Art Basel
Über Geld wird nur leise geredet

Eindrücke eines Kunstmesseneulings in einer Welt zwischen Kunst und Kapital

Pedro Lenz
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Widersprüche zeigen im Verhalten der Besucher wie in der Kunst: Juan Muñoz «Two figures one laughing and one hanging» (Galerie Elvira González)

Widersprüche zeigen im Verhalten der Besucher wie in der Kunst: Juan Muñoz «Two figures one laughing and one hanging» (Galerie Elvira González)

Getty Images

Der rumänische Akkordeonspieler im Tram Nummer 2 vom Bahnhof SBB ins Messegelände spielt eine schöne Musette im Dreivierteltakt. Doch an diesem Mittwochvormittag hat er Pech. Das Tram ist zwar voll von Kunstinteressierten, aber ihr Interesse gilt nicht seiner Kunst. Die Besucher der Art Basel ignorieren den Musikanten. Sässen neben all den adrett gekleideten Kunstsachverständigen nicht noch eine Rentnerin und ein Gastarbeiter im Wagen, der Pappbecher des Akkordeonisten wäre wohl leer geblieben.

Vor der Messehalle 2 bildet sich kurz vor Türöffnung eine eindrückliche Schlange. Die Besucherinnen und Besucher sind gebeten, ihre Taschen durchleuchten zu lassen. Das läuft speditiv, freundlich und unaufgeregt ab. Selbst meine verlegen vorgebrachte Erklärung, das Taschenmesser hätte ich nur dabei, um mir mein Mittagsbrot zu streichen, wird akzeptiert. Lachend wünscht mir der Sicherheitsmann einen guten Appetit.

Drinnen, inmitten der Ausstellungsstände, will mir sofort Herr Kunz einfallen. Herr Kunz war mein Englischlehrer an der Sekundarschule, ein weiser Mann. Er betonte jeweils die grosse Bedeutung des Englischen auf der ganzen Welt und ermahnte uns, die Sprache ernst zu nehmen. Hätte ich seine Beteuerungen damals ignoriert, wäre ich jetzt verloren. Alle Presseinformationen sind ausschliesslich auf Englisch verfasst. Alle Beschriftungen sind Englisch. Und in den Korridoren hängen überall englische Sprachfetzen in der Luft. Man hört Englisch mit französischem Akzent, Englisch mit deutschem Akzent, Englisch mit spanischem Akzent, Englisch aus asiatischen Mündern, Englisch aus slawischen Mündern und Englisch aus englischen Mündern.

Ist das viel Geld oder wenig?

Gleich nach dem Eingang zieht mich der Sog des Menschenstroms vorbei an Bildern der Kunstprominenz des 20. Jahrhunderts. Dort ein Pferdepaar von Franz Marc, da eine Serie von Kurt-Schwitters-Collagen und dort ein paar Aquarelle von Erich Heckel. Doch dazwischen, daneben, davor und dahinter hängen auch weniger bekannte Namen, mit nicht weniger ausdrucksstarker Kunst.

Vor einem grossformatigen Bild eines italienischen Vertreters der informellen Malerei, Emilio Vedova (1919–2006), bleibe ich eine Weile stehen. Ein distinguierter Herr neben mir erkundigt sich beim Galeristen diskret nach dem Preis. «The Price of this one?», fragt der Galerist zurück, um dann, etwas leiser diesmal, die Summe von 450 000 Euro zu nennen. Ob das für so ein Bild viel Geld ist oder wenig, vermag ich nicht zu beurteilen. Einfacher zu beurteilen ist dagegen die Reaktion des potenziellen Kunden. Er beginnt sich sofort Notizen zu machen und zieht sich bald darauf mit dem Galeristen in ein Separee zurück.

Überhaupt fällt auf, dass in den Ausstellungspavillons über Geld, wenn überhaupt, nur sehr leise geredet wird. Diskretion scheint in diesen Kreisen ein hohes Gut zu sein. In diesem Punkt unterscheidet sich die Kunstkundschaft offensichtlich nicht wesentlich von der Bankkundschaft. Bei Bedarf werden zwischen Händlern und Interessenten selbst steuerrechtliche Details ausgetauscht. Ich schnappe Begriffe wie «notification», «declaration» oder «clearence», die ich bisher höchstens aus der Welt des E-Banking kannte und schon dort nie verstand.

«You understand german?»

Dieser Künstler sei gerade dran, ganz gross zu werden, erklärt ein anderer Galerist einer Dame, die sich nach einem einfarbigen Bild mit Reliefstruktur erkundigt hat. Yes, ein toller Künstler aus Atlanta. Er habe in den USA schon mehrfach in Museen ausgestellt. Und demnächst habe er seine erste Einzelausstellung in Italien. «This artist is, ehm, how do you say? Oh, okay, you understand german? Ach, das ist aber eine Erleichterung! Also der Künstler ist sehr handwerklich, auf eine berührende Art handwerklich, also ich meine natürlich handwerklich im künstlerisch gemeinten Sinn.»

Handwerklich im künstlerisch gemeinten Sinn wäre wohl auch eine akzeptable Beschreibung für die Serie dreier Betonsäulen mit den vielsagenden Titeln «Eraser head», «Tetris» und «Fortyfive». Eine der Säulen ist im oberen Teil geknickt, eine hat an manchen Stellen würfelförmige Aussparungen, durch welche die Armierung sichtbar wird, und eine dritte ist teilweise mit Wandfliesen überzogen. Sieht man von diesen kleinen Abweichungen der Normalität ab, gleichen sie drei gewöhnlichen Betonsäulen mit den oben herausschauenden Armierungseisen, wie sie auf beinahe jeder Baustelle zu sehen sind.

Was die erwähnten Säulen zur Kunst macht, ist wohl vor allem ihre Einbettung in einen ungewohnten Zusammenhang, also der Kontext. Und um den Kontext geht es ganz offensichtlich auch jenem Besucher, der vor einer Picasso-Lithografie stehen bleibt und zu seiner Begleiterin sagt, die würde zu jener Lithografie passen, die bereits bei ihnen zu Hause hängt. Sie habe nämlich die genau gleiche Grösse. Ja, sagt die Frau, die Bildgrösse würde genau stimmen. Aber die Signatur fehle. «No, no, no!», korrigiert sie der Mann und zeigt auf die Unterschrift des Meisters. «He signed here!», ruft er dann beinahe euphorisch und man kann sich leicht vorstellen, wie stolz er künftige Besucher seines Hauses darauf aufmerksam machen wird, dass die beiden Picassos in seinem Treppenhaus von der Grösse her perfekt harmonieren.

Wer schon vor dem Besuch der Art Basel ahnte, dass bildende Kunst, wie jede Kunst, anregend, berührend, provokativ, irritierend, herausfordernd und vieles mehr sein kann, macht in der Messehalle bald die Erfahrung, dass fast alle diese Adjektive auch auf den Besuch einer derart gigantischen Kunstmesse angewendet werden können. Ein Adjektiv müsste bei der Beschreibung des Messebesuchs freilich noch dazukommen: ermüdend.

Nicht die Vielfalt der ausgestellten Kunst an sich ist ermüdend. Doch der Spagat, den manche Besucher hier offensichtlich machen, zeigt Wirkung. Der Spagat zwischen Freude an der Schönheit und kaltem Interesse an einer Kapitalanlage ist anstrengend. Und wie durch Osmose überträgt sich diese Anstrengung selbst auf jene Besucher, denen die Verbindung zwischen Kunst und Kapital eher fremd ist.

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