Kino
Starker Joaquin, schwache Geschichte

Kino In «You Were Never Really Here» rettet Joaquin Phoenix ein kleines Mädchen aus den Fängen eines Pädophilen. Und dann? Nix dann.

Naomi Gregoris
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Joaquin Phoenix rettet im Film Mädchen vor Pädophilen.

Joaquin Phoenix rettet im Film Mädchen vor Pädophilen.

Steht auf dem Filmplakat Joaquin Phoenix, weiss man, was kommt. Eine Maschine von Mann, kräftig, stark und wahrscheinlich etwas versifft, so, dass es cool und tragisch zugleich ist. Und garantiert 1a sexy. Kein Film, in dem Joaquin Phoenix nicht sexy ist. Naturgesetz.

Steht auf dem Filmplakat Lynne Ramsay, weiss man auch, was kommt. Eine Maschine von Regisseurin, gemessen am einzigen Film, der von ihr in der Schweiz zu sehen war: «We Need to Talk About Kevin» war ein verstörendes Meisterwerk um einen jungen Amokläufer und seine Mutter.

Was also, wenn Ramsay und Phoenix plötzlich gemeinsam auf dem Filmplakat auftauchen? Da schlägt das Herz automatisch höher. Das wird eine Maschine von Film, keine Frage.

Tod durch Baumarkthammer

So weit die Erwartungshaltung, mit der man Ramsays Buch-Adaption «You Were Never Really Here» betritt. Betreten passt hier gut, denn Ramsay macht Filme, in denen man sofort drin ist – Atmosphäre, Licht, Bewegungen, Blicke, alles zieht einen rein. Dasselbe gilt für diesen Film, selbst wenn die Story so schauerlich ist, dass man am liebsten wegschauen würde: Kriegsveteran Joe bringt als Auftragskiller Pädophile zur Strecke. Vorzugsweise mit einem Baumarkthammer, mit dem er den Tätern den Schädel zu Brei schlägt.

Als er die Tochter eines Senats-Mitglieds rettet, hat er plötzlich einen Pädophilenring am Hals, der bis in die obersten Ränge der amerikanischen Regierung reicht. Das ist toller Stoff für einen Thriller, den Ramsay aber leider nicht ausschöpft. Sie bleibt so nah an der Literaturvorlage, dass der Film dabei vergessen geht. Die Geschichte franst aus, verläuft sich in Details. Am Schluss lässt Ramsay den Zuschauer geradezu auflaufen, indem sie ihre Story nicht zu Ende erzählt.

Der Titel ist Programm

Das könnte ein Kniff sein, fühlt sich aber mehr nach Adaption als Intention an. Die Romanvorlage ist König, dagegen hat auch der stärkste Joaquin Phoenix keine Chance. Am Ende erfüllt der Film «You Were Never Really Here» ausgerechnet das, was er im Titel anklagt: Er bleibt nicht, verschwindet lautlos aus dem Gedächtnis, als wäre er nie wirklich hier gewesen. Eine Maschine von Film? Vielleicht. Aber definitiv nicht geladen.

You Were Never Really Here (UK/F/ USA 2017) 89 Min. Regie: Lynne Ramsay. Im Kino Atelier, Basel. HHIII

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