Die Stimme am Telefon ist ungewöhnlich tief und meldet sich nur mit «Hallo». Doch tatsächlich: Hélène Grimaud ist am Apparat. Die Kunst der zarten Töne lebt die Französin in der Musik; im Gespräch gibt sie sich taff und dezidiert.

Frau Grimaud, Sie sind eine weltberühmte Pianistin, aber fast noch berühmter sind Sie geworden als Frau, die mit Wölfen lebt. Nervt Sie das?

Hélène Grimaud: Manche Menschen neigen dazu, sich auf das Offensichtliche zu stürzen. Man kann das als Reduktion der eigenen Persönlichkeit wahrnehmen, aber man muss nicht. Sogar, wenn es manchmal nervtötend ist: Es kommt darauf an, wie man damit umgeht. Es gibt viele Wege, um hinter das offensichtliche Klischeebild zu kommen. Und viele Menschen haben eine so integere Intelligenz, dass sie das dahinter viel mehr interessiert.

Klassische Konzerte unterliegen einer strengen Form: Als Interpretin schweigt man, trägt klassische Konzertkleidung. Muss man da einen Teil seiner Persönlichkeit am Rand der Bühne zurücklassen?

Du bist du mit allem, was du in diesem Moment mitbringst. Auch wenn die Form durch lange Tradition geprägt wurde, kann man sich durch sie ausdrücken. Wenn jemand die Bühne anders betreten will, darf er das. Es ist nicht verboten. Und wenn es verboten ist: Wen kümmert das schon?

Muss man als Solistin für die Musik nicht einiges opfern?

Ich finde nicht, dass man einen grossen Teil seines Lebens aufgeben muss für die Musik. Nicht, wenn man Leidenschaft hat. Dann folgt man dieser, sie erfüllt das Leben, sie ist das Leben. Natürlich könnte man stattdessen viele andere Leben leben, wenn sich die Dinge anders entwickelt hätten. Aber der Punkt ist: Sie haben sich nicht anders entwickelt.

Ist Musik so etwas wie Schicksal?

Man wählt den Weg. Und die Hingabe, die man hat, ist schon eine Art Erfüllung. Vielleicht liege ich auch falsch und andere Musiker empfinden es als grosses Opfer, das sie erbringen, um ihre Ziele zu erreichen. Aber ich sehe das nicht so. Natürlich gibt es viele Dinge, die man hätte tun können. Aber das sind Luxusprobleme.

Weshalb Luxusprobleme?

Die Möglichkeit zu haben, jeden Tag das zu tun, was man liebt, ist eine Form von Luxus, den nur sehr wenige haben. Und wenn man das Glück hat, ist da sogar auch ein Publikum, das diese Liebe mit einem teilt.

Robert Schumann komponierte sein Leben in die Musik hinein: den Namen seiner Frau oder Wörter wie Ehe. Sie haben Schumanns «Kreisleriana» mit 18 Jahren gespielt, jetzt spielen Sie sie mit 49 in Rheinfelden. Wie hat sich Ihre Sicht auf das Werk verändert?

Es ist schwierig, das in Worte zu fassen. Wenn Sie die beiden Aufnahmen vergleichen, hören Sie den Unterschied. Ich hatte die «Kreisleriana» früh studiert und aufgezeichnet, aber nicht live gespielt. Das heisst, ich habe nie damit gelebt.

Und heute?

Das Schöne an diesem Repertoire ist: Man kann ein Leben damit verbringen, weil die Musik so tief ist, dass man immer neue Dinge entdeckt, tiefer eindringt, mehr ausdrückt. Wobei das nicht heisst, dass späte Interpretationen besser sind als frühe.

Wissen Sie noch, warum Sie sich damals für das Stück entschieden haben?

Ich habe mich in die «Kreisleriana» verliebt. Sie hat etwas Transzendentales und ist dramatisch bis hin zu Borderline.

Lassen Sie sich von diesem Borderline, von zu viel Exzentrik anstacheln oder wählen Sie einen organischen Zugang zum Werk?

Ich wähle gar nichts. Ich spiele so, wie ich empfinde. Das ist alles. Schon zwei Nächte später kann das ganz anders sein. Exzentrik liegt im Auge des Betrachters. Wenn man in einem Stück etwas Aussergewöhnliches entdeckt und das nicht der Norm entsprechend interpretiert – solange man das nicht mit dem Gedanken an Effekt tut, sondern wenn man ohne diese Interpretation nicht leben kann, ist das wundervoll und erweckt die Partitur zum Leben. Die Partitur ist heilig. Aber sie existiert nur für das individuelle Subjekt.

Sol Gabetta und Sie sind grossartige Kammermusik-Partner und haben gemeinsam einen Echo gewonnen. Weshalb treten Sie am diesjährigen Festival nur solo auf?

Ich liebe es, solo zu spielen. Jeder Pianist tut das, sonst hätte er das Instrument nicht gewählt. Ganz allein auf einer Bühne Musik machen hat etwas fast Sakrales.

Sie proben allein, Sie üben allein, Sie treten allein auf – ist man da nicht einsam?

Nein. Ich mochte das schon immer. Es ist auch eine Frage des Charakters – für mich ist Klavier definitiv das richtige Instrument. Und man kann ja mit Kollegen Kammermusik machen oder mit Sinfonieorchestern auftreten. Als Pianist muss man nicht konstant isoliert sein und den Verstand verlieren – obwohl das auch sehr nette Seiten hat (lacht).

Sie haben einmal gesagt, Komponisten der Romantik hätten sich sehr von der Natur inspirieren lassen. Ist sie auch Inspirationsquelle für Sie?

Sie war es für mich schon immer – und auch eine Quelle von Kraft. Um zum eigenen Zentrum zurückzukehren. Man sollte der Natur mit Respekt begegnen und sie bewahren.

Bei Ihrem Album «Water» haben Sie auf den Mangel an sauberem Trinkwasser aufmerksam gemacht. Sollen klassische Musiker mehr über politische Themen sprechen?

Sie sollen gar nichts. Es geht darum, zu tun, woran sie glauben, was für sie persönlich stimmt. Einige meiner Kollegen ergreifen bei politischen Themen, etwa zur Europäischen Union, das Wort. Sie haben meist gute Gründe dazu. Für mich hat ein schweigender Musiker, der nur durch seine Musik spricht, ebenso viel Wert. Auch hier: Es gibt keine Regeln.

Hélène Grimaud spielt am So, 9. 6. in Rheinfelden. Solsberg Festival: 7.–30. Juni.