Tanz
Magie in Königsfelden: Die tänzerische Suche nach Nähe, Begegnung und Liebe


Die Produktion «Sei Nacht zu mir» von Tanz & Kunst Königsfelden
überrascht mit einer kammermusikalischen Choreografie.

Elisabeth Feller
Merken
Drucken
Teilen
Für den Tanzabend liess sich die hier als Dramaturgin fungierende Brigitta Luisa Merki von einem Gedicht inspirieren.

Für den Tanzabend liess sich die hier als Dramaturgin fungierende Brigitta Luisa Merki von einem Gedicht inspirieren.

Alex Spichale / KUL

Königlich wird man in der Klosterkirche Königsfelden empfangen: Mit einem roten Teppich macht Brigitta Luisa Merki, die künstlerische Leiterin von Tanz & Kunst Königsfelden, deutlich: «Das Publikum ist von uns Künstlern abhängig und wir vom Publikum.» Kunst kann also nur gemeinsam entstehen: Selbst oder gerade dann, wenn eine Vorstellung nur vor 50 Besucherinnen und Besuchern stattfinden kann. Doch was heisst das schon, wenn an der Premiere bloss wenige da sind, diese aber mit einer Konzentration sondergleichen eine Choreografie verfolgen, die wohl die intimste im Rahmen der Tanzplattform T&KK ist.

Erneut liess sich die hier als Dramaturgin fungierende Brigitta Luisa Merki von einem Gedicht inspirieren. Der im Mai verstorbene, iranisch-deutsche Poet Said hat mit «Sei Nacht zu mir! Am Rande dieser Tage, mit vielen Worten ohne Gesicht» die Sehnsucht nach Nähe, Begegnung und Liebe in Worte gekleidet. Liest man sie, wird man schmerzlich berührt. Hat man sich in den Monaten der Pandemie nicht all dies ersehnt?

In Königsfelden wir dem Zuschauer bewusst, was Magie bedeutet

In Königsfelden wir dem Zuschauer bewusst, was Magie bedeutet

Alex Spichale / KUL

In keiner anderen Kunstsparte lässt sich Nähe und Begegnung unmittelbarer ausdrücken als im Tanz, vielmehr im Pas de deux. Deshalb setzt Gast-Choreograf Remus Sucheana mit zehn ausserordentlichen Tänzerinnen und Tänzern – musikalisch getragen von der Sängerin Karima Nayt und dem Kaleidoscope String Quartet – primär darauf. Ob ein vielfach variiertes, von sanften Hebefiguren und Schlingbewegungen akzentuiertes Duett zwischen einer Tänzerin und einem Tänzer oder ein nähesignalisierendes Lied der Sängerin, die so den Cellisten anspricht: Alle Begegnungen wirken scheu und derart fragil, dass man um ihr Verstummen bangt.

Zeitgenössisch, klassisch, modern und visionär

Zerbrechlichkeit ist ein Merkmal dieser Choreografie, die wie absichtslos beginnt. Die Musiker des Streichquartetts finden sich langsam im dunklen Raum ein; die später dann verschobenen Hocker werden vom Ensemble hereingebracht und schon wird deutlich: Musiker und Tanzende suchen den Kontakt. Das Kaleidoscope String Quartet unterstützt sie dabei, greift aber auch selbst ins Geschehen ein: etwa dann, wenn sich ein Musiker aus der Gruppe löst, um als Solist eine Tänzerin so zu inspirieren, dass sie – für einen Moment – ihre Scheuheit ablegt. Die leise Wehmut aber, die wie ein Schatten jede Szene begleitet, will kaum je verschwinden; auch nicht in den oft angesetzten Pausen.

Die leise Wehmut aber, die wie ein Schatten jede Szene begleitet, will kaum je verschwinden; auch nicht in den oft angesetzten Pausen.

Die leise Wehmut aber, die wie ein Schatten jede Szene begleitet, will kaum je verschwinden; auch nicht in den oft angesetzten Pausen.

Alex Spichale / KUL

Nur einmal schert ein Paar zu rassigen, an Folk erinnernden Klängen aus: Die Lust an der Liebe bricht sich Bahn in einem «Hasch mich doch, wenn du kannst»-Spiel, das ein heiterer Kontrapunkt zu den vorangegangenen Duetten ist. Auch hier wird das Geschehen nicht von tänzerischer Geschäftigkeit, sondern von weichen, fliessenden Bewegungen und von nackten Füssen bestimmt, die über den Boden zu fliegen scheinen.
Dieses organische Gleiten von einer Figurenkonstellation in die andere ist ebenso bewundernswert wie der Klangteppich, den das Kaleidoscope String Quartet ausbreitet. Seine Musik ist zeitgenössisch, klassisch, modern, visionär: Sie entzieht sich jeder Einordnung – und ist damit die stimmigste, die man sich für «Sei Nacht zu mir» vorstellen kann.

Wunderbar sind auch die Lichtobjekte von Simon Renggli/Pfeffermint & Light Pillar. Hätte man sich je eine «nackte» Klosterkirche ohne Bühnenbild vorstellen können? Einen sakralen Raum, dessen Glasrosette ein langes, bis zum Boden reichendes, schwarzes Tuch verhüllt, aus dem sich vertikale Lichtstreifen unterschiedlicher Farbe gleichsam herausschälen? Sie sind diskret, wirken schlicht, entfalten aber eine unvergleichliche Wirkung. Das zeigt sich insbesondere am Ende, als Tänzerinnen und Tänzer diese Lichtstreifen ergreifen und sie zu einer Skulpturenlandschaft in der Diagonale anordnen – Magie pur! Damit wird einem wieder bewusst, was diese Worte bedeuten: Weniger ist (viel) mehr.

Klosterkirche Königsfelden: bis 27. Juni