Er ist verbittert, eigenbrötlerisch und wortkarg. Sie ist kühl, reserviert und unnahbar. Auch die Kulisse des Treffens könnte nicht unromantischer sein: Wir sind in einem kleinen ungarischen Schlachthaus, das er leitet und welches sie als unabhängige Fleischkontrolleurin betritt. Nichts lässt darauf schliessen, dass diese beiden Menschen etwas verbindet.

«Das war die Grundidee», erklärt die Autorin und Regisseurin Ildikó Enyedi. «Wir wollten eine leidenschaftliche Liebesgeschichte erzählen, die aber weder an einem Ort noch unter Menschen spielt, die wir als romantisch einstufen würden.» Beide Figuren sei- en ungeschickt und unscheinbar, aber auch zu immensen Gefühlen fähig. «Wie das vielleicht auch unsere Nachbarn sind, auf die wir uns nie achten.»

Ein schelmischer Kniff

Endre und Mária, so heissen die zwei, haben aber auch beide ihr Los zu tragen: Endre hat einen gelähmten Arm und ein gescheitertes Familienleben hinter sich, Mária leidet an einer milden Form von Autismus. Sie merkt sich zwanghaft die nebensächlichsten Dinge und ist danach nicht mehr in der Lage, dieses Wissen wieder zu verdrängen.

Um nun die unwahrscheinliche Romanze zwischen Endre und Mária in die Gänge zu bringen, hat sich Ildikó Enyedi ein schelmisches Dispositiv ausgedacht: In der Schlachterei stiehlt jemand ein starkes Bullenpotenzmittel, und im Auftrag der Polizei stellt eine externe Psychologin dem gesamten Personal indiskrete Fragen. Dabei kommt heraus: Endre und Mária träumen allnächtlich denselben Traum. Sie stehen im Wald. Er ist ein Hirsch, sie ist eine Hirschkuh.

In den Neunzigerjahren hätte ein derartiges ulkiges Schicksal vielleicht Meg Ryan und Tom Hanks ereilt. Enyedi amüsiert sich: «Ich hatte einfach diese komische Idee: Zwei Menschen finden heraus, dass sie ungewollt die Intimsphäre miteinander teilen, in ihren Träumen. Was macht man dann? Geht man auf Distanz? Sucht man die Nähe zu dieser Person? Will man sie verführen? Will man sie vielleicht selbst dann immer noch näher kennenlernen, wenn das erste gemeinsame Date eine Katastrophe war?»

Was auf dem Papier klingt wie ein leichter, übernatürlicher Schwank, ist in Wirklichkeit eine Screwballkomödie in Moll: Enyedi erzählt verschmitzt und mit Feingefühl, wie sich zwei Menschen mit Kommunikationsschwierigkeiten einander annähern, um so nüchtern wie möglich abzuklären, was es mit ihrer unerwarteten Seelenverwandtschaft auf sich hat.

«On Body and Soul» ist ein rundum gelungener Film: Man schliesst die interessanten und vielschichtigen Figuren ins Herz und fiebert mit ihnen; man geniesst die Unaufdringlichkeit des poetischen Humors; man staunt über das cineastische Potenzial des Gedankens, dass Träume unser Leben vielleicht stärker beeinflussen, als wir meinen.

Und natürlich ist «On Body and Soul» trotz seines makabren Schauplatzes auch ein Film für Tierliebhaber. Ildikó Enyedi hierzu: «Natürlich ist es ironisch, wenn zwei Menschen, die beruflich mit dem Tod von Tieren zu tun haben, sich selbst als Tiere im Traum erkennen. Aber wenn Sie mich fragen: Auch wir Menschen sind Tiere. Nur halt ein wenig spezielle Tiere.»

On Body and Soul (HUN 2017) 116 Min. Regie: Ildikó Enyedi. Ab Donnerstag 7. 12. im Kino.