Patricia Kopatchinskaja, Sie haben die Geige gehasst und sind heute eine der grossartigsten Geigerinnen. Das tönt etwas widersprüchlich …

Patricia Kopatchinskaja: Gehasst habe ich sie nicht, ich mag es nur nicht, wenn man Geige spielt, als wäre über allem Caramelsauce. Ich wollte Musik machen. Zudem ist die Geige ein relativ schwieriges Instrument und das Üben hat mir viel Energie abverlangt, was ich ein bisschen schade fand.

Sie mochten das Technische nicht?

Es ist, als ob man die Zunge so lange trainiert, bis sie sprechen kann. Meine Mutter findet es eine Sünde, wenn ich sage, dass ich das Instrument nicht über alles liebe. Denn es ist meine Stimme, ohne sie kann ich nichts sagen. Sonst müsste ich Komponist werden. Das war allerdings tatsächlich, was ich ursprünglich wollte.

Wieso sind Sie davon abgekommen?

Aus praktischen Gründen. Mit der Geige konnte ich sofort Geld verdienen zum Leben. Ausserdem habe ich so auch Kontakt zu den Komponisten. Wir können Dinge gemeinsam entscheiden, ausdenken, austräumen. Das ist eigentlich mein Beruf: Muse.

Aber Muse mit sehr eigenem Kopf: Sie treten barfuss auf, immer mit Noten, und stellen Risiko über technische Sicherheit.

Ich stellte fest, dass ich anders nicht frei Musik machen kann. Wenn man mich hört, muss man mich also so ertragen, wie ich bin. Ich kopiere mich selber auch ganz schlecht. So entsteht immer eine neue Sichtweise. Manchmal gehe ich damit auch zu weit.

Bewusst?

Es ist, um auch meine eigenen Sinne zu wecken. Die Stücke, die ich spiele, sind so alt und schon so verstaubt, dass sie mir so keinen Sinn mehr machen. Wie ein Bild, das ich wundgeschaut habe. Ich sehe da fast nichts mehr.

Also kratzen Sie an der vertrauten Oberfläche ...

... ich kratze, beleuchte anders, vergrössere, verkleinere, stelle verschiedene Zusammenhänge her. Ich empfinde Musik machen nicht als Stücke spielen, es ist ein Dialog mit den Komponisten.

Sie treten am Lucerne Festival neunmal auf und vermeiden konsequent die Geigen-Ohrwürmer Brahms, Mozart, Tschaikowsky oder Beethoven. Hat Intendant Michael Haefliger nicht geseufzt: Warum kein Beethoven?

Nein, ich bin da in einer luxuriösen Lage! Das Festival wollte, dass ich jene Werke spiele, mit denen ich mich am wohlsten fühle. Jedes einzelne Konzert ist also ein Wunschkonzert von mir.

Star-Geigerin Patricia Kopatchinskaja spielt mit dem türkischen Pianisten und Komponisten Fazıl Say Beethovens «Kreutzer Sonata No.9»

Star-Geigerin Patricia Kopatchinskaja spielt mit dem türkischen Pianisten und Komponisten Fazıl Say Beethovens «Kreutzer Sonata No.9»

Es ist viel Osteuropäisches dabei: Enescu, Bartók, Kodály.

Im Moment sind das die Stücke, die meine besten Freunde sind. Es sind Geschichten von zu Hause.

Gab es in Ihrer Heimat Moldawien auch Komponisten?

Das Land war immer Teil eines grösseren Gebietes. Wenn man so will, ist Enescu also auch unser Komponist. Auch Bartók ist in rumänische Dörfer gefahren, um Volksmusik zu sammeln.

Sie sagten einmal, Musik sei nicht da, um zu bestätigen, was wir schon wissen, sondern, um uns auf den Kopf zu stellen. Erwartet man heute zu sehr, dass Klassik schön sei?

Seit der Erfindung der Schallplatte gelten jene Interpreten als die besten, die die Perfektion einer Platte auf der Bühne reproduzieren. Aber in einem Studio spielt man zigmal dieselbe Stelle. Dann setzt man sie zusammen mit der nächsten. Es ist wie plastische Chirurgie. In Wirklichkeit gibt es das nicht. Wir sind Menschen, und die Unterschiede, die Fehler machen unsere Identität aus.

Das klingt, als legten Sie es darauf an, Fehler zu machen.

Nein. Aber ich lege nicht grössten Wert darauf, sie nicht zu machen.

Gibt es nur eine Patricia Kopatchinskaja, oder schlüpfen Sie in verschiedene Rollen?

Man spielt mehrere Rollen, das ist sicher. Die Privatperson ist völlig uninteressant. Man trifft mich meist schlecht angezogen in der Migros und joggend im Wald. Aber sobald ich auf die Bühne trete, ist das ein anderes Leben. Dort zählt jede Sekunde. Hier muss ich niemandem etwas sagen. Aber auf der Bühne ist es, als ob ich etwas ganz Wertvolles teilen wollte. Das sind die Momente, auf die ich mich mein Leben lang vorbereite. Nicht nur, indem ich Stücke übe. Mein ganzes Leben ist dort drin, meine Fehler, meine Sünden und Fragen.

Simon Rattle hat gesagt, als Dirigent müsse man sich entscheiden, wie weit man den Pakt mit dem Teufel eingehe, ob die Musik zum ganzen Leben werde oder ob man ein Privatleben behalte.

Als Dirigent muss er die Orchestermusiker dazu bewegen, das aus sich zu holen, was er sich vorstellt. Der Prozess ist unglaublich kompliziert. Bei mir ist es einfacher. Ich bin das Medium. Aber was den Pakt betrifft. Man ist wohl, was man ist. Und so spielt man auch.

Die eigene Identität steckt also in der Musik.

Die besten Künstler waren so einzigartig, dass sie mit nichts anderem Ähnlichkeit hatten. Sie haben darauf vertraut, dass es ihnen gottgegeben war, etwas ganz Besonderes zu sagen: Ich bin nicht besser, als ich bin, aber ich bin, was ich bin. Das muss man sich trauen. Sonst braucht es einen nicht. Was braucht die Welt schon? Wir sind überfüllt. Es kommt auf dieses Eigenständige an.

Mussten Sie Ihren Platz in der Welt intensiver suchen als andere? Sie sind als Zwölfjährige mit Ihrer Familie von Moldawien nach Wien emigriert …

Ich hatte viel mehr Hindernisse und Schwierigkeiten. Der Kampf war viel heftiger und intensiver.

Wurde damals die Musik oder die Geige zu einer Art Sprache für Sie?

Die Musik, ja. Mit ihr konnte ich sofort kommunizieren. Damals kannte ich Deutsch nur aus sowjetischen Kriegsfilmen. Die Nazis haben es dort gesprochen.

Haben Sie jemals Ausländerhass erlebt?

Mein Vater hat mehr davon gespürt. Ich nicht. Ich hatte nur Glück. Nur Freunde, nur wohlwollende Menschen, die mir auch finanziell geholfen haben. Ich hatte gleichzeitig so viele Schwierigkeiten – und so viel Glück.

Wenn Sie heute die Diskussion um Flüchtlinge verfolgen, was möchten Sie der einen und was der anderen Seite sagen – schliesslich kennen Sie beide ...

Ich habe da eine ganz klare Meinung. Als Flüchtling ist man primär ein Gast. Und als Gast muss man wissen, wie man sich benimmt. Dann wird einem geholfen. Weil da lauter gute Menschen sind – manchmal vollkommen unvernünftig. Man muss auch verstehen, in was für einer Gesellschaft man nun ist und diese respektieren, unsere Werte übernehmen, weder sexistisch noch antisemitisch sein. Wer hierher kommt, muss wissen, was passiert ist, was man den Juden angetan hat. Er oder sie muss sozusagen diese Schuld mittragen. Wer das nicht will, soll in ein anderes Land gehen.

Sie sind seit kurzem Schweizer Bürgerin. Nächstes Jahr übernehmen Sie die Leitung der Camerata Bern.

Das ist eine grosse Ehre und ein Luxus für mich. Weil es fantastische Musiker sind und weil es zu Hause ist: Fünfzehn Minuten mit dem Bus entfernt. Normalerweise muss ich zur Arbeit fliegen – das muss man sich mal überlegen. Zu Hause, das hat schon eine andere Qualität.

Sie haben mit Ihrer Tochter mal einen Nähkurs besucht, wo Sie sich offenbar wie ein Alien gefühlt haben ...

... eine normale Mutter bin ich schon nicht. Das werde ich nie sein, ich bin ja fast nie zu Hause.

Ist Musik auch etwas, das einen auffrisst?

Es ist schon ein Biest, das immer Blut saugt. Und je älter ich bin, je mehr erscheint mir das Privatleben in anderem Licht. Wenn man krank wird oder nicht mehr spielen kann, ist es die Familie, die einen aufnimmt und tröstet und pflegt, nicht die Konzertveranstalter.

Als Artist Etoile geben Sie am Lucerne Festival ein «inszeniertes Konzert» zum Thema «Dies Irae», Kurzauftritte mit Ihren Eltern oder Sitzkissenkonzerte für die Kleinsten. Muss Klassik sich neu erfinden?

Das inszenierte Konzert ist sehr wichtig. Es geht darin um die Lage unseres Planeten, die mir sehr nahe geht und jedem nahe gehen sollte. Wir Musiker sollten uns lieber mit dem Heute beschäftigen, als dauernd alte Monumente auf der Bühne anzubeten.

Und was das aussergewöhnliche Konzertformat angeht – steckt die Klassik in einer Identitätskrise?

Das könnte man so sagen. Wann steckt man in einer Krise? Wenn man sich nicht mehr entwickelt?

Oder man denkt, so, wie man ist, passt es nicht.

Weil es nicht mehr zeitgemäss ist. Auch Kirchen sind nicht mehr zeitgemäss: Als Priester von einer Kanzel herunter zu predigen, und die Zuhörerschaft glaubt das ohne Zweifel – das funktioniert nicht mehr. Genauso wenig im Konzertsaal. Der Musiker muss sich heute viel mehr verbal erklären. Es genügt nicht, Töne perfekt zu spielen.

Sie sind vielen Menschen ein Begriff, weil Sie barfuss spielen oder weil Ihre Geige am Zoll beschlagnahmt wurde.

Ich hoffe, dass ich nur mit meiner Musik interessiere. Nackte Füsse sind nicht so spannend.

Ausser, man ist Fussfetischist.

Dafür gibts aber andere Orte (lacht schallend). Das können Sie ruhig schreiben, das Thema geht mir nämlich bis hier oben. Ich glaube, in einem Konzertsaal ist alles so verspannt, dass eine Kleinigkeit zu einem Aufruhr führt. Und das stempelt einen plötzlich zu etwas Aussergewöhnlichem.