Kultur

Starke literarische Stimmen aus Polen

Die polnische Autorin und Journalistin Martyna Bunda.

Die polnische Autorin und Journalistin Martyna Bunda.

Es muss nicht immer Olga Tokarczuk sein: Zwei gelungene Romane aus der Heimat der Nobelpreisträgerin.

Das 1200 Seiten lange, grenzübergreifende Weltbild «Die Jakobsbücher» der polnischen Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk übertrifft zwar alle Werke der jüngeren polnischen Autorinnengeneration. Aber auch der bei Suhrkamp erschienene Roman «Das Glück der kalten Jahre» von Martyna Bunda ist äusserst lesenswert. Ihr Erstling durchzieht das unruhige 20. Jahrhundert und spielt im Alltag der drei Schwestern Gerta, Truda, Ilda und ihrer Mutter Rozela in einem Dorf in Kaschuben in der Nähe von Danzig, wo auch die Autorin des Romans aufgewachsen ist.

Starke Frauen mit blassen Männern

In Dziewcza Gora (Mädchenberg) hat Rozela ein Steinhaus gebaut, nachdem ihr Mann früh gestorben ist. Die vier Frauen finden dort Schutz im Krieg und als die Rote Armee in Polen einmarschiert. Aber es ist auch später noch ein Haus, in das sie bei privaten Krisen flüchten, ob verheiratet oder nicht, ob mit oder ohne ihre Kinder.

Martyna Bunda ist Autorin und Journalistin bei einer polnischen Tageszeitung. Sie schreibt in ihrem Roman aus der jeweiligen Sicht der vier Frauen, in deren privatem Leben sich die wechselvolle politische, soziale und kulturelle Geschichte Polens spiegelt, ohne dass diese Geschichte zur Hauptsache gemacht wird. Die Autorin zeigt mit ihren Figuren ganz unsentimental, dass es auch in einem autoritär regierten Land von einer Vielfalt von Stimmen und Lebensweisen wimmeln kann, die nach Gehör rufen.

Rozela, die Mutter dieser drei unterschiedlichen Töchter, hat im Krieg Menschen im Keller versteckt, wurde von russischen Soldaten brutal vergewaltigt, aber sie spricht nie darüber. Dieses Schweigen prägt den Roman und das in ihm geschilderte Zusammenleben der vier Frauen.

Gerta, die älteste der drei Schwestern, war Zwangsarbeiterin in Deutschland. Sie liebt Jakob, aber die politischen Verhältnisse lassen es nicht zu, dass eine Polin einen Deutschen heiratet.

Truda, die mittlere, hat mit Männern ebenfalls wenig Glück: Sie verliert ihren Mann durch einen jahrelangen Gefängnisaufenthalt. Als er zurückkehrt, ist Jan traumatisiert. Ilda wiederum lebt mit dem Künstler Tadeusz in der nahen Stadt und fährt jeweils mit ihrem schweren Motorrad ins Dorf. Die drei Schwestern sind starke Frauen, die in kalten Zeiten nach ein wenig Glück suchen, derweil ihre Männer mit Ausnahme von Jan, vermutlich von der Autorin so gewollt, eher blass bleiben.

Das Warschau von heute: Alkohol, Tabletten, Sex

Ganz im heutigen urbanen Warschau angelangt ist Dorota Maslowska in ihrem Roman «Andere Leute». Sie macht mit sprachlicher Gewalt, roh und wütend verständlich, weshalb viele Polen an Demokratiemüdigkeit leiden. Sie fühlen sich abgehängt vom übrigen Europa, leben im vom Smog vergifteten Warschau. Kamil träumt von einer Karriere als Rapper, wohnt noch bei der Mutter in einer Plattenbauwohnung und dealt mit Rauschgift. Keine Gesellschaft, in der man leben möchte. Auch nicht in den besseren Quartieren der Begüterten. Dorota Maslowska sieht eine kaputte Gesellschaft, in der jeder seine Droge findet: Konsum, Alkohol, Tabletten, Sex. Niemand ist glücklich. Eine brutalere Sicht auf die Welt als jene von Martyna Bunda, und doch spielen beide Romane in Polen.

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