Gedenkfeier

Totenmesse zu Ehren der Corona-Opfer in Mailand: In Italien geht die Politik vor der Kultur auf die Knie

Die «himmlischen Heerscharen» im Mailänder Dom.

Die «himmlischen Heerscharen» im Mailänder Dom.

Eine Totenmesse in Mailand in Gedenken der Corona-Opfer wird zur Kulturdemonstration. Die Schweiz sollte sich ein Beispiel nehmen.

Nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Italien wird gerne geklagt, dass die Kultur bei den Politikern keine Lobby habe, dass «die da oben» nur der Sport interessiere. Doch siehe da: Wagt die gebeutelte Mailänder Scala den Kraftakt, erstarrt Italien vor Ehrfurcht und die Politik tritt auf Knien vor die Kultur. Wie sagte doch der Erzbischof: «Dieses Land drückt heute seinen Stolz auf die Exzellenz aus, die es auszeichnet: die Scala und den Dom.» Die Kultur.

Der Presidente dankt dem Maestro.

Der Presidente dankt dem Maestro.

Verdis «Requiem» war am Freitag im Mailänder Dom kaum verhallt, da schritt Staatspräsident Sergio Matarella zu Dirigent Riccardo Chailly und bedankte sich bei ihm. Der Maestro und der Presidente in Maske vor dem Altar: Es wird ein Bild für die Geschichtsbücher.

Metzger, Politiker und Pflegepersonal vereint

Gefeiert wurde die Totenmesse zu Ehren der Corona-Opfer. Gleich hinter den Politikern und Geistlichen sassen 200 Bürger, die an der Front gegen das Virus gekämpft hatten: Taxifahrer, Metzger, Tankstellenarbeiter, Pflegepersonal – einige in ihren farbigen Schutzanzügen. 400 Mailänder, die online eine Gratiskarte ergattert hatten, «füllten» den Raum. Wer von ihnen am Schluss über die läppische elektronische Verstärkung jammerte, darüber klagte, dass er schon eine Stunde zuvor mit Maske an seinem Platz hatte sitzen müssen, der wird auch einst im Paradies beweinen, dass es dort keinen Kimbo-Caffè gibt.

Und wenn es doch eigenartige Dinge zu beobachten gab, zählen wir sie zu den Unsauberkeiten im katholischen Ritus, von denen man sich später im Beichtstuhl für eine Handvoll Vaterunser reinwaschen kann: Etwa ein gepudertes Näschen, das aus optischen Gründen unter der Maske hervorlugte, oder die Ballett-Ikone Roberto Bolle, die sich für ein Selfie kurzzeitig eine nicht medizinische Maske über-, sich vorher gar für ein Foto mit der Ballettlegende Carla Fracci die Maske auszog:

Ex-Primaballerina Carla Fracci und Primoballerino Roberto Bolle.

Ex-Primaballerina Carla Fracci und Primoballerino Roberto Bolle.

Der Zeremonie im Mailänder Dom lag trotz italienischem Tam Tam und Mailänder Bling Bling tiefer Ernst und eine schmerzliche Stille inne. Dafür sorgte der Raum mit seiner himmelweiten Grösse und paradiesischen Aura – und der Dirigent, auf dessen Gesicht sich erst beim letzten Verbeugen ein Hauch einer Entspannung zeigte. Es war Chaillys erster Auftritt seit März – nicht mal zu seinem Luzerner Festspielorchester war der grübelnde Vollblutkämpfer im August gekommen. Jetzt aber sorgte er dafür, dass Chor und Orchester der Scala zu himmlischen Heerscharen wurden: 94 Musiker – viele in Maske – und 90 Choristen liessen das Gotteshaus nicht nur während des «Dies Irae» erzittern.

Himmlische Heerscharen können auch lachen

Als der Tenor Francesco Meli das «Hostias» anstimmte, erschrak er wohl selbst über die Schönheit seiner Klänge. Auf die Erlösungsbitten von René Papes deutschem Balsambass musste jede höhere Gewalt einlenken. So leidenschaftlich wie die Bulgarin Krassimira Stoyanova hatte noch kaum jemand das «Libera Me» «gebetet». Und als Elīna Garanča feierlich das «Lux Aeterna» anstimmte, stand die Lettin erhaben und kämpferisch wie ein Engel ohne Strahlen auf dem Podium, schien wahrhaft um das Ewige Licht für die Toten zu flehen. 45 Minuten nach dem bebenden Finale wurde ein kleiner Teil der himmlischen Heerscharen, darunter die Solisten und der Opernintendant, im Ristorante «Santa Lucia» zu Menschen, lachten und tranken gemeinsam – ohne Maske.

Schon am Montag bei der Wiederholung im Dom von Bergamo stehen aber wieder Engel und Erzengel auf dem Podium.

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