Antigone im Aarauer Theater Tuchlaube: Traumaforschung trifft auf Tragödie

Aktuell und psychologisch: Die Tuchlaube-Inszenierung «Die zwei Leben der Antigone» macht die griechische Tragödie zugänglich.

Nadine Meier
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Sara Tamburini sinniert über ihre moderne Antigone.

Sara Tamburini sinniert über ihre moderne Antigone.

Bild: Moira Magnione

Es ist ein gewagtes Vorhaben. Und doch ein naheliegendes. Drei Theaterschaffende untersuchen eines der berühmtesten Stücke der Theatergeschichte auf Gegenwartsbezug – und werden schnell fündig. Die Geschichte Antigones lässt sich ihrer Meinung nach gut analysieren in Hinblick auf die Weitergabe von Traumata – und auf den Fluch, der auf der Familie Antigones lastet. Damit flossen neben dem Text von Sophokles auch wissenschaftliche Beiträge zur Traumaforschung in die Stückentwicklung mit ein.

Moderne Antigone ist nicht dem Schicksal ausgeliefert

Antigone ist eine der berühmtesten griechischen Tragödien. Die Heldin Antigone bestattet darin ihren Bruder Polyneikes, der auf dem Schlachtfeld gefallen ist, obwohl ihr das Begräbnis verboten wurde. Er soll nicht beerdigt werden, weil er als Landesverräter gilt. Antigone widersetzt sich dem Verbot und soll dafür umgebracht werden. Um dem Hungertod in einer Höhle zu entkommen, erhängt sie sich am Ende. Nicht aber so in der Fassung, die das Theater Tuchlaube aktuell zeigt. Während im Original die Ausgangslage schon zu Beginn klar ist, lässt das Stück «Die zwei Leben der Antigone» vieles offen. Dies ermöglicht eine moderne Perspektive, welche die Dramaturgin Tamara Pietsch gemeinsam mit Protagonistin Sara Tamburini und Schauspieler James Newton erarbeitet hat. Eine Perspektive, in der die Frau eine Wahl hat, und sich nicht automatisch aufopfert, wenn der Mann etwas falsch macht. Für ihre Inszenierung ist die aktuelle Anknüpfung zentral. Sie erforschen, wie sich Taten der Vorfahren in die Biografien der Nachkommen niederschlagen.

Sara Tamburini verkörpert mehrere Antigones

So steht also Antigone (die Buchserin Sara Tamburini) eine Stunde alleine auf der Bühne und verkörpert gleichzeitig zwei oder noch viel mehr gegensätzliche Antigones: Einmal die Moderne, einmal die Klassische – einmal die Ahnungslose, einmal die um ihr Schicksal Wissende. Einmal diejenige, die sich ihrer Familiengeschichte nicht stellen will, einmal jene, die Verantwortung übernimmt und einen Erkenntnisprozess durchläuft, der zum Schluss in einer beeindruckenden Synthese mündet.

Die Inszenierung bewegt sich damit auf mehreren Ebenen: epochenüberschreitend, thematisch, sprachlich. Gehobene Sprache wechselt sich ab mit legerem Umgangston («Der Typ hat sie doch nicht alle»), anspruchsvolle Monologe mit Klavier- und Gesangseinlagen, griechisches Terrain mit psychologischen Ausführungen. Alles gekonnte Kontrastmittel zum Drama, die dazu beitragen, den etwas schweren Abend auflockern und Leichtigkeit in die psychologischen Abgründe bringen – und damit nicht zuletzt auch Nicht-Theater-Gänger in die Säle locken sollen.

Tuchlaube Aarau Mi, 22.1. 20.15 Uhr, im Anschluss Publikumsgespräch mit Psychiater Rolf Köster, Fr, 24.1., 20.15 Uhr Sa, 25.1., 20.15 Uhr