Das Leben als Aufgabe. Und nicht irgendein Leben, sondern das einzige eigene. Ist das ein veralterter, nicht mehr gebräuchlicher Topos? Sicher noch aktuell ist die Vorstellung, dass man scheitern kann – am Leben.

(Quelle: youtube/BERNbild)

"I han es Zundhölzli azündt"

Nicht, weil es mit der Karriere nicht geklappt hätte oder man den bürgerlichen oder irgendeinen Hafen nicht gefunden hätte. Sondern das Selbsteingeständnis im stillen Kämmerlein, früher vielleicht vor einem leeren Tagebuchblatt oder dergleichen.

Natürlich gehört eine gewisse Unerbittlichkeit sich selbst gegenüber dazu. Eine Distanz, die mit der Metapher vom «inneren Schweinehund» angedeutet, wenn auch nicht abgedeckt ist. Mir gegenüber steht ein Selbst, das fast nie zufrieden ist.

Das immer mehr – oder besser gesagt: Immer anderes – will, als was bereits geleistet worden ist. Konkret – und im Rückblick – mag das leicht kitschige Züge annehmen. War das schon alles? Bei der Stadt Bern gut bestallter Justizbeamter, verheiratet, dreifacher Familienvater usw. Es gibt solche Tagebucheintragungen von Mani Matter.

Und natürlich müssen sie in einer Biografie, die etwas auf sich hält, auch so vorkommen.

(Quelle: youtube/BERNbild)

"SI hei dr Wihelm Tell ufgfüert"

Inszenierung eines Helden

Am berührendsten im Text von Wilfried Meichtry ist die reportagenartige Schilderung eines Matter-Auftritts vom Januar 1972. Erstaunlicherweise verwendet der Historiker Meichtry hier das Präteritum und schreibt «stand auf der Bühne», «verneigte sich» und von den «Schweissperlen», die «sich bildeten», und von den Leuten, die «klatschten, klatschten und klatschten».

Hat Meichtry das so gemacht, weil er vermeiden wollte, dass der Leser Fiktion für – ja, für was eigentlich? – halten sollte? Weil das Präteritum die gängige Form des Erzählens ist und das von Journalisten aller Gattungen so gern verwendete Präsens nur eine dumme Mode?

Auf jeden Fall mischt sich in die intendierte Irritation, dass da ein gefeierter Chansonnier mit seinem Erfolg gar nicht glücklich wird, eine leichte Befremdung, dass ein Historiker einen Helden inszeniert.

«Welch ein Missverständnis!» Das bringt Meichtry allerdings wieder gut auf den Punkt: «Statt die Leute zum Nachdenken anzuregen, versetzte er sie in Festzeltstimmung.»

Man verbindet das, was ja nicht nur einem Mani Matter passiert ist, sondern auch anderen – man stelle sich John Lennon vor, der mit gut 50 «She Loves You» zum Besten gibt! – gern mit dem Terminus «Reduktion».

Matter wurde reduziert zum «Värslischmid», der lustig-nachdenkliche Chansons trällerte vom «Ferdinand» bis zum «Coiffeur», «vom Bueb mit Name Fritz» bis zum «Lotti, wo schilet». Und an dieser Reduktion litt er.

Klischee vom Klischee

Dass Mani Matter mehr war als dieses Klischee, ist mittlerweile auch ein solches. Und sein früher Tod bei einem Unfall auf der Autobahn im November 1972 hilft nicht gerade dabei, den «anderen Mani Matter» aus dem Klischee des Mannes mit Schnauz und Gitarre herauszuerkennen.

Eine Episode, die Meichtry allerdings wieder merkwürdig verschachtelt erzählt, hilft besser. Es ist die Geschichte von Gymnasiasten, die sich vorgenommen haben, dem «Värslischmid», der zum «Hätschelkind der Bourgeoisie» geworden sei, einen Auftritt im Berner Bierhübeli zur Hölle zu machen.

Jetzt verwendet Meichtry das Präsens und es ist wirklich besser. Dann singt Mani Matter – damals im Bierhübeli – das Lied «Nei säget sölle mir vo nüt meh andrem tröime», den Abgesang an eine «entwicklig vo füftuusig jahre» und die Jünger von Marx und Marcuse werden still und stören nicht.

Und dann kommt noch die Zugabe «wo mir als bueben emal». Das «Schutte uf’re matte» wird von einem Bauern unterbrochen, der in bester Gotthelfscher Manier das Blaue vom Himmel flucht – es wird genüsslich zitiert, aber bereits wehmütig gebrochen: «mues eig’lech aus geng verhimuheilandtonneret sy?» Und es endet: «... bis das alls / mal äntlich einisch ufhört / da mues no mängs zerscht verhimuheilandtonneret sy».

Vater Matter

Wilfried Meichtry ist trotz allem zu danken. Nicht nur, dass er uns einen Matter zeigt, indem er fleissig aus dessen Papieren zitiert (und dieser Matter schrieb schon recht fleissig), sondern auch, dass er uns den Vater Erwin Matter gibt, den Sprachkünstler, der seinem Sohn allerdings viel mehr weitergab als nur das.

«Man sollte meine Lieder wörtlich nehmen, sollte dahinter aber auch etwas sehen können.» Mani Matter am 6. März 1971 im «Oltner Tagblatt». Dazu muss einem die Geschichte einfallen, die Jorge Luis Borges in seinen «Fiktionen» erzählt, von «Pierre Menard, Autor des Don Quijote».

Jener Pierre Menard habe versucht, sich in den «Don Quijote» von Cervantes hineinzuversenken. Und dann natürlich etwas zu produzieren. Was herauskam, erzählt Borges, war ein Text, völlig identisch, Buchstabe für Buchstabe, mit dem von Cervantes. «Aber der zweite Text war sozusagen unendlich viel reicher.» So viel zur Reduktion.

Wilfried Meichtry: Mani Matter. Eine Biographie. Nagel & Kimche/Hanser Verlag München 2013. 316 S., Fr. 34.90. Erscheint am 15. April 2013.