Kultur

Statt Lesungen ein Fortsetzungsroman

Das Aargauer Literaturhaus setzt in der Coronakrise auf kreative Literaturvermittlung: Ein Online-Roman.

Wir sitzen wieder in unserer Sauna im Böhmischen Paradies und derjenige von uns, der als Gefängniswärter arbeitet, sagt: «Wir haben da jetzt einen Marathonläufer.»

Und derjenige von uns, der sich früher in unserer Kleinstadt um das Fussballstadion gekümmert hat, jetzt in der Rente ist, viel Freizeit hat und deshalb viel liest, sagt: «Wie, Marathonläufer?!»

«Der Typ läuft in seiner Bude den ganzen Tag von Wand zu Wand, fünf Meter in die eine Richtung, fünf Meter in die andere. Den ganzen Tag lang.»

«Jeder bei euch im Knast wird irgendwann verrückt.»

«Er sagt, er macht es, um nicht verrückt zu werden.»

«Deswegen lese ich Bücher, seitdem ich Rentner bin. Ich will auch nicht verrückt werden. Was soll ich mit der ganzen Freizeit denn sonst machen? Ich lese Bücher, gehe in die Sauna und dann in die Kneipe. Jeden Tag. Ich sag’s dir, Rentner zu sein, kann schlimmer sein, als in den Knast zu kommen.»

«Und deine Frau?»

«Meine Frau freut sich, dass ich nicht verrückt bin. Sie sagt, es reicht, wenn andere gerade durchdrehen. Gestern hat sie vom Balkon aus einen Autofahrer beobachtet, der eine Stunde im Kreisverkehr gefahren ist, einfach so. Meine Frau glaubt, er ist am Lenkrad eingeschlafen. Viele, die das gesehen haben, denken das auch.»

«Und dann?»

«Dann ist er einfach wachgeworden. Er hat die Ausfahrt genommen und ist weitergefahren, Richtung Berge.»

«Du, meine Tochter fährt gerade auch in so einem Kreisverkehr. Sie sollte auch aufwachen und endlich die Ausfahrt nehmen und sich von ihrem Mann trennen.»

«Das tut mir leid.»

«Doch sie hat Angst die Ausfahrt zu nehmen. Sie sagt, sie liebt ihren Mann. Sie glaubt, er hört mit dem Trinken auf. Doch er hört mit dem Trinken nicht auf, das sage ich dir.»

«Der Mensch ist vielleicht nicht das Problem. Das Bier ist das Problem. Das Bier schmeckt einfach zu gut.»

«Nein, ihr Mann ist das Problem. Und ihre Angst.»

«Und warum hat man den Marathonläufer denn eigentlich eingelocht?»

«Er hat seine Frau einfach zu sehr geliebt.»

«Ach so.»

«Doch leider hat seine Frau noch einen anderen Mann geliebt. Er wollte es mit dem Typen klären, ganz entspannt, beim Bierchen in der Kneipe, doch plötzlich kam es einfach zu einer Schlägerei, er nahm seinen Bierkrug in die Hand ... Und so ist er jetzt bei uns. Und bleibt für ein paar Jahre.»

«Verrückt.»

«Wenn er nicht läuft, schreibt er Liebesbriefe an seine Frau. Doch sie schreibt ihm nie zurück.»

«Was ist er eigentlich von Beruf?»

«Hautarzt. Er hat eine schreckliche Schrift. So wie ein Arzt eben.»

«Vielleicht kann seine Frau nicht lesen, was er ihr schreibt.»

«Ja, vielleicht.»

«So läuft es manchmal. Nicht nur beim Marathon.»

Wort, das Monica Cantieni in Folge 2 verwenden soll: «Hautarzt».

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