Theaterprojekt

Über Krebs kann man singen – und Witze reissen: Elf Betroffene machen es vor

Krebs löst starke Gefühle aus. Musik auch. In der Inszenierung «Krebskaraoke »kommt alles zusammen.

Krebs löst starke Gefühle aus. Musik auch. In der Inszenierung «Krebskaraoke »kommt alles zusammen.

Keine Krankheit macht der Menschheit so viel Angst wie Krebs. Das Theaterprojekt «Krebskaraoke» ist eine witzige, tiefschwarze Auseinandersetzung von Menschen, für die die Krankheit Alltag ist.

Als man bei der britischen Regisseurin Emily Magorrian 2016 das seltene Burkitt-Lymphom diagnostizierte, war sie 25 Jahre alt. Die Ärzte gaben ihr nur eine geringe Überlebenschance. Was tun in so einer Situation? «Ich sass in meinem Krankenhausbett im Inselspital Bern und fing an, die Namen der Medikamente zu singen, die man mir verabreichte», erzählt Magorrian neben den Proben zu ihrem neuen Projekt «Krebskaraoke» in Aarau.

Magorrian trotzte der Statistik und überlebte. In einer skurrilen Comedyshow, die letztes Jahr an den Basler ­Dokumentartagen zu sehen war und sich Bertolt Brechts Verfremdungstechniken bediente, liess sie ihren schutzlosen Körper mit bunten Pillen bewerfen, erhob den Galgenhumor von damals zu ihrem künstlerischen Prinzip.

Nun steht Magorrian mit Jonas ­Egloff am Rand der Tuchlaube-Bühne in Aarau. Sie geben elf Frauen Regieanweisungen. Jede von ihnen hat ihre eigene Geschichte. Mit Brustkrebs, Lungenkrebs, Nieren- und Eierstockkrebs, mit Leukämie, mit einem Gehirntumor.

Die Ängste des Publikums an der Wurzel packen

«Sarah, du musst dringend überzeugender sterben, ruft Magorrian. Sarah, 43, Brustkrebspatientin, bricht ein zweites Mal stöhnend zusammen. Als Sarah grinsend wieder aufsteht, brechen die restlichen zehn in Gelächter aus. Der Gag soll das Publikum an der Wurzel seiner Ängste packen. Ängste, die sich aus Statistiken nähren. Jedes Jahr werden in der Schweiz gemäss Krebsliga 41 700 neue Krebsfälle dia­gnostiziert. 16 900 Menschen erliegen der Krankheit jedes Jahr. Das sind Angehörige, das sind Freunde, die Nachbarn von nebenan. Und Hinterbliebene sind es dann auch, die den 11 Frauen auf der Bühne Sätze sagen, die ihnen nicht weiterhelfen: «Mein Cousin ist auch an Krebs gestorben.» «Versuchs mal mit Methadon, da kursiert ein interessantes Video im Internet. Die Pharmaindustrie hält das unter dem Deckel.» «Hör bloss nicht auf die Ärzte!» «Hattest du zu viel Stress?»

«Die Haare sind für die meisten Menschen der wichtigste Indikator, ob es dir gut geht», erklärt Sarah. Das sei absurd. Krebspatienten seien in den Augen der Öffentlichkeit entweder Opfer oder Helden. Dazwischen gebe es nichts. «Ich rege mich trotzdem immer noch über eine Blindschleiche auf, die innerorts mit 30 herumkurvt», erklärt Katrin (45). «Ich habe mich nie als krank empfunden», sagt Brigitte (48) und ergänzt:

Die amerikanische Publizistin ­Susan Sontag wehrte sich schon in den Siebzigern gegen die exzessive Ausdeutung der Krankheit. Dass man den Betroffenen ganze Schulddiskurse andichtete. Im Krebs immer ein wenig mehr sah als eine Krankheit unter ­vielen. Auch an den elf Frauen geht das nicht vorbei, auch sie suchten irgend­wann für sich einmal nach ­Gründen, die so ein Schicksal irgendwie mit Sinn füllen. Genauso, wie der 2010 an Lungenkrebs verstorbene Starregisseur Christoph Schlingensief über seinen Krebs in Tagebuchein­trägen und auf der Bühne pausenlos philosophierte.

Schwarzer Humor als Brückenbauer

Regisseur Jonas Egloff, der oft mit Laiendarstellern arbeitet, leitet in Aarau die einzige Bürgerbühne der Schweiz. Auf ihr lassen Menschen verschiedenster Milieus die Öffentlichkeit an ihrem Erfahrungsschatz teilhaben. Mit Emily Magorrian liess er sich von den Frauen ihre persönliche Geschichte erzählen. «Wir sind davon ausgegangen, dass jeder Krebs die grossen Fragen im Leben auslöst – und die Spielerinnen darum viel zu erzählen haben», so Egloff. Magorrian interessierte, was für Lieder während dieser schwierigen Zeit durch andere Köpfe gehen. Ob die Frauen Trost in pathetischen Powerliedern der 1980er wie «Purple Rain» oder «The Show Must Go On» suchen wie sie damals?

Krebspatientin Sarah: «Die Haare sind für die meisten Menschen der wichtigste Indikator, ob es dir gut geht.»

Krebspatientin Sarah: «Die Haare sind für die meisten Menschen der wichtigste Indikator, ob es dir gut geht.»

Tun sie nicht. Dafür spricht man gemein­sam in der Sprache des schwarzen Humors. Brustkrebspatientin ­Katrin, auf deren Kostüm ein stylishes ­Karzinom krabbelt, zelebriert ihn in einem Blog. «Ich bin erblich vorbe­lastet», erklärt Karin (49), «ich komme aus einer Theaterfamilie.» Ironisch, ­pathetisch, lustvoll wollen sich die elf auf der Bühne durch eine Playlist singen.

Am Ende eines langen Probeabends füllt sich der Raum mit Leben. «Bevor ich sterbe, will ich nochmals den Eiffelturm sehen, und du?», fragen die Frauen sich und in die noch leeren Publikumsreihen. Ein lautes Wunschkonzert, im Publikum bleibt man stumm.

Autor

Julia Stephan

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