Film

Thomas Hirschhorn entgeht Lüdins Liebe nicht

Der Basler Filmemacher Angelo Lüdin hat den Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn bei der Arbeit an seinem speziellen Projekt in der Bronx gefilmt. Martin Töngi

Der Basler Filmemacher Angelo Lüdin hat den Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn bei der Arbeit an seinem speziellen Projekt in der Bronx gefilmt. Martin Töngi

Film Der Basler Angelo A. Lüdin hat trotz starkem Widerstand des Künstlers einen feinen Film über ihn gedreht.

«Da bin ich ganz klar, ganz klar, ganz klar, ganz klar, ganz klar, ganz klar, ganz klar, ganz klar, ganz klar, ganz klar, ganz klar, ganz klar.» Zwölf Mal hintereinander sagt Thomas Hirschhorn diesen Satz, wie eine gesprungene Schallplatte; der Zeigefinger schnellt bei jedem Mal bedrohlich nach vorne, die Augen hinter der schwarzen Brille sind weit aufgerissen. Die Wut des Künstlers gilt dem Filmregisseur Angelo A. Lüdin. Von Anfang an hat Hirschhorn ihm zu verstehen gegeben, dass er und sein Filmteam im Grunde sein Kunstprojekt nur stören – bestenfalls weniger als mehr.

Dass sein Film «Thomas Hirschhorn – Gramsci Monument», der nach den Solothurner Filmtagen nun in der Region Basel anläuft, eher trotz statt mit Hirschhorn entstehen konnte, legt Lüdin den Zuschauern von Anfang an offen. Im vertraulichen Gespräch sagt der Basler Regisseur zudem, dass er zwar während der Dreharbeiten auch in schwierigen Momenten wie jenem stets ruhig geblieben sei – doch später, als er sich diesen Ausschnitt im Hotelzimmer ansah, habe es ihn durchgeschüttelt.

Quelle: kultkino basel

Thomas Hirschhorn - Gramsci Monument

Sympathisch trotz allem

«Thomas Hirschhorn tobt», titelte der Tages-Anzeiger in seiner Filmkritik. Es wäre aber ungerecht, den international renommierten Schweizer Künstler auf die heftigen Szenen zu reduzieren. Der Film über sein Kunstprojekt inmitten der Sozialsiedlung «Forest Houses» in der Südbronx zeigt ihn auch von ganz anderen Seiten: Wie er einer älteren Bewohnerin bei der Pflege ihres Gärtchens hilft, wie er sich kundig macht, wo die vielen Arbeitslosen sich um Jobs bewerben könnten, wie er anbietet, ihnen ein Empfehlungsschreiben auszustellen. Und eigentlich ist er auch dann sympathisch, wenn er gar nicht sympathisch ist. Gerade weil er sich keine Mühe gibt, sich vor der Kamera vorteilhaft darzustellen, gerade weil er ungeschliffen ist, so ganz im Gegensatz zur marketinggeschulten Mehrheit der lächelnden Selbstverkäufer.

Hirschhorn ist ein Getriebener. Er muss tun, was er tut. Kunst. Er lebt für sie, vermittelt Politik, Philosophie, Liebe und Literatur durch sie. Kunst ist seine höchste Priorität. Da ist er ganz klar. Alle anderen im Film, vor und hinter der Kamera, sind Menschen mit einem Privatleben, erstmal – danach kommt anderes, zum Beispiel die Mitarbeit an Hirschhorns Kunstvision. Auch diese konfliktträchtigen gegensätzlichen Einstellungen, «Realitäten, die aufeinanderprallen», zeigt Lüdin.

«Alle Menschen sind Intellektuelle» ist einer der bekanntesten Sätze des marxistischen Philosophen Antonio Gramsci (1891-1937), dem Hirschhorn, als «Fan», sein Monument widmet. Doch nur wenige Menschen können ihr Potenzial entwickeln. Hirschhorn geht hin zu den Unterprivilegierten in der Bronx – früher hat er ein ähnliches Projekt in einem Arbeiterquartier Kassels durchgeführt – und macht mit ihnen Kunst. Zunächst ganz praktisch: Die Anwohner – für viele ist es gar der erste bezahlte Job – bauen aus Holz eine Bühne, ein Radiostudio, eine Bibliothek, eine Werkstatt und mehr. Dann auch geistig: Hirschhorn gibt Kurse oder lässt welche geben, stellt Computer und Bücher zur Verfügung, organisiert Vorträge, Konzerte, Kunstworkshops für die Kinder. Alles ist allen frei zugänglich. Wer will, profitiert; niemand muss. Hirschhorn ist anwesend, legt mit Hand an, Tag für Tag, über Monate hinweg. Welcher weltberühmte Künstler hat das seit Joseph Beuys getan?

Lüdin lässt alle Beteiligten gleichwertig zu Wort kommen und hält sich mit eigenen Wertungen ganz zurück. Auch so wird schnell klar, dass gute Impulse von diesem lebendigen Monument ausgehen. So mancher Anwohner, manche Anwohnerin entdeckt die Freude am Arbeiten, neue Talente oder beginnt eigene Erfahrungen mit Aussagen Gramscis zu verknüpfen und weiterzudenken. «Das Projekt geht voll auf», sagt Lüdin, «viele der Quartierbewohner haben etwas davon mitgenommen».

Es sei ihm bewusst geworden, wieviel Würde diese Menschen haben, sagt Hirschhorn gegen Ende des Films. «Jeder Mensch hat doch Würde», sagt Lüdin. Er habe Menschen kennengelernt, die kämpfen, jeden Tag: «Denen kannst du nichts vormachen, die durchschauen dich, ganz schnell.» Doch alle seien dem Filmteam, darunter ist der Basler Produzent Frank Matter, respektvoll begegnet. All die Monate, in denen sie in der für Gewalt und nächtliche Schiessereien berüchtigten Südbronx lebten und arbeiteten seien sie nie in eine bedrohliche Situation geraten.

Hirschhorn hält den Film für misslungen. Schmerzt Lüdin das? «Überhaupt nicht. Ich akzeptiere das. So wie er sein Monument baut, habe ich meinen Film gemacht. Und jeder hat seinen eigenen Blick darauf.» Heute stellt sich heraus, ob das für den Solothurner Filmpreis nominierte Werk gewinnt. Lüdin sagt: «Das wäre für mich wie fünf Oscars».

Sein nächster Film? «Nicht über einen Künstler.»

«Thomas Hirschhorn – Gramsci Monument» läuft bis Dienstag um 18.30 Uhr im kult.kino Atelier. Am Samstag um 17.30 Uhr hat er auch Premiere im Liestaler Sputnik – in Anwesenheit Lüdins.

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