Kino
"The Accountant": Ein autistisches Genie vergreift sich an einem Erfolgsmodell

Ben Affleck spielt in «The Accountant» ein autistisches Genie – und vergreift sich an einem Erfolgsmodell.

Lory Roebuck
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Ben Affleck im Kinofilm «The Accountant» als Genie mit sozialen Defiziten. Ein beliebter Figurentyp – mit weitaus besseren Vorbildern... Fotos: Warner Bros. PictureS/Key/HO

Ben Affleck im Kinofilm «The Accountant» als Genie mit sozialen Defiziten. Ein beliebter Figurentyp – mit weitaus besseren Vorbildern... Fotos: Warner Bros. PictureS/Key/HO

KEYSTONE

Er wippt mit seinem Körper vor und zurück. Seine Augen starren ins Leere. Ohne Unterbruch wiederholt der junge Chris denselben Reim: «Solomon Grundy, born on a Monday ...» Seine verzweifelten Eltern haben einen Spezialisten aufgesucht. Dessen Diagnose lautet: Eine Form von Autismus. Chris wird Schwierigkeiten haben, soziale Kontakte zu knüpfen. Der Arzt sagt aber auch: Chris könnte in bestimmten Bereichen eine besonders hohe Begabung entwickeln.

Dann macht der Film «The Accountant» einen Zeitsprung. Wir sehen Hollywoodstar Ben Affleck als den erwachsenen Chris. Chris ist Buchhalter geworden, er kann zwar nur schlecht mit anderen Menschen umgehen, dafür unglaublich gut mit Zahlen. Und er hat eine weitere Begabung – nämlich als Krimineller. Chris ist die erste Anlaufstelle für Mafia-Typen und andere Gangster, die ihre Geschäftsbücher säubern wollen.

Der Hollywoodthriller, inszeniert von Gavin Hood («X-Men Origins: Wolverine»), war mit Spannung erwartet worden. Das Drehbuch von Bill Dubuque erschien 2011 auf der sogenannten Black List – also jener ominösen Liste der angeblich besten noch unproduzierten Scripts, die Hollywood-Agenten jedes Jahr zusammenstellen, um unter den grossen Filmstudios einen Bieter-Wettkampf anzuzetteln.

Die Rechte an «The Accountant» sicherte sich Warner Bros. – was sich nun bezahlt macht: Der Film ist in den USA ein Hit. Er schnellte direkt an die Spitze der Kinocharts und hat bereits nach einem Wochenende die Hälfte seiner Produktionskosten wieder eingespielt.

Sheldon und Sherlock grüssen

Kein Wunder: Der Figurentypus, den Ben Affleck in «The Accountant» mimt, liegt voll im Trend. Das Genie mit sozialen Defiziten hat die Kinoleinwände und Fernsehbildschirme derzeit voll im Griff. Denken wir nur an den derzeit bestbezahlten Fernsehdarsteller der Welt, Jim Parsons. Er spielt in der überaus beliebten Sitcom «The Big Bang Theory» Sheldon Cooper, einen theoretischen Physiker, der mit 14 Jahren die Uni mit Bestnoten abschloss, seine Arbeitskollegen jedoch mit seiner Überheblichkeit in den Wahnsinn treibt.

Diesen Typus ebenfalls perfektioniert hat Benedict Cumberbatch. Der britische Schauspieler hat ihn sowohl in der erfolgreichen TV-Serie «Sherlock» (als moderne Interpretation des Meisterdetektivs) als auch im oscarnominierten Kinofilm «The Imitation Game» (als Kryptoanalytiker Alan Turing) zum Besten gegeben, kantig-kühlen Gesichtszügen sei Dank.

Der wissenschaftlich Hochbegabte, dem die soziale Feinmotorik abgeht, ist in Kino und Fernsehen so etwas wie eine Erfolgskonstante: Mister Spock, Dr. House, Bones, Mozart in «Amadeus», Matt Damon in «Good Will Hunting», Russell Crowe in «A Beautiful Mind»... Tom Hanks («Forrest Gump») und Dustin Hoffman («Rain Man») gewannen mit solchen Rollen sogar jeweils einen Oscar.

Was ist das Geheimnis dieses Erfolgsmodells? Um das zu beantworten, versetzen wir uns am besten in einen Drehbuchautor. Dessen fiktiver Held muss im Filmverlauf vor allein eines: Hürden überwinden. Was, wenn diese Hürden nicht Ereignisse sind, die den Helden von aussen befallen, sondern Teil seiner eigenen Persönlichkeit? Dann passiert zum Beispiel Folgendes: Der Zuschauer findet es ulkig und lacht, wenn Sheldon etwas unerwartet Normales tut, und ihm wird warm ums Herz, wenn Sherlock plötzlich einen Anflug von Empathie an den Tag legt.

Denn gute Figuren leben von Widersprüchen und Schattierungen. Der perfekte Filmheld ist der langweiligste Filmheld, also müssen gute Eigenschaften mit schlechten Angewohnheiten oder Persönlichkeitsdefiziten aufgewogen werden, und umgekehrt.

Mit autistischen Filmhelden funktioniert dieses Prinzip am besten. Bei ihnen gilt: Je gestörter, desto genialer. Das hat mit erzählerischer Gerechtigkeit zu tun. Wenn der arme Kerl schon derart leiden muss, freuen wir uns umso mehr, wenn er als Einziger einen hochkomplexen Kriminalfall löst, einen Patienten mit unbekannter Krankheit vor dem Tod rettet oder eine Oper schreibt, die seine Mitmenschen zu Tränen rührt.

Affleck als autistischer Rambo

Und nun rückt Ben Affleck mit «The Accountant» nach. Und zieht dieses Erfolgsprinzip ins Lächerliche. Ein amerikanischer Filmkritiker schrieb: Von Afflecks zwei Filmen dieses Jahr – «Batman v. Superman» und «The Accountant» – habe letzterer mehr Potenzial zu einer Franchise mit vielen Fortsetzungen. Das war kein Kompliment.

Afflecks autistischer Buchhalter entpuppt sich ausgerechnet auch als knallharter Killer. Als autistischer Rambo mit Papa-Komplex und Bruder-Komplex. Es ist eine Figur, die irgendwo zwischen Superheld und tragischem Therapiefall in der völligen Banalität verloren geht. Und seinen Vorbildern nie gerecht wird.

The Accountant (USA 2016) 128 Min. Regie: Gavin Hood. Ab heute im Kino.