Weihnachten
Stille Nacht, stressige Nacht: So vermeidet man an Weihnachten Familienzoff

Es beginnt als Fest der Liebe und endet in der Krise. An Weihnachten liegt der Streit oft mit unterm Baum. Krach, Knatsch und sogar häusliche Gewalt treten an Weihnachten häufiger auf. Jeder vierte Erwachsene leidet rund um die Feiertage an Stress.

Tom Hellat
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Harmonie und Eintracht kippen an Weihnachten schnell ins Gegenteil. Keystone

Harmonie und Eintracht kippen an Weihnachten schnell ins Gegenteil. Keystone

Dieser Moment, wenn alle am Tisch sitzen, der kleine Bruder hat das iPhone weggelegt, die grosse Schwester hält mal die Klappe, der Vater schneidet die Weihnachtsgans – und dann springt sie wieder vom Tisch auf, um noch etwas in der Küche zu holen. Warum kann die Mutter nicht sitzen bleiben, wenn die Familie essen will? Die Schwester brüllt in die Küche: «Kann man dir helfen?» Woraufhin der Vater schimpft: «Das hättest du auch vor zwei Stunden fragen können.» Und leise rieselt die Krise. Solche Sätze sind an Weihnachten oft der klitzekleine Auslöser einer grösseren Katastrophe.

Häuslicher Unfrieden

Die Krankenhäuser, Polizeibehörden und kantonalen Opferhilfestellen können davon ein Lied singen, das sich nicht auf «O du fröhliche» reimt. Krach, Knatsch und häusliche Gewalt treten an Weihnachten häufiger auf – ebenso wie Brände und Wohnungseinbrüche. Die Telefonseelsorger der Kirchen und die Notdienste für Frauenschutz berichten von vielen Anrufen nach den Feiertagen. «Die Zahlen um die Weihnachtszeit können in die Höhe springen», sagt etwa Susanne Nielen Gangwisch von der Opferhilfe Aargau Solothurn.

Unter den Erwachsenen bekundet jeder Vierte, die Feiertage setzten ihn massiv unter Druck oder Stress, wie die Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung im Jahre 2009 repräsentativ ermittelte. Jeder Sechste berichtete von dicker Luft unterm Tannenbaum. Viele werden dem US-Autor Ambrose Bierce zustimmen, der Weihnachten wie folgt schilderte: «Ein Festtag der Völlerei, der Trunksucht, klebrigen Gefühle, der Entgegennahme von Geschenken und öffentlichen Langeweile mit häuslichem Unfrieden geweiht.»

Verständlich, dass jeder Fünfte erklärte, dass er Weihnachten am liebsten ganz abschaffen würde. Etwas nüchterner schildert es der Mediensprecher Bernhard Graser von der Kantonspolizei Aargau: «Vor allem die Mischung aus Alkohol und der Länge der freien Tage machen die Weihnachtstage riskant.» Um dem entgegenzuwirken, sei «eine kurze Besuchsdauer ratsam».

Generalangriffe vermeiden

Der Volksmund trifft es vermutlich ganz gut – Fisch und Gäste fangen nach drei Tagen an zu stinken. Denn da sitzen zu oft Menschen unter dem Tannenbaum, die sich ansonsten, wie Graser sagt, «erfolgreich aus dem Weg gehen», aber am 24. Dezember genötigt werden, sich selbst, ihre Geschichte und die der anderen in ein Wohnzimmer zu pressen und zu hoffen, dass keine emotionale Bombe hochgeht. Manchmal bleibt es bei einem leisen Sticheln unter Schwestern oder einem versteckten Rippenstoss unter Brüdern. Wenn es schlecht läuft, eskaliert die Situation.

Warum ist das so? «Die Erwartungen an Weihnachten sind gross», sagt Jürg Willi, Paartherapeut und emeritierter Professor für Psychiatrie an der Universität Zürich: «Nähe, Geschenke und Harmonie – alles, was man sonst nicht hat, soll jetzt stattfinden!» Allzu oft kippen diese Erwartungen aber ins Gegenteil. «Die Überhöhung führt zur Überforderung.» Sollte man da einfach nur versuchen, die Ansprüche runterzudrehen? «Ja», meint Willi. «Aber oft sind die Illusionen grösser als der Verstand.»

Wie man solche Querelen im Vorfeld vermeidet? Willi hat keine Geheimrezepte (und ist sympathischerweise selbst ein wenig gestresst vom Weihnachtswahnsinn). Aber er gibt ein paar Tipps mit auf den Weg: Weihnachten ist nicht gerade der beste Moment, «Dinge zu sagen, die man schon immer loswerden wollte». Fragen vom Typ «Onkel Karl, warum hat dich die Nadine eigentlich verlassen?» kommen meist nicht so gut an. Oft weiss man eh schon, was der Onkel so getrieben hat, mithin ist die Frage eine blosse Provokation. Auch Generalangriffe auf die Persönlichkeit des Gegenübers sind wenig hilfreich und sollten vermieden werden. «Du bist immer so wahnsinnig egozentrisch!» also lieber ersetzen durch «Das war jetzt gar nicht auf dich bezogen».

Das Positive an Weihnachten

Tatsächlich entzünden sich giftige Reibereien oft an so banalen Streitfragen wie: Wann feiern wir? Wer kocht? Wie wird der Baum geschmückt? «Lamettafraktion trifft auf Strohsternfraktion», nannte das Professor Arist von Schlippe einmal in einem Interview mit dem «Spiegel». Dabei spielen alte Konflikte eine grosse Rolle. Manchmal reicht schon ein falsches Geschenk (etwa ein Mixer) oder das Vergessen eines fleischlosen Gerichts für Vegetarier, um alte Wunden aufzureissen.

Du kennst mich nicht, du kümmerst dich nicht um mich, ich bin dir egal, ist dann die unausgesprochene Durchsage. Aber es gibt auch eine gute Nachricht: Die Suizidrate steigt vor Weihnachten entgegen einer weit verbreiteten Annahme nämlich nicht. Laut Statistik ist in dieser Hinsicht der Mai der gefährlichste Monat. Vielleicht, weil das Dunkel im eigenen Herzen besonders wehtut, wenn Andere in Frühlingsgefühlen schwelgen. Familientherapeut Willi sieht deswegen Weihnachten vor allem auch positiv: «Weihnachten kann man meist nicht alleine machen – Weihnachten ist ein besonderes Ereignis, das Familienmitglieder, die sonst über das Land verstreut leben, zusammenführt.»

Selbst die Abwehr-Haltung der Weihnachtsmuffel beweist doch nur die Bedeutung des Festes. Warum sollte man sich sonst so vehement dagegen abgrenzen? Weihnachten ist nicht aus der Welt zu kriegen, warum auch? Und selbst eingefleischte Weihnachtsmuffel können sich trösten: Nach drei Tagen ist der Spuk vorbei.

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