Auf dem Papier, vor dem Konzert stellte man sich das als richtigen Overkill vor. Da hat man dieses Berner Sextett, das im europäischen Jazz derzeit eine der wildesten Unternehmungen darstellt: Die «Hildegard» mit dem unvergleichlichen Stimmen-Abenteurer Andreas Schaerer, umgeben von fünf Instrumentalisten, die von Free Jazz bis Afrika nahezu auf Zuruf umschalten. Und deren Klangwelt soll sich dann auch noch in ein komplettes Symphonieorchester einbetten?

Nicht ohne Grund nennt Schaerer diesen Clash der Klangkörper «The Big Wig», also «grosse Nummer». Und erinnert sich, welchen Bammel er hatte, als er völlig unvorhergesehen den Auftrag zur Zusammenarbeit mit diesem 60-köpfigen Monster aus Luzern erhielt. Eine Gratwanderung, pure Unvernunft, so der Berner, schliesslich sei die Geschichte des Symphonieorchesters schon geschrieben, was solle man da noch hinzufügen?

Bedenkenlose Anarchie hiess die Lösung, der Verfahrensweise eines Frank Zappa verwandt. Vergleiche mit dessen orchestralem Schaffen drängen sich während der unfassbar spannenden Show immer wieder auf, mit dem einen Unterschied: Zappa war nicht solch ein begnadeter Vokalist.

Ganz grosses Ohrenkino

Zu Beginn leiten schräge Fanfaren in hektische melodische Hakenschläge, die der Sänger mit dem Bläsersatz und den Streichern unisono vollführt. Er kippt hoch ins Falsett, gibt an Posaunist Andreas Tschopp ab, unter deren New-Orleans-haftem Solo sich Bläser, Xylofon und Streicherpizzicati tummeln. Der Kurs ist gesteckt und das Präludium führt tiefer in die instrumentale Detailarbeit: Röhrenglocken und ein weihevoller Choral hauchen Harfengirlanden Leben ein.

Sie eskortieren eine sehnsüchtige Gesangesmelodie voll chromatischer Abgründe, koloriert von flirrenden Streichern. Glasige Violinen in höchsten Lagen begegnen Schaerers kristallinen Kastratentönen. Hier wird klar: Das ist grosses Ohrenkino. Im tänzelnden Dreierrhythmus bricht die Band in aufgeregtes Schnattern und Quaken aus, ideale Projektionsfläche für Schaerers Akrobatik: Er dialogisiert mit sich selbst, mimt den Rapper, Dandy, Chorknaben in Personalunion, steuert jede noch so feine Halbtonnuance im Affenzahn zielsicher an.

Zwischen Afrika und Minimal

Und dann schweigt der grosse Apparat bis auf die sechs Perkussionisten: Sie verzahnen sich mit Zungenschnalzen, Beatboxing und Nachtvogelpfeifen zu einem fantastischen Szenario zwischen Afrika und Minimal Music. Nochmals eine Steigerung. Eine «lustvolle Zermalmung» der beiden Parteien. Dirigent Mariano Chiacchiarini vermittelt hellwach zwischen Orchester und Band.

Alles kulminiert darin, dass Schaerer selbst das Pult erklimmt, grollend die Bläser, fauchend die Streicher anheizt und mit Knabenstimme seine Schützlinge in romantische Verzückung versetzt – die Musiker üben kollektive Improvisation. Dass sich die Hildegard und ihre 60 klassischen Freunde zum Finale noch aufs Opernparkett wagen, mit einer Reminiszenz an Bizets «Carmen», gespickt von einem herzblutenden Baritonsax (Benedikt Reising), verwundert dann kaum noch. Pure Unvernunft, ja. Aber den Unvernünftigen, den Gratwanderern, ihnen gehört in der Musik die ganze Welt.

Nächstes Konzert: Eröffnung Jazzfestival Schaffhausen am 10. Mai im Stadttheater.