Starke Schweizer Frauen
Kurz und enthusiastisch vorgestellt: Dreissig bemerkenswerte Schweizer Frauen von 1700 bis heute

Zu Lebzeiten oft verspottet, nun verehrt: Frauen, die in der Schweiz mit Elan, Mut und Hartnäckigkeit ihren Platz erkämpft haben, als Künstlerin, Flüchtlingshelferin, Spionin, Politikerin. Die Kulturjournalistin Daniele Muscionico widmet dreissig von ihnen im Buch «Starke Schweizer Frauen» engagierte Kurzporträts.

Hansruedi Kugler
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30 «Starke Schweizer Frauen»:

Die stille Bildstellerin: Sie erzählte die «Tell»-Legende rein graphisch mit Piktogrammen (erhältlich im Nord-Süd Verlag), entwarf das Schlüsselsignet der UBS und wurde vom New Yorker Museum of Modern Art auf Händen getragen. In ihrer Heimat stand Warja Lavater (1913-2007) im Schatten ihres Mannes Gottfried Honegger.
30 Bilder
Die mannhaft Unsichtbare: Sie war tagsüber Lehrerin, nachts tanzte sie öffentlich so wild, dass das Publikum nach der Polizei rief. Die vielseitige Künstlerin Sophie Taeuber-Arp (1889-1943)ist eine grosse Vergessene der Kunstgeschichte.
Trostloses Wunderkind: Das Leben der Anna Waser (1678-1714) war kurz, ihr Talent als Malerin jedoch gross. Die Zürcherin schuf ein Selbstporträt, das für Aufsehen sorgte. Der russische Zar und die englische Königin bühlten um die Gunst ihrer Kunst. Glück brachte ihr das nicht.
Napoleons Amazone: Regula Engel-Egli (1761-1853) zog über die europäischen Schlachtfelder und kämpfte in Männeruniform an vorderster Front: Die Zürcherin hatte 21 Kinder und mächtige Waden, die Napoleon gefielen - doch sein Unglück wurde auch ihres.
Die enteignete Schamanin: Sie war verhext attraktiv und künstlerisch unbeherrschbar. Das hatte Folgen: Meret Oppenheim (1913-1985), die Schöpferin der «Pelztasse», wurde zur Surrealisten-Muse stilisiert. Der jugendliche Geniestreich wurde ihr zum Fluch.
Genossin Grossbürgerin: Der goldene Käfig ihrer Herkunft war ihr ein Gräuel: Mentona Moser (1874-1971) flüchtete in Londoner Suppenküchen, gründete Kinderheime und wurde Kommunistin. Dass ihre Mutter die reichste Frau Europas und ein weltbekannter Fall für Sigmund Freuds Theorie der weiblichen Hysterie war, radikalisierte sie entschieden.
Die verschollene Biografin: Durch sie verstehen wir Jeremias Gotthelf. Marie Walden (1843-1890), geboren als Henriette Bitzius, war die intellektuelle Nachfolgerin ihres Vaters. Als Schriftstellerin war sie überragend, in der Rolle der Mutter hatte sie Liebe und Verständnis für alle. Ausser für sich selbst.
Mutter Courage der Medizin: Mit ihrem Starrkopf sorgte sie für einen Sturm der Entrüstung im Seziersaal und im ganzen Land: Marie Heim-Voegtlin (1845-1916) studierte als erste Schweizerin in Zürich Medizin und eröffnete als erste Frauenärztin Europas ihre eigene Praxis.
Cherub der Mehlsuppe: Sie erzürnte die Mächtigen, weil sie Kinder über ihren Stand hinaus erzog. Marie-Anne Calame (1775-1834) aus Le Locle investierte ihr Vermögen in ein Waisenhaus, das bis heute besteht. Für die Eidgenossen war sie ein kleiner Napoleon, für preussische Adelige mit Schuldgefühlen oder christlicher Neigung ein Engel.
Die Salon-Wilde: Sie schlief selten mehr als vier Stunden und raubte durch ihre Wachheit Geliebten, Dichtern, auch Napoleon den Schlaf. Unter dem modischen Turban der politischen Denkerin Madame de Staël (1766-1817) vereinten sich Geist und Macht.
Vergessene Grande Dame: Sie war die Stimme der modernen Schweizer Frau. Mabel Zuppinger-Westermann (1897-1978) rettete die Weltwoche, erfand die Zeitschrift Annabelle und führte sie zum Erfolg. Ihr Privatleben war ein Geheimnis und ihr Tod einsam.
Die Ausmerzung: Sie besass Millionen, Kunst war ihr Lebenssinn: Lydia Welty-Escher (1858-1891), Tochter des Eisenbahnkönigs, heiratete einen Bundesratssohn, brach mit einem Maler die Ehe und wurde für wahnsinnig erklärt. Sie war die visionärste Mäzenin ihrer Zeit.
Die pünktliche Kosmopolitin: Sie floh vor ihrer Liebe um die ganze Welt. Die Berner Bauerntochter Lina Bögli (1858-1941) war in China Gast der Kaiserin, unterrichtete auf Hawaii - und als sie nach zehn Jahren zurückkehrte, wartete auf dem Bahnsteig der Mann, den sie vergessen wollte.
Die Mata Hari der Sahara: Als arabischer Student verkleidet, lebte sie von Drogen, Sex und Absinth. Seelenheil suchte sie im Islam. Zwischen Rausch und Askese nomadisierte die Schweizer Schriftstellerin Isabelle Eberhardt (1877-1904) durch die Sahara - und kam grausam in ihr um.
Die letzte Hexe: Am Punkt ihrer grössten Desillusion floss ihre Wut in eine Streitschrift. Die Juristin Iris von Roten (1917-1990) wurde mit «Frauen im Laufgitter» zur meistgehassten Schweizerin ihrer Zeit. Sie erhängte sich. Heute gilt sie als Missing Link zwischen Simone de Beauvoir und Betty Friedan.
Ehrenhafte Rechtsbrecherin: Sie widersetzte sich dem Bundesrat und dem Roten Kreuz und rettete Leben: Anne-Marie Im Hof-Piquet (1916-2010) führte im Zweiten Weltkrieg jüdische Flüchtlingskinder über Jurafelsen in die Schweiz - und schwieg über ihre Erlebnisse vierzig Jahre lang.
Die blutige Braut Christi: Sie rang mit dem Teufel, tat Wunder und rettete die wertvollen Schriften des Klosters St.Gallen. Die Gottesliebe der adeligen Wiborada, die 926 den Märtyrertod starb, war so gross, dass Rom sie als erste Frau heiliggesprochen hat.
Literarischer Fluchtpunkt: Sie war die Vertraute von Exilkünstlerinnen und Naziverfolgten: Emmie Oprecht-Fehlmann (1899-1990) kochte für Else Lasker-Schüler, quartierte Golo Mann bei sich ein und öffnete ihre Buchhandlung für Heimatlose. Wenn sie mit Behörden korrespondierte, unterschrieb ihr Mann.
Wirkungslose Weckruferin: Sie wollte ihre Hände nicht in Unschuld waschen, sondern klärte die Welt über die Gefahr von Giftgas auf. Die Berner Biochemikerin Gertrud Woker (1878-1968) machte sich Feinde auf dem internationalen Parkett und verlor ihre Reputation als Wissenschaftlerin.
Unbotmässige Sozialritterin: Sie las dem Bundesrat die Leviten, und auf die Männer pfiff sie, 1969 auf dem Bundesplatz in Bern. Emilie Lieberherr (1924-2011) Eisenbahner-Tochter aus Erstfeld, prägte die Schweizer Sozialpolitik und war lange Jahre Zürcher Stadträtin. Sie besass eine Mission und viele Talente - auch jenes, sich unbeliebt zu machen.
Seherin unter Blinden: Sie wurde als Hexe gebrandmarkt, von den Behörden schikaniert, von der Schulmedizin geächtet. Emma Kunz (1892-1963) heilte hoffnungslose Fälle und forschte mit dem Pendel. Nach ihrem Tod wurden ihre Bilder von der Kunstwelt als Sensation gefeiert.
Rechtlose Rechtslehrerin: Auch ihre Tante, Johanna Spyri, missbilligte die Berufswahl. Die Juristin Emilie Kempin-Spyri (1853-1901) wollte als Anwältin in der Schweiz arbeiten, wird aber erst in New York Erfolg haben. Doch die Spannungen zwischen Karriere und Familie sind gross.
Die Löwin von Genf: Sie hatte Charisma, und sie hatte ein Anliegen. Emilie Gourd (1879-1946) war die erste Berufsfeministin der Schweiz. Die Genferin kämpfte für die französischen Ideale von Freiheit und Gleichheit für ihre Geschlechtsgenossinnen.
Die widerspenstige Patriotin: Sie war Helvetiens «Famp», und sie hatte «Sechs-appil». Elsie Attenhofer (1909-1999) kämpfte in den Dreissiger- und Vierzigerjahren als Kabarettistin gegen den Faschismus und verteidigte im In-und Ausland Schweizer Werte.
Lehrerin der Sterbenden: Sie brach eines der letzten Tabus des Westens - und wurde dafür angefeindet und verfolgt: Elisabeth Kübler-Ross (1926-2004) hat ihr Leben dem Sterben gewidmet, dem Kampf für einen würdigen Tod: Ihr eigenes Ende glich einer Tragödie.
Tollkühne Weltstürmerin: Annemarie Schwarzenbach enttäuschte sie, auf Expeditionen spielte sie mit ihrem Leben. Die Nomadin und Spitzensportlerin Ella Maillart (1903-1997) jagte durch verbotene Gebiete Asiens und fand am Ende, was sie suchte, in einem Bergdorf im Wallis.
Gestürzte Schönheitskönigin: Sie war ein Reiseziel dese europäischen Adels, ihre Schönheit wurde besungen und gemalt. Die Träume der Brienzer Schifferin Elisabeth Grossmann (1795-1858) zerschellten an ihrer niederen Herkunft und an ihrem Anspruch als emanzipierte Frau.
Die Sonnenkönigin und ihre Henker: Sie schoss scharf, ritt schnell, duellierte sich - und sie spionierte für den französischen König: Die Berner Adelige Catherine von Wattenwyl (1645-1714) widersetzte sich den Regeln ihres Geschlechts und machte Politik. Kann Folter sie gefügig machen?
Fegefeuer der Ideale: Sie ist das Kinder von Tessiner Auswanderern und wird in Argentinien zur Legende. Alfonsina Storni (1892-1938) erregt mit ihren Texten öffentlichen Anstoss und brüskiert mit ihrem Lebenswandel. Statt Abhängigkeit wählt sie den Tod.
Das Gewissen der Konsumentinnen: Ihren Verehrer erhörte sie lange nicht. Adele Duttweiler-Bertschi (1892-1990) beeinflusste das Werden der Migros und prägte das Unternehmens-Credo. Sie definierte die Hausfrau als mündige Person.

Die stille Bildstellerin: Sie erzählte die «Tell»-Legende rein graphisch mit Piktogrammen (erhältlich im Nord-Süd Verlag), entwarf das Schlüsselsignet der UBS und wurde vom New Yorker Museum of Modern Art auf Händen getragen. In ihrer Heimat stand Warja Lavater (1913-2007) im Schatten ihres Mannes Gottfried Honegger.

Entflammt von ihrem Elan waren sie alle, diese erstaunlichen Schweizer Frauen: Als Flüchtlingshelferin, Künstlerin, Spionin, Frauenrechtlerin. Zu Lebzeiten oft verspottet, nun verehrt! Genauso entflammt schreibt die Kulturjournalistin Daniele Muscionico über diese aufmüpfigen Pionierinnen und Kämpferinnen. Eine von ihnen, die Jahrhundertkünstlerin Meret Oppenheim (die mit der Pelztasse), wurde als «Meretlein» lange bloss zur Muse der Surrealisten verkleinert.

Der Blick in diese dreissig Schweizer Schicksale – vom 20. zurück bis ins 17. Jahrhundert – mag einem von heute aus bitter erscheinen. Die patriarchale Unterdrückung durch Standesdünkel, Rechtlosigkeit und Machotum hat man weitgehend überwunden. Obwohl: Die sexistische Hetze gegen die Feministin Iris von Roten 1959 erinnert stark an den derzeitigen, ekelhaften Sexismus in den sozialen Medien.

In die Neuauflage ihres Buches hat Muscionico sechs neue Porträts aufgenommen. Darunter die Grafikerin Warja Lavater, Erfinderin des Schlüssel-Signets der UBS; Marie Walden, Tochter und Biografin von Jeremias Gotthelf und selbst Schriftstellerin; oder mit Adele Duttweiler-Bertschi, eine jener Frauen von berühmten Männern (hier: des Migros-Gründers), die sich als Gewissen der Konsumentinnen sah. Nicht zuletzt regt dieses Buch zum Nachdenken über erreichte Fortschritte an.

Daniele Muscionico: Starke Schweizer Frauen. 30 Porträts. Limmat Verlag, 200 Seiten.

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