Klassik

Tenor Daniel Behle: Jongleur zwischen Wagner und Obstsalat

«Heute gibt es für jeden Pups einen Spezialisten» Daniel Behle jedoch bevorzugt die Vielfältigkeit.

«Heute gibt es für jeden Pups einen Spezialisten» Daniel Behle jedoch bevorzugt die Vielfältigkeit.

Der Tenor Daniel Behle glänzt in grossen Produktionen wie in skurrilen Popprojekten. Was treibt ihn um?

Das hohe Gis sei wunderschön gewesen, doch in der Mitte und der Tiefe habe er geblökt wie ein Schaf, meinte die Opernsängerin Renate Behle über die ersten Gesangsversuche ihres Sohnes Daniel Behle. 1974 in Hamburg in ein musikalisches Elternhaus hineingeboren, der Vater Oboist, die Mutter Sängerin, studierte Daniel Behle zuerst Schulmusik, Posaune und Komposition.

Erst mit 24 Jahren versuchte er es mit dem Gesang. Er könne Sänger werden, wenn er das, was er in der Höhe habe, auch in den tieferen Stimmlagen dazubekomme, kommentierte damals seine Mutter trocken.

Gut 20 Jahre später hat Daniel Behle nicht mehr nur eine schöne Höhe, sonder auch eine samtweiche mittlere und tiefe Lage. Ein musikalischer Höhepunkt war sicher sein Tamino in der CD-Einspielung der «Zauberflöte» von Wolfgang Amadeus Mozart unter der Leitung von René Jacobs im Jahr 2010: die Höhen warm und glasklar zugleich. Sein Vibrato immer kontrolliert und sparsam eingesetzt.

In der mittleren Lage mit einem geschmeidigen Timbre, kraftvoll, doch ohne Druck. Behles versatile Stimme spiegelt sich auch in seinem breiten Repertoire wider: Mozart, Rossini, Gluck, Bizet, Wagner, Bach, Chansons, Operetten, Liederabende, Kammermusik, grosse Opern, Neue Musik – Daniel Behle sucht gerne neue Herausforderungen. Wichtig sei, dass es für die eigene Stimme passe, meint er beim Gespräch an seinem Küchentisch in Basel.

Im Rahmen der eigenen stimmlichen Möglichkeiten viel auszuprobieren, interessiere ihn mehr als die Spezialisierung auf ein Fach, fügt er hinzu: «Heute gibt es für jeden Pups einen Spezialisten. Aber ich finde, man ist als Künstler spannender, wenn man zwischen den verschiedenen Genres jonglieren kann. Wenn ich die «Winterreise» von Franz Schubert singe, dann inspiriert mich das auch für ein Operettenkonzert und vice versa.»

Vielfältige Herzensprojekte

Dieses Jonglieren zwischen den verschiedenen Fächern kommt nicht bei allen gleich gut an: «Wenn ich in Bayreuth Wagner singe, dann stehen die Barockspezialisten nicht gerade Schlange. Weil sie denken, sobald ich meinen Lohengrin singe, wird keine Koloratur mehr funktionieren.» Doch wenn diese Gefahr drohe, dann stürbe eher der Lohengrin als die Barockmusik, verspricht Behle schnell.

Doch wie kommt man an all die unterschiedlichen Projekte in einer Industrie, die in Schubladen denkt? Dafür hat Daniel Behle eine einfache Lösung: «Alles, was ich nicht bekomme, mache ich halt selber.» Seine eigenen Projekte reichen von einer in CD-Form gepressten Liebeserklärung an seine Heimatstadt «Mein Hamburg», die er zusammen mit dem Klaviertrio des Schweizer Pianisten Oliver Schnyder aufgenommen hat, über sein skurriles, kleines Popprojekt O.S.T. – kurz für «Obstsalat schwimmt teilweise» – bis hin zu einer neuen Operette.

In diesen Herzensprojekten zeigt sich eine weitere Facette des Musikers: die des Komponisten und Arrangeurs. Für die CD «Mein Hamburg» hat Behle einige berühmte Lieder über seine Heimatstadt neu arrangiert, teilweise neu betextet und auch Eigenkompositionen beigesteuert. Behle strebt als Komponist keine avantgardistische Neuerfindung der Musik an, er bedient sowohl die sogenannte E-Musik als auch das leichte Fach.

Mehr in die leichte Richtung geht auch seine im Entstehen begriffene Operette. Als Librettisten konnte er den Basler Schriftsteller Alain Claude Sulzer gewinnen. Seit kurzem gibt es nun auch einen Plot. Eine erste musikalische Ahnung davon, wie das klingen könnte, erhält man am 29. März beim «Best of»-Konzert mit dem Collegium Musicum Basel. Neben Arien von Mozart, Bizet oder Strauss wird Behle auch eine Eigenkomposition uraufführen, eine Art Vorstudie für die Operette.

Geschätzte Wahlheimat Basel

Daniel Behle singt in Bayreuth, London, Paris und Wien, produziert eigene CDs, hält Liederabende in ausverkauften Häusern und komponiert auch selber. Doch in seiner Wahlheimat Basel ist er erstaunlich unbekannt. Noch. «Das liegt ja nicht an mir, das liegt an Basel», sagt Behle lachend. Er schätze es hier sehr. Die Stadt sei verkehrstechnisch gut gelegen, man sei mit dem Zug schnell in Paris, Mailand oder München. «Tradition wird hochgehalten, und das finde ich schön. Das gibt der Stadt etwas Einmaliges.»

Gleichzeitig sei Basel nicht zu bünzlig. Als Grenzstadt zu Deutschland und Frankreich sei die Stadt sehr offen. «Da ich aus Hamburg komme, dem Tor zur Welt und einer sehr weltoffenen Stadt, taugt mir das».

Ursprünglich verschlug es ihn der Liebe wegen nach Basel. 2006 war er im festen Ensemble der Volksoper Wien. Bei einem Gastspiel sang er an der Oper Basel den Don Ottavio aus Mozarts «Don Giovanni». Seine jetzige Frau Carla Branca, damals Zuzügerin beim Sinfonieorchester und heute Bratschistin beim Collegium Musicum Basel, sass im Orchestergraben. Nachdem er sich 2010 selbstständig gemacht hat, zog er hierher. Seit zwei Jahren sei er eingebürgert.

Das Konzert am 29. März ist daher auch für ihn ein «Best of»: einerseits ein Heimspiel an seinem Wohnort, andererseits ein Auftritt mit dem Orchester seiner Frau. Behle wird sich dann quer durch die Musikgeschichte singen: Arien aus Mozarts «Zauberflöte» und aus dem «Don Giovanni», die «Blumenarie» aus Georges Bizets «Carmen», Operettenstücke von Franz Lehár oder Johann Strauss, Lieder vom in den 1920ern populären Filmkomponisten Hans May und dann natürlich die Uraufführung seiner Komposition. Darauf sei er sehr gespannt. Es sei immer sehr aufregend, ein eigenes Werk das erste Mal zu hören.

   

Collegium Musicum CMB-Extrakonzert: «Best Of.» mit Daniel Behle. Musical Theater, Basel. 29. März, 19.30 Uhr. www.collegiummusicumbasel.ch

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