Vergleich der Filmfestivals
Hauptstadt der Filmbranche versus Treffpunkt der Cinephilen: Läuft Zürich Locarno den Rang ab?

Das Zürcher Filmfestival ZFF ist im Teenageralter, dasjenige von Locarno gehört zur alten Garde. Wo liegen welche Vorteile? Und wohin geht die ­Reise in einer Branche, die von Netflix und Co auf den Kopf gestellt wird?

Daniel Fuchs
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Das Goldene Auge aus Zürich braucht sich nicht zu verstecken vor dem Goldenen Leoparden aus Locarno.

Das Goldene Auge aus Zürich braucht sich nicht zu verstecken vor dem Goldenen Leoparden aus Locarno.

Montage: Locarno Film Festival/Getty Images

Mal ganz ehrlich. Wie gefällt Ihnen die Piazza Grande in Locarno besser? Vollgestellt mit 8000 Plastikstühlen, in Gelb und Schwarz gefärbt, ganz im Muster des Leoparden, der für das traditionsreichste Filmfestival der Schweiz und das drittälteste weltweit steht? Oder doch leer, sodass die schöne Pflästerung des Zentrums der zwischen See und Bergen liegenden Locarneser Altstadt richtig zur Geltung kommt?

Die Piazza Grande hat etwas Erhabenes, Metropolitanes mit ihren Palazzi, die sie säumen. Fürs Auge schöner ohne Plastikstühle, eigentlich. Abends, nach dem Eindunkeln aber gibt es kaum Besseres als eine Piazza voller Menschen und einer leuchtenden Leinwand dazu.

Die Piazza Grande, überstellt.

Die Piazza Grande, überstellt.

Urs Flueeler / KEYSTONE

Letztes Jahr fiel die Filmfestivalsaison wegen Corona fast komplett aus – Festivals fanden fürs Publikum digital statt. Locarno versuchte sich als Hybrid: Streaming fürs cinephile Publikum zu Hause, vor Ort gab es bloss so etwas wie einen Touristenanlass. Nutzniesserin war das Zurich Film Festival (ZFF), das im Herbst stattfindet und deshalb mit der «Gnade des richtigen Zeitpunkts» gesegnet war, wie sich der Direktor des zweitgrössten Schweizer Filmfestivals, Christian Jungen, ausdrückte.

Cannes abgesagt, Locarno ausser Konkurrenz: Letztes Jahr schielten alle Augen nach Zürich, das erst zum 16. Mal stattfand.

Netflix in Locarno, Hollywood in Zürich

Das älteste versus das jüngste der grossen Festivals in der Schweiz, Autorenkino gegen Hollywood, das sich Zürich gerne auf die Fahne schreibt, Filmkultur verbunden mit Tessiner Dolce Vita gegen ­cineastische Luftsprünge in der Zwingli­stadt: Locarno und Zürich sind die grössten Festivals in der Schweiz. Doch welches ist besser?

In Locarno diskutierten diese Woche Schweizer Festivalchefs über die schwierige Positionierung unter dem Eindruck der zunehmenden Marktübermacht von Streaminganbietern wie Netflix und Co. Unter ihnen die Neo-Direktoren Giona A. Nazzaro (in Locarno übernahm er den Posten letzten Herbst von Lili Hinstin, die das Festival überraschend verliess) und Christian Jungen (der just als Premiere die Pandemie-Ausgabe zur Aufgabe hatte).

Neo-Direktor Locarno: Giona A. Nazzaro.

Neo-Direktor Locarno: Giona A. Nazzaro.

Alessandro Crinari / KEYSTONE

Nazzaro geht neue Wege und eröffnete die diesjährige 74. Ausgabe mit einem Film von Netflix. «Einem sogenannten Netflixfilm», betont Nazzaro. In Auftrag gegeben, finanziert und produziert wurde «Beckett» nicht vom Streamingriesen. Netflix erstand bloss die Lizenz, den Film weltweit zu verbreiten. «Netflix erwirbt Autorenfilme, Filme, die wir in Locarno zeigen wollen», sagte Nazzaro.

Nicht einfach für die Festivals, welche die Streaminganbieter abklappern müssen, zu denen sich ­– und das machten die Schweizer Filmfestivaldirektoren klar – noch kein direkter Draht etabliert hat.

Einen Netflixfilm an ein Festival bringen ist das eine. Aber danach? Blutet einem Cineasten wie Nazzaro nicht das Herz, wenn der Eröffnungsfilm zum Streaming angeboten wird, ehe das Festival zu Ende ist? Nazzaros Logik: «Ich bin froh, wenn ein Festivalfilm danach auf Netflix zu sehen ist. Wie waren wir traurig über all die Filme, die am Festival liefen, aber danach keinen Käufer fanden und nie für ein grösseres Publikum ins Kino kamen.»

Locarno, quo vadis? Mit dem Eröffnungsfilm hat Nazzaro einen Pflock eingeschlagen. Doch betonte er seine Liebe zum Kino. Gleichentags wie «Beckett» lief am Festival der Stummfilm «Safety Last!» aus dem Jahr 1923 mit musikalischer Begleitung des Orchesters der italienischsprachigen Schweiz. Nazzaro unterstrich mit diesem Scherz seine Affinität fürs Kino:

«Man musste mich aus dem Kinosaal zerren, weil ich nach Filmbeginn an einen anderen Termin musste.»

Locarno hat die Scheuklappen gegenüber Streaminganbietern abgelegt; Cannes, das wichtigste Filmfestival überhaupt, tut sich damit sehr schwer. Und Zürich, das im Vergleich mit Locarno vor allem damit punkten kann, dass es ihm immer wieder gelingt, grosse Hollywoodstars in die Schweiz zu holen? Jungen steht ebenso in Verhandlungen mit Streaminganbietern wie mit klassischen Kinofilmverleihern. «Die Festivals sind mit grossen Veränderungen konfrontiert. Aber eines bleibt: das Kino», zeigte sich der ZFF-Direktor in Locarno überzeugt.

Und er betonte, wie wichtig Festivals für die Schauspieler seien, steigende Bedeutung von Streaming hin oder her:

«Bei Netflix klatscht niemand. Sie wollen den roten oder grünen Teppich, die Afterparty.»
Und der ZFF-Direktor Christian Jungen.

Und der ZFF-Direktor Christian Jungen.

Andreas Rentz / Getty Images Europe

Überschaubarkeit als Vorteil, Grossstädtisches als Nachteil

Locarno atmet während der elf Tage im August, wenn das Festival stattfindet, ganz den Geist des Films. Wie es auch im überschaubaren Cannes oder im kleineren Rahmen bei den Solothurner Filmtagen spürbar ist. Zürich kann das nicht bieten. Dafür ist die Stadt zu gross. Nicht einmal auf dem Sechseläutenplatz, der eben keine Piazza Grande ist, wird man mit Festivalfieber angesteckt.

Trotzdem holt Zürich auf, sowohl was die Zahl der gezeigten Filme betrifft als auch punkto Publikum. Besonders glücklich sind Jungen und sein Team beim längst etablierten, aber wachsenden Zürcher Festival über einen Entscheid des Bunds, den Fördertopf künftig auch fürs ZFF stärker zu öffnen. Das Festival kommt ab nächstem Jahr in den Genuss von Bundesgeldern, die mit 440'000 Franken die 250'000 von diesem Jahr deutlich übersteigen. Die stets betonte Unabhängigkeit der Zürcher vom Staat gilt dann trotz der annähernden Verdoppelung immer noch, besonders im Vergleich zu Locarno, das sich heute zu einem weit höheren Anteil aus öffentlichen Geldern finanziert (siehe Grafik unten).

Punkto Zuschaueraufkommen ist es für Zürich schwierig, in ähnliche Sphären zu stossen wie Locarno. Die Piazza Grande, auf der, wenn es das Wetter zulässt, 8000 Zuschauer einen Film schauen können, fällt da zu gewaltig ins Gewicht. Bei der Zürcher Aufholjagd hilft aber die bessere Infrastruktur der Grossstadt. Die Zürcher Kinos sind State of the Art, was man nicht von allen Spielstätten in Locarno behaupten kann. In Locarno fehlt es schlicht an einem Festivalpalast, der im Fall von Cannes zwar hässlich anzusehen, aber doch bestens ausgestattet ist.

Fazit: Die Nase vorn hat immer noch Locarno. Die Tessiner Stadt bietet mehr als gute Filme. Anfang August, dem üblichen Tessiner Sommerwetter sei Dank, ist das Filmfestival so etwas wie das Epizentrum des Schweizer Sommers. Und dazu gehören irgendwie auch Plastikstühle.

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