Kunst

Street-Art-Picasso aus Zürich hinterlässt seine Spuren auch auf Basels Baustellen

«All You Need Is Pablo»: Gesprayte kubistische Wandzeichnungen tauchen an Baustellen-Absperrungen auf.

Die ineinander geschachtelten Gesichter von Pablo Picasso sind kubistische Eckpfeiler der modernen Kunstgeschichte. Doch was geschieht, wenn Picasso-ähnliche Zeichnungen als schnell gesprühte Graffitizüge im öffentlichen Raum auftreten? Sind es Zitate, gewollte Kopien oder ein ironischer Angriff auf den Kunstbegriff selbst.

Seit Wochen werden die weissen Kunststoffplatten rund um die Baustelle am Voltaplatz für unterschiedliche Graffitiformen benützt. Neben politischen Parolen, die sich gegen die Gentrifizierung des Sankt-Johann-Quartiers richten, sind tags als verschlüsselte Namenszüge zu sehen. Dazwischen zieren die zuerst in Zürich von der Öffentlichkeit wahrgenommenen Picassoköpfe das Strassenbild.

Manche dieser Zeichnungen lassen Verbindungen mit tatsächlichen Kunstwerken des Meisters erkennen, andere wiederum tarnen sich mit dem Mantel des kubistischen Malstils. Ob hinter den Graffiti-Picassos ein Künstler oder doch mehrere stehen, ist nur zu erraten.

Auf den ersten Blick scheinen sich Kunst und Alltagsleben hier öffentlich die Hand zu reichen, auch wenn im vorbeigehenden Betrachten ein Schmunzeln unvermeidbar ist. Zu sehr sind wir uns gewohnt, dass Kunst in Institutionen und nicht bei einer Tramhaltestelle ihren Platz einnimmt. Ein Picasso als Teil einer temporären, von Abgasen verdreckten Abschrankung wirkt absurd.

Die Konventionen des Ausstellungswesens

Urbane Zeichnungen mit schwarzer Sprayfarbe zeigen eine wiederkehrende Präsenz. Gérard Zlotykamien sprühte 1963 als Erster in den Strassen von Paris seine figürlichen «Ephémères» und brachte somit die sich gegenwärtig immer noch entfaltende Street-Art in Bewegung. Zlotykamien benützte den öffentlichen Raum, um die Konventionen des musealen Ausstellungswesens zu brechen und eine uneingeschränkte Künstlerrolle zu verfolgen. Seine bewusst fragilen Strichfiguren bezogen sich auf geschichtliche Kontexte wie den Atombombenabwurf auf Hiroshima oder die Judenverfolgung im Dritten Reich. Der französische Maler hat selbst jüdische Wurzeln.

Wenige Jahre später wurde museale Kunstgeschichte einer anderen Art geschrieben. Mit dem Slogan «All You Need Is Pablo» entschied die Basler Stimmbevölkerung 1967 an der Urne, zwei Gemälde von Pablo Picasso mit Steuergeldern zu kaufen. Beinahe die ganze Stadt ergriff das Picasso-Fieber, sogar der FCB machte mit einer Plakataktion dafür Werbung. Diese Volksabstimmung rührte den damals noch lebenden spanischen Maler so sehr, dass er der Stadt zwei weitere Kunstwerke schenkte. Die Bilder widmete Picasso ausdrücklich den Aktivisten, die für seine Kunst auf die Strasse gegangen waren. Weitere Ankäufe folgten, der Grundstein für eine der grössten Picasso-Sammlungen war gelegt.

Doch während Kunstwerke in Museen kuratiert, konserviert und restauriert werden, sind die Picasso-ähnlichen Graffiti als temporäre Aerosolspuren der Vergänglichkeit ausgesetzt. Der öffentliche Raum ist nicht nur der Entstehungsort, sondern er wird zum Bestandteil der Kunst. Verschwindet die Absperrung an der Baustelle, verschwinden auch die darauf gemalten Werke.

In den 1970er-Jahren entwickelten sich vermehrt künstlerische Ansprüche, Kunst nicht nur in kontextlosen Museen zu zeigen, sondern im öffentlichen, demokratisch gedachten Raum zu platzieren. Kunstschaffende, die ungefragt darin agieren, werfen wesentliche Fragen zur Diskussion auf, was öffentlicher Raum ist und wer über seine Nutzung und Gestaltung bestimmt. Dieser Anspruch der Eroberung des öffentlichen Raumes zielte auch darauf, ein anderes und grösseres Publikum zu erreichen. Kunst sollte nicht für eine bestimmte Bevölkerungsschicht, sondern für alle da sein.

Die Sprayaktionen der Jugendbewegung

Parallel zu dieser Kunstbewegung wurde das illegale Arbeiten in der Strasse vor allem in den Sprayaktionen der US-amerikanischen Jugendbewegung zelebriert. Buchstaben entwickelten sich zu Schriftzügen und überfluteten die Wände der S-Bahnen und Häuser. Mit einer Verzögerung von einigen Jahren entstand auch in Europa eine immer noch lebendige Graffitikultur. Kunst oder Nichtkunst lautet die sich in Diskussionen über dieses Phänomen ständig wiederholende Frage. Es ist eben kein Picasso.

Nicht aus der Graffitikultur, sondern aus der Kunstszene kommend, erschloss Harald Naegeli etwa parallel zur grossen Zeit der New Yorker U-Bahn-Graffiti mit seinen Zeichnungen das öffentliche Feld. Naegeli sprühte in Zürich und später in deutschen Städten illegal und anonym, um gekonnt nach dem richtigen und falschen «Plätzli» für die Kunst zu fragen. Betrachtet man sein Gesamtwerk, dann zeigt es ein für viele urbane Kunstschaffende immer noch existierendes Paradox der Kunstwelt auf. Einerseits fand Naegeli für seine Werke in Institutionen öffentliche Anerkennung, andererseits wurde er als «Sprayer von Zürich» rechtlich verfolgt. 

«All You Need Is (künstlerischer) Freiraum» wäre schon damals ein forderndes Leitbild gewesen.

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