Im Ersten Weltkrieg wurden zahlreiche Schlachten geführt, aber einzig die am 21. Februar 1916 einsetzende Schlacht um Verdun wurde zum Inbegriff der mörderischen Auseinandersetzung der Jahre 1914–1918, das heisst zur «Urschlacht», nachdem der ganze Krieg bereits als «Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts» einen Platz in der Geschichte erhalten hatte.

Warum und wie erlangte «Verdun», um das bis in den Dezember 1916 intensiv gekämpft wurde, eine erstrangige Position im kollektiven Gedächtnis? Seinen exemplarischen Status kann man nur bedingt mit den hohen Gefallenenzahlen erklären. Wenn diese das Kriterium wären, müsste eigentlich die Schlacht an der Somme den ersten Rang einnehmen.

Zwar sind auch in Verdun einige hunderttausend Soldaten gefallen, das heisst im Artilleriefeuer verheizt worden. Genaue Zahlen lassen sich nicht nennen, die Angaben schwanken zwischen 200 000 und 700 000. Allenfalls könnte man im enormen und zugleich auf einen begrenzten Ort konzentrierten Materialeinsatz sowie in der Dauer eine Erklärung für seine hohe Bedeutung sehen. Statt die Bedeutung bloss aus der Sache selbst abzuleiten, sollten wir aber in der Bedeutungsgebung eine wesentliche Ursache für den hohen Status dieses Erinnerns sehen.

Getrenntes und unterschiedliches Erinnern

Verdun wurde auf französischer und auf deutscher Seite zunächst je separat und unterschiedlich erinnert. Die asymmetrische Erinnerung war zum Teil eine Fortsetzung des Kampfes mit anderen Mitteln. Auf französischer Seite waren die Erinnerungen an Verdun ein Erinnern an Verteidigung und Sieg mit einem einigermassen klaren Profil. Für die deutsche Seite waren sie ein Erinnern an Angriff und Niederlage mit diffusem Inhalt. Für Frankreich war Verdun bereits in der Realzeit nachvollziehbar ein Ort, wo es um Existenz und Schicksal ging. Der Kampf um Verdun wurde demjenigen der Griechen gegen die Perser (Thermopylen) gleichgesetzt. Die Parole «Sie werden nicht durchkommen» steht dafür. Es war zudem ein Kampf, an dem mit einem Rotationssystem bewusst sozusagen die ganze Armee beteiligt war, was schliesslich zu einer entsprechend breiten Erinnerungsbasis führte.

Das Gedenken auf deutscher Seite war schwieriger. Es gab da kein Vaterland und keine zivilisatorische Mission zu stilisieren, trotz der Parolen der Heimatfront vom Kampf für deutsche Kultur. Für die deutsche Seite wurde Verdun zu einem Symbolort bloss für allgemeine, also verfügbare Kriegstugend wie Kampfgeist, Todesmut und Kameradschaft, für sie konnte die Schlacht trotz realer Niederlage wenigstens einen moralischen Sieg beanspruchen. Deutsche Bücher präsentierten in den 1930er-Jahren Verdun als erzieherisches Mysterium, das im «Blutopfer» und in der «Kriegskameradschaft» den eigentlichen Sinn des Lebens offenbarte.

Der deutsch-elsässische Verdun-Veteran Paul Coelestin Ettighoffer machte 1936 – 20 Jahre danach – in einer bei Bertelsmann in über 100 000 Exemplaren produzierten Schrift aus Verdun einen pazifistischen Mythos. Er würdigte, dass beide Seiten in dieser Schlacht «ihre besten Soldaten» eingesetzt hätten. Ihm ging die Deutung des zunächst pazifistisch eingestellten und 1939 zum Nationalsozialismus übergetretenen Schriftstellers Ernst Glaeser voraus: «Wo Verdun beginnt, hören die Nationen auf. Sein Boden gehört allen, denn er ist vom Blut aller genässt.»

Gemeinsames und verwandtes Erinnern

Der allseitige Schlachtfeldtourismus setzte schon früh ein. In den ersten Jahren nach 1918 fiel der starke Unterschied zwischen denjenigen auf, die im Ereignis – in der «Todesmühle» – drinnen waren, und denjenigen, die es von draussen wahrnahmen: zwischen den ausgesprochen schweigsamen, sich zur andächtigen Stille verpflichtenden Kämpfern und den etwas lärmigen, mondänen Zivilisten der politischen Welt und später der Schlachtfeld-Touristen.

Am Gedenkanlass von 1936 nahmen ausser rund 20 000 französischen Veteranen auch eine deutsche und italienische Delegation sowie Veteranen aus anderen Ländern (Belgien, Kanada, USA) teil. Die deutschen Teilnehmer bestanden aus einer nationalsozialistischen Formation von 500 Mann – zwar in Zivil, aber mit Hakenkreuzfahne und Hitlergruss. Die deutsche Teilnahme stand ganz im Dienst der nationalsozialistischen Friedensbeteuerungen.

Die lokalen Kräfte in der Region von Verdun trugen einiges dazu bei, dass «ihre» Schlachtfelder zu einem Pilgerort wurden. In den Selbstbezeichnungen Verduns ist ein gewisser Wandel festzustellen: von «cité héroique» über «ville de guerre» zu «capitale de la paix». Unklar bleibt, wann genau und wie Verdun zur Bezeichnung «Hauptstadt des Friedens» kam. Der Moment liegt in den frühen 1980er Jahren, in der Zeit der Proteste gegen den Nato-Doppelbeschluss. Da gab es Bestrebungen, in Verdun eine internationale Abrüstungskonferenz abzuhalten, selbstverständlich in Kombination mit dem Besuch des grossen Beinhauses.

Zur «Welthauptstadt des Friedens, der Freiheit und der Menschenrechte» wurde sie von der UNO erst 1987 ausgerufen, auf die Anerkennung als Unesco-Weltkulturerbe (zusammen mit Metz) muss sie jedoch noch warten. Seit 1996 wird in Verdun unter dem Titel «Von den Flammen zum Licht» mit 250 freiwilligen deutschen und französischen Schauspielern ein Freiluftspektakel aufgeführt, von dem es heisst, dass nicht nur Kämpfe nachgespielt würden, sondern auch Kriegsalltag gezeigt würde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte auf französischer Seite ein für Versöhnungsgesten genutztes Gedenken ein, dem dann erneut auch ein gemeinsames Gedenken folgen konnte. 1966, fünfzig Jahre nach Verdun und in der Konsolidierungsphase der jungen EG, hielt Staatspräsident Charles de Gaulle eine Rede vor Ort und legte ein Bekenntnis zur französisch-deutschen Versöhnung ab. 1976 stellte Staatspräsident Giscard d’Estaing seinen Auftritt in Verdun ebenfalls in den Dienst der französisch-deutschen Partnerschaft und machte aus dem Schlachtfeld den Ursprungsort für den jetzt herrschenden Versöhnungswillen.

Im September 1984, siebzig Jahre nach Kriegsausbruch, kam es dann zum bekannten Auftritt von Staatspräsident François Mitterrand und Bundeskanzler Helmut Kohl, was – wie das Fort von Douaumont selbst – zu einer medial stark verbreiteten Ikone wurde, die, wie man sagt, «um die Welt» ging. Ein Kommentar sah in der Ermöglichung des gemeinsamen Auftritts eine Geste des französischen Staatspräsidenten Mitterrand, womit dieser für Kohls Ausschluss aus dem Normandie-Gedenken vom 6. Juni 1984 eine Kompensation bieten wollte.

Das Verbindende hatte offenbar auch seine Grenzen. Etwas hämisch wurde bemerkt, dass Paris keinen Auftritt Kohls im Städtchen Verdun vorsah, was den örtlichen Bürgermeister offenbar ärgerte, und womit der «grosse Symbolist» Mitterrand auch zum Ausdruck bringen wollte, dass die Deutschen 1916/17 bloss bis Douaumont, aber nicht bis ins Städtchen vorgedrungen waren.

1996 war Chiracs Auftritt zum Missfallen des traditionellen Publikums noch stärker auf die gemeinsame Zukunft in Europa ausgerichtet: Der Staatspräsident verbrachte das Mittagessen mit 15 Jugendlichen aus Ländern der EU in einem kleinen Restaurant von Verdun.

Verbale Versöhnungsbekenntnisse waren das eine, etwas anderes war die gleichgestellte Berücksichtigung der nationalen Symbolik, insbesondere der Flaggen, aber auch der Hymnen. 1992 könnte es beim Memorial in der Stadt Verdun zur ersten gemeinsamen Präsenz der französischen, deutschen und europäischen Flagge gekommen sein. Fahnen aller beteiligten Nationen – plus natürlich die gemeinsame Europafahne – waren schon früher bewusst vor dem als internationale Institution verstandenen französische Museum «Historial de la Grande Guerre» in Péronne aufgezogen worden. Dieses ist bewusst im Raum der früheren Somme-Schlacht angesiedelt.

Separate und gemeinsame Geschichtsschreibung

Seit den 1980er- und 1990er-Jahren haben sich der Franzose Antoine Prost und der Deutsche Gerd Krumeich nicht als Militär-, sondern als Mentalitäts- und Kulturhistoriker zunächst separat mit Verduns Stellenwert im kollektiven Gedenken der beiden Länder befasst. Beide taten es zunächst separat. Nun haben sie aber eine vierhändig, das heisst «à quatre mains» vorbereitete Verdun-Publikation herausgebracht.

Inzwischen gewann Verdun neben seiner ursprünglichen Bedeutung für die französische und die deutsche Seite mehr und mehr auch noch einen anderen, beinahe gegenläufigen Erinnerungsinhalt, nämlich den einer eindringlichen Warnung. Er wurde zum Inbegriff des Grauens und des Irrsinns des modernen Kriegs. Verdun ist zu einem allgemeinen Antikriegssymbol geworden, es «gehört» nun, ob Franzosen dies mögen oder nicht, als universalisierter Gedenkort im realen wie im übertragenen Sinn bis zu einem gewissen Grad nun schlicht allen.

* Georg Kreis ist emeritierter Professor für Neuere Allgemeine Geschichte und Geschichte der Schweiz an der Universität Basel.