Corona-Virus

Stillstand auch in der Theaterwelt: Am Schauspielhaus Zürich fallen womöglich auch die Proben aus

Die Theatersessel wie hier im Schauspielhaus Zürich bleiben in den nächsten Wochen leer.

Die Theatersessel wie hier im Schauspielhaus Zürich bleiben in den nächsten Wochen leer.

Benjamin von Blomberg, der Co-Intendant des Schauspielhauses Zürich über die letzte Generalprobe und Kunst in Zeiten von Corona.

Seit Freitag ist das Schauspielhaus Zürich wie fast alle anderen Kulturinstitutionen in der Schweiz geschlossen. Sämtliche Vorstellungen und Premieren bis 30.April: Abgesagt oder verschoben. Co-Intendant Benjamin von Blomberg über das Arbeiten in der Corona-Krise und warum Kunst und Kultur vielleicht gerade jetzt notwendiger sind denn je. Zwischen lauter Krisensitzungen findet er am Samstag kurz Zeit für ein Telefoninterview.

Das Schauspielhaus ist voll im Krisenmodus?

Benjamin von Blomberg: Ja. Dass wir seit Freitag alle Vorstellungen abgesagt haben, ist heftig, fühlt sich aber richtig an.

Sie könnten für ein deutlich kleineres Publikum spielen oder Lesungen veranstalten?

So könnte man die Anweisung verstehen, dass Veranstaltungen bis 100 Personen erlaubt sind: Als Auftrag für die Institutionen, um etwas zu gestalten. Wir aber finden Nein, es geht ganz deutlich um eine andere Geste. Es geht darum, den Krankheitsverlauf einzudämmen und daher dazu beizutragen, dass eine Zeit lang sich alle auf diese Aufgabe fokussieren. Deswegen ist es richtig und wichtig, den Spielbetrieb komplett einzustellen. Für uns stellt sich aktuell die Frage: Was heisst das für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und für den Probenbetrieb?

Finden noch Proben statt?

Das klären wir gemeinsam Anfang der Woche. Für uns ist aber schon jetzt klar: Homeoffice ist in gewissen Bereichen wie der Verwaltung, der Dramaturgie oder dem Künstlerischen Betriebsbüro gut möglich. Auf der Ebene der Kunstproduktion geht das nicht so leicht. Wie wir damit umgehen, müssen wir noch schauen. Es geht darum zu klären, ob unsere Mitarbeitenden ohne Krankheitssymptome arbeiten dürfen und welche Regeln es dazu braucht. Denn eines leuchtet wohl ein: Social distancing ist üblicherweise das Gegenteil von Proben.

Dann war Ihr Ensemble schon vor dem Veranstaltungsverbot einer Ansteckungsgefahr ausgesetzt?

Wir haben im Schauspielhaus die empfohlenen Hygienemassnahmen umgesetzt, haben die Sorgen unserer Mitarbeitenden ernst genommen und bei Husten, anderen Krankheitsanzeichen und allgemeinen Belastungssituationen die Leute aktiv nach Hause geschickt. Und der gesunde Menschenverstand hat automatisch zu einem behutsameren Umgang geführt.

Am Donnerstag feierte noch «Leonce und Leonce» Premiere. Die Marthaler-Premiere von Samstag fiel aus.

«Leonce und Leonce» liegt jetzt erstmal auf Eis. Christoph Marthalers Inszenierung «Das Weinen» haben wir auf unbekannt verschoben. Am Freitag fand noch die Generalprobe statt, allerdings unter der Vorgabe, dass sich nicht mehr als 50 Menschen im Raum befinden dürfen. Auf der Bühne und in der Technik waren 25 Leute, eine kleine auserlesene Schar von Freundinnen durfte im Zuschauerraum Platz nehmen. Die Probe war irritierend und verstörend und berührend schön. Zu wissen, dass dieser Abend erst einmal nicht mehr gespielt wird! Dann die Texte von Dieter Roth, die keinen klaren Gedanken fassen lassen und alle Gewissheiten auf den Kopf stellen – Marthaler lässt sie zudem in einer Apotheke aufführen, dem Ort der Hoffnung auf Eindeutigkeit und verlässliche Erklärungen schlechthin! Der Abend hat so unglaublich viel mit unser aller aktuellen Lebenssituation zu tun, das war eine magische Generalprobe, ich würde sagen ein einmaliger Theatermoment.

Davon wird es vorerst keine mehr geben.

Nein. Heute Morgen war ich in der Spielstätte Box im Schiffbau. Und man weiss, dieser Ort wird sich nicht mehr mit Menschen füllen, und spürt gleichzeitig, dass dieser Ort aber genau dafür geschaffen worden ist! Das war beklemmend, und liess einen zugleich die Kraft des Theaters spüren: Menschen zusammen in einem Raum und in einer gemeinsamen Erzählung. Es ist schon eine unfassbare Situation. Es heisst versammelt euch nicht, seid gemeinschaftlich, aber seid keine physische Gemeinschaft! Das überwältigt einen und ist philosophisch und künstlerisch absolut elektrisierend.

Das Publikum kann nicht zu Ihnen. Überlegen Sie, wie Sie zum Publikum kommen?

Es ist paradox: Es geht gerade wirklich nicht um Theater und Kunstproduktionen, ein Virus übernimmt gerade jede Erzählhoheit. Und gleichzeitig, und genau deshalb ist diese Situation wie gemacht für Kunst: Die diffuse Bedrohung durch das Virus schreit nach Kunstschaffenden, um zu reflektieren, um Beschreibungen für das zu finden, was sich gerade ereignet und andere Räume jenseits von diffuser Angst, Bedrohung und Isolation zu schaffen. Wir werden ganz sicher aktiv werden wollen. Aber auch hier erst einmal die Produktionsbedingungen klären.

Warum streamen Sie keine Aufzeichnungen?

Wenn es qualitativ gute Mitschnitte gibt, wäre das denkbar. Als Geste ist das schön: Uns gibt es noch! Aber das sind Mitschnitte von Aufführungen, die für einen Livemoment, für ein Publikum in einem Zuschauerraum gemacht waren. Streaming wendet sich an ein Publikum vor dem Bildschirm. Ich denke, wir müssen spezifischere und eigenwilligere Formate erwägen. In der kommenden Woche treffen sich auch die acht Hausregisseur*innen hierzu – aber ich gehe davon aus, auch wenn wir alle in Zürich sind: Wir werden skypen.

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