Baden
«Theater braucht ständige Erneuerung»

Bald fahren die Bagger auf – das Kurtheater Baden wird umgebaut. Programmleiter Armin Kerber zieht Bilanz.

Elisabeth Feller
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Der 62-jährige Dramaturg Armin Kerber (1956) ist künstlerischer Programmleiter des Kurtheaters Baden.

Der 62-jährige Dramaturg Armin Kerber (1956) ist künstlerischer Programmleiter des Kurtheaters Baden.

Alex Spichale

Mit dem «Griechischen Herbst» hat die letzte Spielzeit im alten Kurtheater im Oktober 2017 begonnen – mit dem «Orientalischen Frühling» und einer «Aufbruchparty» wird sie im März 2018 enden. Danach fahren die Bagger auf – die lang ersehnte Sanierung und Erweiterung des grössten, maroden Gastspielhauses im Aargau kann beginnen. Demnach sitzt das Publikum bis zur geplanten Wiedereröffnung bis Ende 2019/20 auf dem Trockenen? «Nein», sagt Armin Kerber, seit 2016 Programmleiter des Kurtheaters, «wir werden ‹Theater ausser Haus› an verschiedenen für Theater geeigneten Schauplätzen in Baden anbieten.» Welche das sind und was dort zu sehen sein wird, will er nicht verraten. Eines aber schon. Die vergangenen Monate seien happig gewesen –«eine Riesenarbeit für das Kurtheater-Team», dem er grössten Respekt zolle. Die logistischen Herausforderungen angesichts des anstehenden Umbaus für das ganze Team um Lara Albanesi und Louis Burgener sind nur eine; das Andere ist die künstlerische Bilanz einer Saison, die kein halbes Jahr gedauert hat.

Wie fällt sie aus? Gut. Kerber betont, dass er in Baden ein Theater vorgefunden habe, das in sehr gutem Zustand sei: «Das ist ein Geschenk.» Einzig und allein auf dem Bisherigen aufbauen, wollte Kerber in der letzten, verkürzten Spielzeit aber nicht. Ihn interessierte vor allem die Frage: «Wo genau steht das Kurtheater?» Um das herauszufinden, erprobte er, was in diesem Haus möglich ist, und steckte dabei die Grenzen mitunter weit hinaus, getreu der Devise: «Theater braucht ständige Erneuerung».

Armin Kerber

Der Dramaturg Armin Kerber (1956) hat nach dem Abschied der künstlerischen Leiterin Barbara Riecke am 1. Oktober 2016 die Programmleitung des Kurtheaters Baden übernommen und das Programm für die verkürzte, umbaubedingte Spielzeit 2017/18 gestaltet. Kerber war vorgängig Chefdramaturg am Stadttheater Bern, künstlerischer Direktor an der Gessnerallee Zürich, aber auch Redaktor beim DU-Magazin. Gast-Engagements führten ihn als freien Dramaturgen nach Griechenland und Schweden. Am Theater Basel ist er Gastdramaturg für Richard Wherlocks neues Ballett «Tod in Venedig». (ef)

Experiment, keine Provokation

Der «Griechische Herbst» ist dafür ein Beispiel. Im Abstand weniger Tage folgten zum Saison-Auftakt acht Inszenierungen, die sich zwischen griechischer Antike und griechischer Gegenwart bewegten. Weshalb Griechenland? «Nun, ich wollte in Baden ein Land abseits der erhitzten medialen und touristischen Wahrnehmung vorstellen und damit auch aufzeigen, dass aus einer schmerzhaften Krise staunenswerte, kreative Prozesse entstehen können», sagt Armin Kerber dazu.

Für weit hinaus gesteckte Grenzen stand in erster Linie Marlene Monteiro Freitas’ Tanz-Performance «Bacantes». Wer sich an Euripides Text klammerte, war schlecht beraten: Er wurde in eine neue, orgiastische Welt katapultiert – nicht zur Freude aller. «Ja, dieser Abend polarisierte das Publikum zwischen Ablehnung und Begeisterung», sagt Armin Kerber ganz offen, aber: «Solche Erfahrungen sind wichtig. Denn Freitas’ Produktion war ein Experiment, keine Provokation.» Als Gegenpol führt der Programmleiter «Alexis Sorbas» an: Der Aargauer Burgschauspieler Roland Koch erzählte die Sorbas-Geschichte mitreissend im Verbund mit griechischen Musikern. Dass gerade dieser Abend beim Publikum ankam, erstaunt Kerber nicht. «Kazantzakis Roman ist berühmt, dessen Verfilmung erst recht.»

Für Kerber verweisen «Bacantes» und «Sorbas» jedenfalls auf «die gesamte programmliche Spannweite», die nun mit vier Inszenierungen im Rahmen des «Orientalischen Frühlings» fortgesetzt wird. Kerber freut sich, dass es gelungen ist, neben Corinna Harfouchs literarisch-musikalischer Performance «Arabische Apokalypse» «drei komplett unterschiedliche Arbeiten von drei der interessantesten Häuser Deutschlands wie dem Gorki Theater Berlin, dem Schauspielhaus Hamburg und dem Thalia Theater Hamburg in Baden zu zeigen.»

Theater ist kein Wohnzimmer

Abgesehen von ihren politisch brisanten Inhalten, unterstreichen laut Kerber sämtliche Produktionen, welchem Wandel das Theater unterworfen ist. Behaglich einnisten geht nicht. Ganz bestimmt nicht in Orhan Pamuks «Schnee», dessen Dramatisierung vor rund zehn Jahren schon einmal im Kurtheater zu sehen war; damals in einer Inszenierung von Felicitas Bruckner (Theater Freiburg im Breisgau). Die jetzige Lesart stammt vom jungen, türkisch-deutschen Regisseur Ersan Mondtag (Thalia Theater Hamburg). «Die Neuerfindungen im Theater sind wichtig», sagt Armin Kerber im Hinblick auf die Zukunft des neuen Kurtheaters und fügt ein treffliches Schlusswort an: «Im Theater soll man sich zuhause fühlen, man sollte es aber nie zum eigenen Wohnzimmer machen.»