Interview

Stones-Gitarrist Ronnie Wood: «Es ist herrlich, nicht ständig an den nächsten Drink denken zu müssen»

Ronnie Wood ist 72, fleissig, schlank und rank und mit einem Tribut an Chuck Berry unterwegs.

Ronnie Wood ist 72, fleissig, schlank und rank und mit einem Tribut an Chuck Berry unterwegs.

Ronnie Wood, der Gitarrist der Stones, macht mit 72 auf Solo, malt, hat kleine Kinder und vermisst weder Zigaretten noch Alkohol.

Seit 1976 spielt Ronnie Wood bei den Rolling Stones offiziell die zweite Gitarre. Befreundet – aber zum Glück nicht allzu eng – war er mit Mick Jagger und Keith Richards schon lange vorher. 72 Jahre alt ist Wood, dabei schlank und rank wie ein 20-Jähriger und fleissig wie noch nie. Mit seinem neuen Solo-Album zollt er Tribut an dem Mann, der seine frühesten musikalischen Taten inspirierte: Chuck Berry. Wir haben Wood in London dazu ein paar Fragen gestellt.

Mit diesem Album schliesst sich ein Kreis. Der Name Ihrer ersten Band, The Birds (nicht zu verwechseln mit der US-Band The Byrds), war von einem Chuck-Berry-

Song abgeleitet. Zum Repertoire gehörten Lieder wie «Talking About You» und «Back in the USA», die wir wieder antreffen. Nostalgie?

Ronnie Wood: Mit diesem Album versuche ich, eine neue Generation zu seinem Sound zurückzuführen. Vielleicht entdecken sie dadurch die Originalplatten. Denn die sind grossartig. Der Geist der Musik, der Sound. Es ist so wie ich im ersten Lied «Tribute to Chuck Berry» singe: Alle vermissen wir Chuck Berry. Er hatte aber auch eine traurige Seite. Es war der Chuck Berry, der nach dem Konzert mit dem Cash im Gitarrenkoffer durchs Publikum sprintet und verschwindet. Er wollte die Leute in seiner Band gar nicht kennen lernen. Sie waren ihm egal.

Sie haben selber mit Chuck Berry gespielt. Wie war das?

Einige Male sogar, ja. Ich darf mich wohl glücklich schätzen, dass er mich mochte. Aber ich habe erlebt, wie grob er mit anderen umspringen konnte. Ein eigenartiger Kerl.

Können Sie sich erinnern, wann Sie ihn zum ersten Mal gehört haben?

Ich kann mich daran erinnern, wann ich zum ersten Mal ein Foto von ihm sah. Ich war etwa vierzehn Jahre alt. Jemand lieh mir sein Album «New Jukebox Hits» aus. Das Cover zeigte ihn, wie er seitlich über eine Jukebox gebeugt war. Damals bekam man Fotos nur auf teuren Importalben aus den USA zu sehen. Wir hatten keine Ahnung, wie Howlin’ Wolf aussah oder Jimmy Reed.

Sie haben eine Trilogie von Alben versprochen. Chuck Berry ist Teil eins. Was folgt?

Teil 2 wird sich vor allem um den Bluesmusiker Jimmy Reed drehen. Ich hab live ein paar Sachen in der Richtung mit Mick Taylor gemacht, ich liebe es, Mundharmonika zu spielen. Der Gitarrist Eddie Taylor, der viel mit Reed unterwegs war, hat auch ein paar feine Songs geschrieben. Auch er verdient ein Tribut. Dazu Künstler, die mich als jungen Mann beeinflusst haben: Big Bill Broonzy und Hubert Sumlin.

Mit rohen Blues-Covers tat schon das letzte Rolling-Stones-Album «Blue & Lone­some» einen tiefen Griff in die Musikgeschichte. Haben jene Aufnahmen eine alte Liebe neu entflammt?

Vom Blues kommen wir her, er gehört zu unserer Seele. «Blue & Lonesome» war als eine kleine Atempause während der Arbeit an dem Album gedacht, an welchem wir immer noch dran sind. Wir wussten, dass wir diese Stücke in einem einzigen Take hinlegen konnten. Diese Spontaneität hat mich tatsächlich inspiriert. Chuck Berry starb dann sehr bald darauf. Ich erwartete eine Flut von Tribut-Bezeugungen. Aber es kam nichts. O.K., dann mach ich es halt!

Als Brian Jones aus der Band geworfen wurde, rief Mick Jagger Sie an, um Ihnen den Job bei den Stones anzubieten. Leider nahm Ronnie Lane das Telefon ab, der wie Sie und Rod Stewart bei den Faces spielte. Er erklärte Jagger, ein Wechsel käme nicht in Frage. Sie erfuhren das erst Jahre später. Wie lange brauchten Sie, um Ronnie Lane die Notlüge zu verzeihen?

Ha! Ich habe ihm sofort verziehen. Ich schaute mir die Situation genauer an und musste eingestehen, dass es eindeutig besser war so. Der Aufschub hat mir womöglich das Leben gerettet. Bei dem Lebenswandel, den die Stones damals führten, all den Drogen und dem Rest...

Gibt es Dinge aus den Sixties, die Sie heute vermissen?

Die Kameradschaft unter den Bands vermisse ich schon. Die Plattenfirmen-Partys, überall waren wir willkommen. Die Beatles, Stones, Small Faces, Kinks – wer auch immer da war, hat ohne Dünkel miteinander geplaudert und gefeiert. Wir waren eine einzige grosse Familie.

Seit neun Jahren trinken Sie keinen Alkohol mehr. Ist es für Sie noch möglich, in einem Pub zu entspannen?

Aber sicher ist es das! Das geht auf dem Land, wo ich wohne, und auch hier in London, ums Paddington Basin, dem Gewässer, wo meine Eltern noch auf einem Hausboot gelebt haben.

Seit sieben Jahren sind Sie zum dritten Mal verheiratet, seit drei Jahren Vater von Zwillingen, Gracie Jane und Alice Rose. Wie ist es, nach einem abenteuerlichen Leben nochmals für Kinder verantwortlich zu sein?

Es ist ein herrliches Geschenk. Die Kleinen sind wundervoll. Man ist ständig auf Achse, braucht Augen im Hinterkopf. Aber es hält dich jung, da bin ich mir sicher. Sie sind eine Inspiration und kommen prächtig aus mit meinen älteren Kindern.

Anfang nächstes Jahr kommt ein Film von Mike Figgis über Sie ins Kino. Er heisst «Somebody Up There Likes Me». Wie kam es dazu?

Vor meinem 70. Geburtstag überlegten wir, wie wir diesen feiern könnten. Die Filmidee gefiel uns allen, und Mike war schon an Bord. Aber mein Kalender war übervoll. Da schlug Mike vor, mich beim Malen zu filmen. Daraus hat er ein ungewöhnliches Konzept entwickelt. Die Episoden beginnen jeweils mit einem Gemälde und gehen langsam in Musik und Tanz über und wieder zurück zum Malen. Es ist kein Rockumentarfilm, eher ein Kunstfilm.

Ich habe eine Reportage über Ihr Atelier gelesen. Sehr idyllisch...

Oh ja, das ist es! Ein verlottertes altes Cottage, das ich langsam umgebaut habe. Es ist meine Männerhöhle. Tolle Sache, Sie müssen unbedingt einmal vorbeikommen! Dort vergesse ich mich und male meine Ölbilder. Das ist nun meine grosse Party.

Rolling Stones, eigene Band, Malerei, Familie – Sie scheinen keinen Schlaf zu brauchen...

Ich bin noch immer eine Nachteule, obwohl ich seit neun Jahren clean bin. Ich vermisse weder den Alkohol noch die Drogen. Als die Kinder geboren wurden, gab ich noch die Zigaretten auf. Auch sie fehlen mir nicht. Es ist herrlich, entspannen zu können, ohne ständig an den nächsten Drink, die nächste Zigarette oder den nächsten Deal denken zu müssen.

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