Einen Weltrekord bricht Christie’s schon, bevor der erste Hammer fällt. Eine grössere Benefiz-Versteigerung gabs noch nie. Kein Wunder, kommt im Mai in New York doch quasi der gesamte Haushalt von David und Betty Rockefeller unter den Hammer.

Ihre vier Wohnhäuser wurden schon verkauft – auch für gute Zwecke – nun kommt die gesamte Einrichtung dran: viel, viel Kunst. Hochkarätige Kunst, dazu Möbel, asiatisches Kunsthandwerk, Schmuck und Porzellan – man besass 34 Services für jeweils «mehr als nur neun Gäste». 1500 Objekte sind es insgesamt. Die günstigsten kann man sich direkt online ersteigern, die teuersten werden im Mai an sechs verschiedenen Auktionsterminen das Gespräch der New Yorker Spring-Sales sein.

Das Ereignis wirft Wellen bis in die Schweiz, in der Filiale von Christie’s Schweiz fiebert man mit. Auch wenn mit einem Gemälde von Fritz Glarner nur gerade ein dünner Bezug zur Schweiz besteht. Jutta Nixdorf, Managing Director von Christie’s Zürich, ist gefasst auf die wichtigste Frage der Journalistin: Was soll die Auktion bringen? «500 Millionen Dollar.»

Und sie ergänzt: «Konservativ geschätzt». Das heisst vorsichtig geschätzt. Eine bewährte Taktik im Auktions-Business: Es klingt besser und nach mehr Erfolg, wenn man nach dem Sale eine höhere Zahl ausweisen kann, als wenn man zugeben muss, man habe zu viel erwartet.

Öl und Macht

Sechs dicke Kataloge liegen in Zürich auf, man präsentiert einen Film und ein üppiges Magazin, das die Geschichte der mächtigen Familie erzählt: Von John Davison Rockefeller (1839–1937), der sein Vermögen mit Öl machte, über seinen gleichnamigen Sohn (der das Rockefeller Center in New York baute) und dessen Frau Abby, die das MoMa, das Museum of Modern Art in New York, mitbegründete bis zu David (1912–1973) und seiner Frau Peggy (1915–1996), die leidenschaftlich sammelten und sich in ihren vier Familiensitzen mit lauter schönen Dingen umgaben.

Sie bestimmten schon zu Lebzeiten, dass ihr Besitz – ganz der Familientradition folgend – für soziale, wissenschaftliche und kulturelle Zwecke versteigert wird. Die Kinder verzichteten und durften sich ein persönliches Stück aussuchen.

Kunst und Leben

Mit Hochgenuss präsentiert Hans-Peter Keller, Spezialist Schweizer und Moderne Kunst in Zürich, Highlights aus der Sammlung. Nicht die Originale, die sind nach Ausstellungen in Paris, London und Hongkong nun in New York zurück.

Das Spitzenlos ist Picassos «Blumenmädchen», ein imposantes Hochformat von 1905, Schätzpreis nur auf Anfrage (es werden um die 90 Millionen Dollar sein). Ein duftiges Seestück von George Seurat kauften die segelnden Rockefellers wegen der abgebildeten Boote, ein Strandstück von Paul Gauguin, weil ihnen der rote Strand so gut gefiel – und zur Einrichtung passte.

Sonst ging das Ehepaar eher umgekehrt vor als üblich. Man strich die Zimmer nach den Bildern: Die Wände der Bibliothek im Stadthaus in Manhattan rot, passend zum Blumenkörbchen von Picassos Blumenmädchen und den Blüten in Paul Gauguins Stillleben, das Wohnzimmer im Landhaus Hudson Pines in einem warmen Gelb, damit die sich nackt räkelnde «Odalisque» von Henri Matisse das farblich passende Umfeld zu ihrer Halskette bekam.

Stolz und Strategie

Peggy und David Rockefeller sammelten nicht fürs Depot: Seerosen von Claude Monet und eine berückende, kubistische Collage von Juan Gris waren Augenfänger in einem Treppenhaus und im Giebel eines Landhauses hingen blautonige Wandgemälde von Joan Miro. Selbst die amerikanische Prüderie schreckte die Rockefellers nicht.

Pierre-Auguste Renoirs «Gabrielle au miroir», nur mit einem Negligé über dem blanken Busen, blieb trotz Schock-Reaktionen im Wohnzimmer hängen. «It was a very beautiful painting», zitiert man im Katalog David Rockefeller.

Solche Anekdoten wie auch Geschichten über prominente Vorbesitzer oder Künstlerbesuche erzählt man gerne. Sie bringen die Kunst den Leuten und möglichen Käufern näher.

Man spürt den Stolz bei Christie’s darüber, dass die Firma diesen prestigeträchtigen Deal bekommen hat. «Wer sonst? Christie’s New York ist ja im Rockefeller-Center domiziliert», ist eine Antwort. Die andere: «Es gab langjährige Beziehungen», ist die wahrscheinliche Antwort.

Denn persönliche Kontakte, Vertrauen und geglückte Geschäfte sind die Basis für Erfolg im Auktions-Business. Aktivieren die Schweizer Christie’s-Leute ihr Netzwerk? Gibt es potenzielle Schweizer Kunden? Hans-Peter Keller schweigt – aber nickt.