Bühne

Theatermacher Ruedi Häusermann baut in Aarau ein Pop-Up-Museum

Ruedi Häusermann zeigt in der Tuchlaube Werke aus seinem Privatarchiv.

Ruedi Häusermann zeigt in der Tuchlaube Werke aus seinem Privatarchiv.

Der bekannte Lenzburger Theatermacher Ruedi Häusermann wird die erste Saison der neu gegründeten Bühne Aarau, die am 4. September eröffnet wird, stark prägen. Er plant im ehemaligen Theater Tuchlaube eine Ausstellung über sein Lebenswerk.

35 Stufen vom Eingang bis ins Foyer zählt die Wendeltreppe des ehemaligen Theater Tuchlaube. Um diese Wendeltreppe herum, im Foyer und weit bis in das Dachgeschoss hinauf ist der berühmte Theatererfinder und Komponist Ruedi Häusermann (71) aus Lenzburg gerade damit beschäftigt, aus persönlichen Gegenständen sein Leben als museales Ereignis zu inszenieren. Dabei würde dieser kreative Tausendsassa, der von seinem Studio auf dem Lenzburger Goffersberg aus in den letzten Jahrzehnten so ziemlich jedes grössere Theater und Festival des deutschsprachigen Raumes mit seinen Ideen beliefert hat, sich als Letzter als museale Lichtgestalt sehen. Vielleicht auch deshalb hat er ein wenig Schalk in diese Anordnung gebracht. «Ich habe über diese Treppe spontan einen Schlager geschrieben», erzählt er. Der geht dann so: «Über 35 Stufen musst du gehn, um das Theaterstück zu sehn. Denn da oben winkt das Glück, wenn du Glück hast mit dem Stück.»

Der Bogen wird nicht überspannt

Das ist schön, das ist kitschig, und das ist Ruedi Häusermann. Zwischen Hoch- oder Massenkultur hat der studierte Ökonom, der als Amateur zur Musik kam und das Musiktheater revolutioniert hat, noch nie eine Trennlinie gezogen. Und so garniert er ohne Wimpern­zucken die WC- Anlagen der Tuchlaube mit Fotoserien, die ihn vor potthässlichen Plastikgipfeli und ­anderweitigem Res-taurant-­Aussendekor zeigen. Dinge, die einem an Strassenrändern begegnen. Und die sich Häusermann ganz genau anschaut.

Als Gastkünstler der neu gegründeten Bühne Aarau wird Häusermann die erste Saison mit fünf Werkstattprojekten (siehe Box) bereichern. Die Ausstellung «Aus dem Archiv» ist lediglich die Ouvertüre. Ein «Aarauer Bogen» soll das werden, kein Kreis, kein Kranz, kein Ring oder sonst was Nibelungenartiges-Grössenwahninniges. Der Bogen wird nicht überspannt.

Häusermann, der mit dem ehemaligen Theater Tuchlaube die letzten Jahre intensiv zusammengearbeitet hat – auch sein mit dem eidgenössischen Theaterpreis ausgezeichneter Ländlerabend «Kapelle eidg. Moos» entstand hier – zeigt also keine neuen Werke, sondern gibt Werkstatteinblicke in Arbeiten, die sich über Jahre zu grossen Projekten auswachsen. Arbeiten, für die in Aarau, solange die Alte Reithalle nicht eröffnet ist, noch der Raum fehlt.

Häusermanns Vorbilder hängen in der Bar

Eine Geschichte über Ruedi Häusermann zu erzählen, heisst auch, eine Geschichte seiner künstlerischen Zusammenarbeiten zu überblicken. Auf einem Plakat im Weltformat hat einer seiner Söhne sämtliche Theaterproduktionen der letzten Jahrzehnte aneinandergereiht. Es sind 61, und nicht bezifferbar ist die Zahl der Involvierten. Stimmig daher, wenn an der Vernissage viele seiner Weggefährten das Publikum in Kleingruppen durch die Ausstellung führen – vom Schauspieler und Musiker Herwig Ursin, mit dem er unzählige Projekte gemacht hat bis zu seiner Frau Ruth. Manche sind auch in den Exponaten präsent, etwa der Grafiker Giuseppe Reichmuth. Er gestaltet seit Jahren Bühnenbilder und Albumcovers von Häusermann. Mit ihm war Häusermann einst als Polizist verkleidet Hand in Hand sehr medienwirksam durch Zürich marschiert. Kennen tut man Reichmuth aber wegen seines Bildes «Zürich Eiszeit», das zu einem Lieblingsposter der 1980er-Protestjugend wurde.

In der Tuchlaube-Bar dann Häusermanns (rein männliche) Vorbilder-Galerie: Karl Valentin, Daniil Charms, die Beatles, Buster Keaton – Max Frisch hängt stimmig überm Alkohol. Sich selbst hat Häusermann eine hochironische Ecke eingerichtet, wo man seine zu Reliquien verklärten Gebrauchsgegenstände bewundern kann. Da hängt sein Wirtschaftsdiplom – Häusermann liess es sich von der Uni Zürich damals extra auf Latein ausstellen («Wenn schon, dann richtig»). Einige Anstandsbücher liegen auf einem Regal. Aus denen will er mal einen Abend machen. Werktitel: «Der gute Ton.»

Häusermann schreckt auch mit 71 vor den seltsamsten Einfällen nicht zurück. Andere haben in dem Alter ihren Humor längst in der Ruhmeshalle abgegeben. Häusermann macht weiter, schiesst Fotos von Aprikosen, die er während der acht- bis zehnwöchigen Proben in Berlin, München oder Zürich verrotten lässt. Weil in diesen zerfallenden Früchten so eine Schönheit aufblüht, die Lust macht zum Weitermachen.

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Autor

Julia Stephan

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