Dieser Mann ist eine Qual, eine notorische Nervensäge, ein Bünzli und Knauserer, der in allem nur das Schlechte sieht, derart schlimm, dass man ihn irgendwann nur noch schütteln und anbrüllen möchte. So weit treibt einen Arno Camenisch mit seinem neuen Roman «Die Kur» zuweilen – bis in die Verzweiflung. Gleichzeitig ergötzt man sich an dieser höchst skurrilen Figur, die mit trockenem Humor und in Camenischs eigentümlich rustikalem Sprachduktus geschildert wird. Für den Leser bedeutet dies ein Wechselbad der Gefühle.

Dem Mann ohne Namen stellt der Autor eine Ehefrau zur Seite. Wie er stammt sie aus der Surselva, wie er hat sie das Pensionsalter erreicht. Ansonsten unterscheiden sich die beiden grundlegend voneinander: Während er dauernörgelnd den baldigen Tod erwartet, freut sie sich darauf, das Leben zu geniessen, endlich die Welt zu entdecken. Mann und Frau, negativ und positiv, sind in «Die Kur» in einem fortwährenden Ringen gefangen. Mit Geduld, eisernem Willen und einem gehörigen Mass an Realitätsflucht scheint die Frau die Oberhand zu gewinnen, ihren störrischen Bock in die von ihr gewünschte Richtung zu lenken. Wohl das erste Mal im Leben.

Ein Trampel im 5-Sterne-Hotel

Camenisch schickt in «Die Kur» sein Ehepaar nach einem Tombola-Gewinn für einige Tage in ein nobles 5-Sterne-Hotel ins Engadin. Wie es die Schilderungen vermuten lassen, handelt es sich um das Hotel Waldhaus in Sils – eine Welt, die beiden fremd ist, in der sich der Mann jedoch wie ein Trampel ausnimmt. Bewehrt mit einer Dächlikappe und einem Plastiksack, aus dem er unentwegt irgendwelche Gegenstände hervorzaubert, hinkt dieser Prolet bar jeden Charmes durch das Hotel, stört sich an einer Lesung, an einem Konzert, liefert sich eine Buffetschlacht, demoliert das Interieur und möchte ohnehin umgehend wieder nach Hause fahren, um sich auf der Wohnzimmercouch zu fläzen. Überzeichnete Szenen, herrlich zu lesen und ausnehmend amüsant. Doch weiss Camenisch wohl genau, weshalb er «Die Kur» nicht länger als über 100 Seiten erzählt: Die Figur ist derart exaltiert und damit bisweilen etwas eindimensional, dass sie nur schlecht für ein längeres Stück geeignet wäre.

Die Frau dagegen vermag aus einer untergeordneten Position heraus die Rücksichtslosigkeit und Macht ihres Angetrauten dennoch subtil zu unter-¬ minieren. Von ihr erfährt man, dass sie so gerne auf eine Kreuzfahrt gehen würde oder nach Mailand in die Oper, früher träumte sie davon, einen Blumenladen zu leiten, doch die Wünsche ihres Mannes waren stets vorrangig. Erzählt sie von ihren Ansinnen, verweigert sich ihr Mann standhaft, geht nicht auf sie ein und redet an ihr vorbei. In der Folge flüchtet sie sich in Traumwelten, verkleidet sich und schlüpft in die Rolle von Berühmtheiten, von denen sie auch einige unter den Hotelgästen zu erkennen glaubt. Auch hier das tragikomische Moment, das Camenisch meisterhaft einzusetzen weiss.

Erdrückende Dominanz

Der Autor zeichnet damit nicht nur Szenen einer Ehe nach, sondern liefert auch das Sittenbild einer ganzen Generation, die in einer erzkonservativen und oftmals von Armut betroffenen Surselva aufgewachsen ist. Verbittert blickt der Mann etwa zurück auf eine Kindheit, die sich nicht selten auf der Alp mit einem leeren Magen abspielte. Dementsprechend um sein Essen fürchtend, gebärdet er sich selbst noch im hohen Alter.

Obschon in den 47 kurzen Kapiteln der Mann wie die Frau ihre Lebensbilanz offenlegen, und der Leser an der Sichtweise beider Figuren teilhaben soll, dominiert doch der Charakter des Mannes. Seine beinahe allgegenwärtige Todesfurcht wirkt sich erdrückend auf die Erzählung aus. «Die grosse Kunst des Lebens ist der Tod», lautet sein Motto. Oder eine weitere Marotte: «Er schneidet die nächste Todesanzeige aus, schau, sagt er, die hier ist aber alt geworden, er hält ihr die Todesanzeige hin und lächelt, da habe ich eine Alte erwischt.» So entwickelt sich «Die Kur» zum wohl melancholischsten Buch, das Camenisch bisher veröffentlicht hat. Gleichzeitig dringt der Autor so weit wie noch nie in die Tiefen der menschlichen Psyche ein – und beeindruckt, wie einfühlsam er dabei vorgeht.

Arno Camenisch Die Kur. Engeler-Verlag, 2015. 96 Seiten.