen.» Da sei eine Verdrossenheit spürbar, findet Amarilli. Er glaubt zudem auch, dass einige Festivals am Publikum vorbeiprogrammieren: «Ich finde es ja löblich, dass es den Veranstaltern immer noch wichtig ist, dass man coole Bands bucht, aber eigentlich trifft man damit den Geschmack des Publikums selten.» Ein gutes Beispiel sei für ihn etwa das Gampel-Festival, «die positionieren sich als grosse Party und buchen entsprechende Bands – das funktioniert.» Besonders beeindruckt haben Amarilli dieses Jahr Hecht: «Egal, wo die spielten, die hatten das Publikum immer nach wenigen Minuten im Sack. Egal, ob sie abends oder mittags auftraten.

Was auch funktioniere, seien Spartenfestivals. «Das aufmerksamste Publikum habe ich in Frauenfeld gesehen», sagt Amarilli. Da werde mitgerappt, getanzt und man sei bei der Sache. «Da kommen die Leute noch wegen der Musik.» Mit Abstrichen gilt das auch für das Zürich Openair. Das sei ein klassisches Stadtfestival, «da kommen die Leute gezielt für einen Act und gehen nachher wieder nach Hause». Zumindest dann, wenn das Gewitter aufgehört hat und man wieder unter dem Zelt hervorkommen kann.

Meistgesehen

Artboard 1