Stefan Gubser, man kennt Sie als Kommissar Flückiger aus dem «Tatort». Daneben treten Sie aber regelmässig als Sprecher an Konzerten auf. Was zieht Sie zur Klassik?

Stefan Gubser: Die klassische Musik begleitet mich schon seit meiner Kindheit. Meine Eltern haben ausschliesslich klassische Musik gehört.

Lassen Sie mich raten: Sie mussten als Kind Klavier spielen.

Ich musste Klavier spielen. Leider ist nach kurzer Zeit mein Klavierlehrer weggezogen. Und ich war etwas widerborstig und habe dann aufgehört. Das ist eine der ganz wenigen Sachen, die ich bereue: Dass ich als Kind nicht mehr Durchhaltewillen gehabt habe. Oder dass meine Eltern mich nicht dahin gebracht haben, weiter Klavierstunden zu nehmen. Denn ich würde jetzt wahnsinnig gerne Klavier spielen können.

Haben Sie als Bub auch Beethoven und Bach gehört?

Als ich jung war, hat mir das gar nicht so zugesagt. Erst später habe ich die Klassik entdeckt. Heute macht es mir unheimlich Spass, mit klassischen Musikern zusammen aufzutreten und Texte zu lesen. Dieses Jahr bin ich mit einem Beatles-Programm am Boswiler Sommer, und am Menuhin Festival in Gstaad lese ich Briefwechsel von Clara Schumann und Johannes Brahms.

Das sind Briefe mit einer Krimi-Komponente: Weil zwischen den beiden wohl eine verbotene Liebe im Gang war. Um frischfröhlich Äpfel mit Birnen zu vergleichen: Was hat ein Konzert-Abend, was ein Krimiabend nicht hat?

Musik ist Musik und Film ist Film. Das sind zwei so unterschiedliche Medien. Aber in den klassischen Stücken gibt es auch sehr spannende Momente. Was die Dramaturgie angeht, kann man die beiden Kunstformen im weitesten Sinn also vergleichen.

Sie habe in einem Interview gesagt, das Format «Tatort» sei so erfolgreich, weil es sich seit seinem Bestehen stetig erneuere. Der klassischen Musik wird das Gegenteil vorgeworfen: Die Konzerte seien wie vor 150 Jahren. Was würden Sie an einem klassischen Konzert ändern wollen?

Da würde ich mir jetzt nicht anmassen, meinen Senf dazuzugeben. Die Musik hat Bestand, weil die Komponisten ausserordentlich waren und teilweise tatsächlich genial.

Aber Sie geben Ihren Senf ja bereits dazu, mit den Texten, die Sie zur Musik dazustellen.

Das ist etwas anderes. Das sind Texte. Das ist mein Metier.

Die Texte verändern das Format der Konzerte: Man hört Musik und Sprache im Wechsel, im Dialog miteinander.

Das finde ich natürlich toll. So etwas darf man auch, und das ist eine schöne Arbeit. Aber die Musik muss man dabei bestehen lassen. Im Theater ist es ja eine Unart geworden, sämtliche Klassiker zu verändern und die Texte total umzuschreiben. Das kann teilweise ganz gut sein, aber manchmal ist das sehr bemüht und wird dem Autor, der sie einst geschrieben hat, nicht gerecht.

Als Kind haben Sie offenbar die Schallplatten Ihrer Eltern dirigiert. Hatten Sie damals den Traum, Musiker zu werden?

Nein. Ich habe relativ schnell gewusst, dass es bei mir dazu nicht reichen würde. Wenn man einen künstlerischen Beruf macht, braucht es auch das Talent dazu und dieses muss überdurchschnittlich sein. Das war meines nicht.

Sie sind dann beim Krimi statt beim Klavier gelandet. Jetzt, am Boswiler Sommer, treten Sie mit einem Beatles-Programm auf. Waren die Beatles der Sound Ihrer Jugend?

Sie waren der blutige Anfang meiner musikalischen Erfahrung. Gut, da waren noch andere Sachen, aber die möchte ich hier jetzt nicht erwähnen … sagen wir es so: Die Beatles waren der Anfang einer Phase, wo ich anfing, ein bisschen zu rebellieren. Es ging dann auch relativ schnell, bis die Rolling Stones aufkamen, und dann war ich mehr der Rolling-Stones-Typ. Wobei ich heute sagen muss: «Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band» ist einfach ein absolut geniales Album. Es gilt ja auch als eines der besten Alben in der Geschichte der Musik.

Ist das Musik, bei der Sie mitsummen?

Klar, ich muss mich immer zusammenreissen während der Aufführung, dass ich nicht auch mitsinge. Aber ich bin ja nicht zum Singen angestellt, sondern um die Texte zu lesen...

... und zwar live und hautnah in Kontakt mit dem Publikum. Mögen Sie das?

Das ist einmalig! Ich glaube an diesen Energieaustausch, daran, dass da etwas stattfindet. Das Publikum gibt einem sehr viel zurück. Das kann eine Kamera oder ein technisches Gerät nicht. Wenn ich einen Theaterabend hinter mir habe, bin ich aufgedreht und voller Energie – wenn ich einen Drehtag hinter mir habe, bin ich eigentlich total kaputt.

Die Texte drehen sich um den Manager der Beatles, Brian Epstein. Weshalb nicht um einen der Beatles?

Das müssen Sie Oliver Kaiser fragen, den Schlagzeuger. Er hat die Texte von Brian Epstein verfasst – alles nach wahren Begebenheiten, mit Zitaten aus Interviews. Die Texte sind genial, auch zum Vorlesen. Es ist Humor drin, es sind Emotionen drin. Das Programm ist Teil einer Trilogie. Die nächste Produktion stellt George Martin ins Zentrum, den Produzenten.

Als das Album «Sgt. Pepper’s» erschien, waren Sie zehn Jahre alt und durften zu Hause keine Krimis schauen. Durften Sie Beatles hören?

Beatles durfte ich hören. Beziehungsweise: Ich liess mir da einfach nicht reinreden. Musik ist ja etwas anderes als irgendwelche brutalen Krimis. Meine erste Beatles-Platte habe ich mit Sieben gekauft. Das war «Help» und «Sgt. Pepper’s» hatte ich natürlich auch gekauft. Gemeinsam mit meiner Schwester steckten wir unser ganzes Taschengeld in Schallplatten.

Was erleben Sie heute, wenn Sie Musik hören?

Die Musik geht direkt ins Herz oder ins emotionale Zentrum der Menschen. Sie nimmt nicht erst den Umweg über den Kopf, man muss sich nichts dabei überlegen. Man kann sich einfach berühren und mitreissen lassen. Das gefällt mir besonders an der Musik.

Der «Tatort» wird an seiner Quote bemessen, ein Klavierabend nicht.

Quote ist eben die Währung im Fernsehen. Filme zu drehen ist teuer, deshalb dreht man sie für ein möglichst grosses Publikum und ist darauf angewiesen, dass möglichst viele Leute zuschauen, weil man mit der angekoppelten Werbung Geld verdient. Im Grund genommen kann man alles runterbrechen auf monetäre Fragen.

Ärgert Sie dieses Quotendenken?

Ich persönlich finde das überhaupt nicht gut. Dabei geht es nie um die künstlerische Arbeit der Leute, die den Film gemacht haben. Sondern um Massengeschmack. Und ich möchte keine Filme für den Massengeschmack machen, sondern solche, die einen künstlerischen Mehrwert haben und einfach gut sind. Da ist die Einschaltquote kein Massstab für mich. Es gab vor ein paar Jahren einen «Tatort» mit Uli Tukur, der an einen Western angelehnt war und relativ brutal. Das war einer der besten Tatorte, die ich je gesehen habe. Aber die Quote war hundsmiserabel. Die hatten sechs Millionen Zuschauer. So wenig Zuschauer hatten wir zum Beispiel noch nie.

Obwohl Ihre Quoten jeweils auch in der Kritik standen. Ab nächstem Jahr wechselt der «Tatort» nach Zürich. Und SRF plant neue Krimiformate. Wissen Sie, ob Sie da eine Rolle spielen werden?

Für den neuen «Tatort» wird ein neues Team zusammengestellt, damit habe ich nichts zu tun. Was sonst noch alles kommt an Krimis im SRF, das weiss ich noch nicht. Das weiss wohl nicht einmal das Fernsehen selber. Es wird sich weisen. Auch, ob ich Lust habe mitzumachen. Das hängt auch davon ab, wie gut die Drehbücher sind und wie gut das Format ist, das das Fernsehen ausarbeitet.