THEATERFESTIVAL
Schweizer Bühnen sind Spitzenklasse: Wieso ein kleines Land das beste Theater hat – eine Einordnung

Zur digitalen Oscar-Veranstaltung des Theaterschaffens, dem Berliner Theatertreffen, sind zehn Inszenierungen eingeladen. Überdurchschnittlich viele, nämlich deren drei stammen aus der Schweiz.

Daniele Muscionico
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Benjamin Lille in Christopher Rüpings preisgekrönter Inszenierung «Einfach das Ende der Welt» nach dem Rom von Jean-Luc Lagarce. Am 13. Mai als Livestream aus dem Schiffbau zum Berliner Theatertreffen.

Benjamin Lille in Christopher Rüpings preisgekrönter Inszenierung «Einfach das Ende der Welt» nach dem Rom von Jean-Luc Lagarce. Am 13. Mai als Livestream aus dem Schiffbau zum Berliner Theatertreffen.

Diana Pfammatter

Am Donnerstag beginnt das Gipfeltreffen des deutschsprachigen Theaters, und was gemeinhin nicht für möglich gilt, bestätigt sich dieses Jahr: Das Land der Bergler und Bauern - die Grossnation Deutschland und das k.u.k. -theateraffine Österreich sind die Konkurrenten – stellt prozentual die meisten Gewinner. Die Jury des Berliner Theatertreffens hat zehn Einladungen ausgesprochen, und nicht weniger als stolze drei gehen in die Schweiz.

Die Schweiz ist ein Theaterwunder. Doch wundern kann das nicht. In keinem anderen deutschsprachigen Land ist die Landschaft der Stadttheater sowie die der freien Szene so lebendig wie hier. Und auch die öffentlichen Gelder sind nirgendwo so reichlich vorhanden.

Nicht einmal die Pandemie scheint daran etwas zu ändern. Während deutsche Bühnen bereits seit Herbst von konkreten Sparmassnahmen oder sogar Schliessungen bedroht sind, ist die hiesige Theaterlandschaft bisher noch einmal davongekommen.

Hotspot des internationalen Theaterschaffens

Das soll allerdings nicht täuschen: Selbst bei ausreichend subventionierten Häusern verdient der Grossteil der Berufseinsteigenden oft weit weniger als das Existenzminimum. Die tiefen Mindestlöhne am Luzerner Theater und am Theater Biel-Solothurn sind ein bekanntes Politikum.

Grundsätzlich aber sind die Schweizer Bühnen als Arbeitsort begehrt: Die Infrastruktur ist hervorragend, die Werkstätten sind professionell, und die Löhne – zumal für Spitzenregisseure oder Leitungsteams - sind jenen im Ausland überlegen. Die subventionierten Schweizer Theater zählen zu den attraktivsten Arbeitsstellen oder Gastspielorte der weltbesten Künstlerinnen und Künstler. All das sind Gründe, wieso die kleine Schweiz einen Pool an Talenten besitzt, die beim Bestentreffen der deutschsprachigen Bühnen dieses Jahr die Abräumer sind.

Gepunktet haben, es ist keine Überraschung, Inszenierungen der beiden grössten und am besten finanzierten Häuser: «Graf Öderland» nach Max Frisch, ein radikal-ästhetischer Horrortrip von Stefan Bachmann am Theater Basel zum einen. Zum anderen überzeugte das Schauspielhaus Zürich mit Christopher Rüpings Arbeit «Einfach das Ende der Welt»; die Jury begeisterte sich auch für die feministisch reduzierte Zürcher «Medea*» der Regie-Newcomerin Leonie Böhm. Die Künstlerin wird Zürich Ende der Spielzeit allerdings wieder Richtung Berlin verlassen.

Einfach das Ende der Welti Inszenierung: Christopher Rüping Premiere: 03.12, 19.30 Uhr, Schiffbau-Halle . Es spricht Benjamin Lille.

Schauspielhaus Zürich

Klotzen oder kleckern? In der Schweiz gibt es (für die meisten) von allem genug

Ein weiteres starkes Stück, das eine Einladung erhielt, stammt von der langjährigen Intendantin des Zürcher Schauspielhaus, der Schweizerin Barbara Frey. Ausgezeichnet wird ihre Arbeit «Automatenbüffet» am Wiener Akademietheater, der Kammerspielbühne des Burgtheaters.

Vor dem Hintergrund, dass sich das Schweizer Theater in drei Sprachregionen teilt, und dass französischsprachige und italienischsprachige Arbeiten nicht am Wettbewerb teilnehmen dürfen, geht der Gesamtsieg des diesjährigen Festivals klar – an die Schweiz.

Thiemo Strutzenberger als Graf Oederland am Theater Basel

Thiemo Strutzenberger als Graf Oederland am Theater Basel

Birgit Hupfeld / bz Zeitung für die Region

Corona-bedingt hat die Jury erstmals in der Geschichte des 58. Theatertreffens auch digitale Inszenierungen einbezogen; und zum zweiten Mal in der Geschichte findet das Theatertreffen ausschliesslich online statt. Am Donnerstag eröffnen Livestreams aus dem Haus der Berliner Festspiele sowie Christopher Rüpings Siegerarbeit als aus dem Schauspielhaus Zürich das Festival.

Als Erstausstrahlung zeigt zudem der Medienpartner 3-Sat eine Auswahl aus dem Programm, darunter den Basler «Graf Öderland» mit dem Hauptdarsteller Thiemo Strutzenberger. Der Schauspieler erhält den diesjährigen 3-Sat-Preis für seine darstellerische Leistung. In Basel allerdings ist er nicht mehr zu sehen, Strutzenberger ist Andreas Beck nach München gefolgt.

www.berlinerfestpiele.de, vom 3.5. bis zum 24.5.21