Kultur

Strategiewechsel: Netflix zeigt neuen Film «Two Popes» zuerst online und erst später im Kino

Bregoglio (J. Pryce links) und Ratzinger (A. Hopkins) schauen gemeinsam Fussball.

Bregoglio (J. Pryce links) und Ratzinger (A. Hopkins) schauen gemeinsam Fussball.

Ein Film über Papst Benedikt und ­dessen Nachfolger Franziskus ist bereits online. Warum bringen ihn die Kinos noch auf die Leinwand?

Nächste Woche kommt «The Two Popes» ins Kino. Der Film, produziert für den US-Streaming-Riesen Netflix, thematisiert die Beziehung zwischen den beiden Widersachern, Papst Benedikt XVI. (gespielt von Anthony Hopkins) und dessen späteren Nachfolger Jorge Bregoglio (Jonathan Pryce). Und als Kammerspiel gedreht, erzählt er, wie es kam, dass Benedikt ausgerechnet seinem grössten Gegner, Jorge Bregoglio, auf dem Heiligen Stuhl Platz machte. Den Weg also freiräumte für den ersten Papst aus Lateinamerika, Papst Franziskus.

Der Film spielt im Jahr 2012, der Deutsche Joseph Ratzinger ist Benedikt XVI. und mit den «Vatileaks» um die Vatikanbank konfrontiert. Und nun kommt der Argentinier Bregoglio nach Rom, der als Kardinal zurücktreten will, dazu aber das Einverständnis des Papstes braucht. Was Bregoglio nicht weiss: Auch Benedikt will zurücktreten, als Papst. Und dieser will ihn, Jorge Bregoglio, als Nachfolger.

Die beiden Männer stecken in der Zwickmühle: Einen Rücktritt Bregoglios kann Benedikt nicht akzeptieren, weil es als Protestnote gegen den Kurs seiner Kirche aufgefasst würde. Selbst zurücktreten kann Benedikt auch nicht, ohne dass ­Bregoglio einwilligt zu bleiben, sonst würde es ihm als Eingeständnis ausgelegt, direkt in den Skandal um die Vatikanbank ­involviert zu sein.

Warum ins Kino, wenn man für Netflix bezahlt hat?

Auch die Schweizer Kinos stecken in einem Dilemma. Einige zeigen den Film nun auf der Leinwand, obwohl der Film auf Netflix bereits seit mehr als zwei Wochen verfügbar ist. Weshalb, fragt sich, sollen Netflix-Abonnenten fürs Kino bezahlen, wo sie den Film zu Hause doch im Rahmen ihres Flatrate-Pakets schauen können?

«The Two Popes» ist bereits der dritte Film innert weniger Wochen, der für Netflix und damit fürs Fernsehen produziert worden ist, aber auch im Kino gezeigt wird. Bei den anderen beiden Filmen allerdings gab es einen entscheidenden Unterschied: Sie liefen zuerst exklusiv im Kino. Netflix gab den Kinobetreibern eine Vorlaufzeit, in der sie das exklusive Vorführrecht hatten.

Im November kam «The Irishman» ins Kino, das Mafia-Epos von Martin Scorsese. Für zwei Wochen war der Streifen exklusiv in ausgewählten ­Kinos zu sehen, ehe Netflix ihn auch für den Heimmarkt freischaltete. Wenig später lief «Marriage Story» auf Netflix an, die hoch gefeierte Tragikomödie über eine Scheidung eines von Scarlett Johansson und Adam Driver gespielten Paars. Und nun also kommt «The Two Popes» ins Kino.

Es ist erst der vierte Film von Netflix überhaupt, der es ins Kino schafft. Vor «Irishman» und «Marriage Story» lieft vor einem Jahr exklusiv «Roma» in den Kinos an. Eine berührende mexikanische Schwarz-Weiss- Produktion über das Leben eines Dienstmädchens in einer Mittelstandsfamilie in Mexiko-Stadt in den 1970ern.

Kinos haben den Anspruch, Filme als erstes auf die Leinwand zu bringen. Bisher war das auch bei Netflix-Filmen so. Bei «The Two Popes» nun hinken sie Netflix hinterher. Warum tun sie das?

Im Kino läuft er unter anderem in Luzern und Zürich. Die Neugass Kino AG, die neben Kinos in Zürich auch die Säle im Bourbaki Luzern betreibt, hat für «The Two Popes» die Vorführrechte von Netflix erworben. Exklusivität sei zweitrangig, wie es dort heisst. «Uns geht es primär um ein Bekenntnis zum Film: Wir zeigen Filme auf der Leinwand, von denen wir denken, dass sie ins Kino gehö­ren», sagt Luzius Hartmann von der Neugass Kino AG dieser Zeitung. Die Zürcher Kinobetreiber zeigten alle bisherigen Netflix-Filme fürs Kino. Eintrittszahlen werden keine genannt, doch an der Spitze und unerreicht lief «Roma» vor einem Jahr. «Die Resultate blieben auch nach dem Netflix-Release hoch genug, so dass wir den Film über weitere Monate verlängert haben», schreibt die ­Kinobetreiberin.

Ganz anders war das dieses Jahr bei «The Irishman» und «Marriage Story». Dass die Eintrittszahlen hinter den Erwartungen blieben, erklärt sich die Neugass AG damit, «dass diese beiden Filme in weit mehr Kinos gleichzeitig gespielt wurden als dazumal ‹Roma›».

Schwierige Verhandlungen mit Netflix

Die Kinobetreiber der Neugass AG sind geradezu Netflix-­euphorisch. Sie bemühten sich neben den gezeigten Produktionen sogar noch um zwei weitere Netflix-Filme («The Platform» und «J’ai perdu mon corps»), für die sie von Netflix die Vorführrechte allerdings nicht erhielten.

«The Two Popes» läuft ab nächster Woche auch in Sälen der Kitag AG, einer der drei grossen Schweizer Kinoketten. Dort war man zufrieden mit den Eintrittszahlen bei «The Irishman» und «Marriage Story». Zu einem anderen Schluss sind die Betreiber mehrerer Arthouse-­Kinos in Basel gekommen. Die Kult Kino AG schreibt auf Anfrage, man werde «The Two Popes» nicht zeigen. Die Qualität des Films überzeugte die Basler Verantwortlichen nicht.

Tipp:
«The Two Popes» (GB/I/ARG/USA 2019, 125 Min.)
R: Fernando Meirelles
jetzt auf Netflix und ab 2. Januar im Kino.

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