Kunst und Politik

Stefan Zweifel über die Wahlen: «Künstler haben kein grosses Renommee»

Stefan Zweifel ist Autor, Literaturkritiker und Übersetzer. Er hat auf der Zürcher Wahlliste «Kunst und Politik» für den Nationalrat kandidiert. Mit 2855 Stimmen erreichte er Platz drei der Künstlerliste.

Stefan Zweifel.

Stefan Zweifel ist Autor, Literaturkritiker und Übersetzer. Er hat auf der Zürcher Wahlliste «Kunst und Politik» für den Nationalrat kandidiert. Mit 2855 Stimmen erreichte er Platz drei der Künstlerliste.

Der Autor Stefan Zweifel im Interview über den bescheidenen Wahlerfolg der Künstlerliste bei den Parlamentswahlen 2015.

Stefan Zweifel, die Wahlliste «Kunst und Politik», die in Zürich zu den Wahlen angetreten ist und auf der Sie kandidierten, hat einen bescheidenen Anteil von einem halben Prozent erreicht. Was ist falsch gelaufen?
Stefan Zweifel: Ich weiss nicht, ob etwas falsch gelaufen ist. Die französische Künstlergruppe der Situationisten hat zum Beispiel 10 Jahre lang Ideen gesammelt, bevor sie in der 68er-Bewegung im Mai 68 eine führende Rolle übernahm und fast einen Generalstreik auslöste. Vielleicht müssten wir in 10 Jahren noch einmal darüber reden, ob wirklich alles falsch gelaufen ist. Jedenfalls können wir von den Situationisten viel lernen, um den Rahmen eines normalen Wahlkampfs zu sprengen.

Das heisst, dass die Künstlerliste in vier Jahren wieder antritt.
Ich war nicht federführend in dieser Aktion und bin erst spät dazugestossen. Deshalb war ich nur auf Listenplatz 17, natürlich nicht mit dem gleich grossen Erfolg wie die andere Nr. 17 auf der SVP-Liste (Roger Köppel, Red.). Die Liste war aber ein erster Schritt, bei der sich die Kunstschaffenden mit der Frage konfrontiert sahen, ob sie sich überhaupt vorstellen könnten, in der realen Politik eine Rolle zu spielen. Sich vier Jahre einer politischen Aufgabe zu widmen. Ich gehe davon aus, dass die Kerngruppe, die Initianten des Projekts, in vier Jahren noch einmal antreten wird.

Der Künstlergruppe ist es aber nicht gelungen, Themen zu setzen und Debatten zu lancieren.
Im Moment sieht es so aus, dass ein politisches Vorgehen allein, so wie es Lukas Bärfuss in seinem Essay gemacht hat, wirkungsvoller ist als ein moderiertes Vorgehen in den vorgegebenen Kanälen der Politik. Das Manifest der Künstlergruppe fand ich erst richtig interessant, als ich es von vorn nach hinten las – das Wort «Ethcernehcsnem» zeigt, wie rasch heute unter ökonomischen Ängsten die Menschenrechte auf den Kopf gestellt werden. Eventuell müssten wir beim nächsten Manifest wirklich gegen den Strich denken – wie einst die Dadaisten.

Ist das Votum nicht ein Fingerzeig, dass Künstler die Finger von der institutionalisierten Politik lassen sollen?
Bei der Auswahl der Kandidaten und deren politischen Schattierungen hätte man breiter fahren sollen. Vielleicht hätten wir auch keine Listenverbindung (mit der Alternativen Liste und der SP, Red.) eingehen sollen. Um zu signalisieren, dass Kulturschaffende unabhängig von den üblichen strategischen Überlegungen einer normalen Partei funktionieren. Allein in der Kunst selber gibt es die verschiedensten Ansichten, was sie erreichen soll: Soll sie die Humanität fördern, wie es der Nobelpreis vorsieht? Oder soll sie im Gegenteil ganz radikale nihilistische Positionen vertreten? Früher war es eher so, dass einzelne Künstler, Max Bill, Alfred Rasser oder Adolf Muschg, mit einer Partei gearbeitet haben. Das ist das Konzept des italienischen Philosophen Antonio Gramsci, dass jede Partei ihre Intellektuellen und Künstler ins Feld führen soll. Unsere Liste hat sich aber eben nicht einer Parteiideologie unterstellt. Insofern war die realpolitische Überlegung der Listenverbindung heikel. Ich würde mich nie in eine Partei einbinden lassen.

Sie selbst könnten sich vorstellen, in vier Jahren nochmals zu kandidieren?
Ja, durchaus. Aber es müssten schon auch etwas prominentere und originellere Kandidaten finden lassen, damit ich von Platz 3 wieder auf die 17 runterpurzle.

Hätte Dieter Meier auf die Liste gepasst?
Klar, solange die Liste nicht parteipolitisch geprägt ist, sondern wie Meiers Werke «Out of Chaos» kommt. Überhaupt hätte ich mir einige prominente Künstler mit einem anarchistischen Hintergrund vorstellen können. Das Problem ist halt, dass die realpolitische auf Kosten der künstlerischen Arbeit geht. Viele Künstler wollen das nicht. Die FDP kann in ihrer Partei auch nicht die brillantesten Köpfe der Wirtschaft versammeln, weil diese an anderen Orten mehr bewirken als im Nationalrat.

Die Reportage von einem Treffen von Ihnen mit dem österreichischen Schriftsteller Robert Menasse wurde von SRF vor den Wahlen aus dem Programm gekippt. Jetzt wurde die Sendung nur Online ausgestrahlt. Eine sehr harmlose Sendung. Wurden brisante Passagen gestrichen?
In meinen Erinnerungen an den Rohschnitt hatte es im Gespräch schon noch einige Stachel im Reduitigel, die in der ausgestrahlten Version nicht vorkamen. Aber die Selbstzensur hat schon in meinem eigenen Kopf begonnen. Angesichts von Hodlers Bild, «Einmütigkeit», das den Umschlag von Demokratie in einmütige Diktatur so anschaulich zeigt, habe ich weder die SVP noch Blocher namentlich erwähnt. Stattdessen habe ich nur allgemein von rechtsnationalen Figuren gesprochen. Ich dachte, wenn ich es ausgesprochen hätte, wäre es sowieso nicht in der Sendung gekommen. Ich zitiere zwar den Satz von Schillers Tell: «Am mächtigsten ist der Starke allein» – aber ich schwieg über die komplizierten Unterschiede, ob man diesen Text im Theater oder in einer Wahlkampfrede von Christoph Blocher hört – oder als Motto zum
8. Kapitel von Hitlers «Mein Kampf» liest.

Trotzdem wurde die Sendung aus dem Programm gekippt.
Die Begründung von Chefredaktor Tristan Brenn, dass eine Diskussion von zwei Intellektuellen nicht in die Prime Time von SRF gehöre, fand ich nicht stichhaltig. Zu komplexe Fragen besprachen wir, wie gesagt, im «off». Das Gespräch ist eigentlich schlicht und von einer fast rührenden Einfalt. Ganz im Sinn unseres Lobes von Tell als Rebell und Idiot im altgriechischen Sinn. Natürlich war der Moment für die Sendung ungünstig. Nach der Beschwerde von Natalie Rickli gegen die «Kassensturz»-Sendung war die Sensibilität bei SRF etwas gross. Die Tatsache, dass wir bei den Wahlen nur auf ein halbes Migros-Kulturprozent gekommen sind, zeigt, dass die Intellektuellen und Künstler hier kein besonders grosses Renommee haben. In diesem Zusammenhang kann man auch sehen, dass Sendungen mit Intellektuellen nach Gutdünken aus dem Programm gekippt werden.

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