Entdeckung
St. Galler Klosterplan: Die Idee einer friedlicheren Welt

Der 1200 Jahre alte St. Galler Klosterplan ist ein einzigartiges Dokument des Frühmittelalters. Er zeigt die idealistische und optimistische Gesinnung von damals. Zwei neue Ausstellungen zeigen ihn und mit ihm die Bedeutung des Klosters für Europas Kultur.

Rolf App und Bruno Knellwolf
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Der St. Galler Klosterplan ist perfekt: Warum wurde es nie gebaut?

Der St. Galler Klosterplan ist perfekt: Warum wurde es nie gebaut?

Zur Verfügung gestellt

Bei einer Bibliotheksrevision wird im Kloster St. Gallen im Jahr 1461 auch ein Katalog erstellt. Darin findet sich ein Eintrag in Latein, der in deutscher Übersetzung lautet: «Grosse Tierhaut, auf der das Leben des heiligen Martin geschrieben und das Gefüge seiner Gebäulichkeiten gezeichnet ist.»

Ein Irrtum, dem der Bibliothekar da aufsitzt.

Denn der Plan, den er in der Hand hält und der 45 Gebäude und 5 Gärten umfasst, hat nichts mit dem Leben des heiligen Martin zu tun. Die Lebensbeschreibung stammt vom Ende des 12. Jahrhunderts, der Plan aber wird heute auf das Jahr 819 oder um 826/830 datiert.

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Er sei, sagt der St. Galler Stiftsbibliothekar Cornel Dora, «ein in der Reichhaltigkeit seiner Informationen völlig einzigartiges Dokument. Denn es hat sich kein vergleichbarer Architekturplan aus dem Frühmittelalter erhalten.»

Rekonstruktion nach dem Klosterplan von Johann Rudolf Rahn, 1876.

Rekonstruktion nach dem Klosterplan von Johann Rudolf Rahn, 1876.

Der Klosterplan steht deshalb auch im Zentrum der Ausstellung, die in St. Gallen von Bundesrat Alain Berset eröffnet wurde. Zusammen mit einer zweiten, im Gewölbekeller unter der Stiftsbibliothek mit modernsten Mitteln neu geschaffenen Ausstellung zeigt sie das Kloster St. Gallen als einzigartiges, kulturell wie politisch weit ausstrahlendes Zentrum mittelalterlicher Kultur.

Den Klosterplan selber, gezeichnet mit dreierlei Tinte und beschriftet von zwei Schreibern, wird der Besucher im Original nur kurz sehen können. Er ist höchst lichtempfindlich.

Von der Klause zum Kloster

Es sei, sagt Cornel Dora, «eine helle, christlich inspirierte Zeit, in der dieser Plan auf der Insel Reichenau entsteht».

Aus der einsamen Klause des irischen Wandermönchs Gallus, die der heilige Otmar 719 ausbaut, entsteht in jener Zeit auch das Kloster St. Gallen.

Es hat unruhigere Zeiten gesehen., ist hineingezogen worden in die Auseinandersetzungen zwischen Alemannen und Franken um die Macht in einem Reich, an dessen Rand die heutige Schweiz liegt. Es hat auf Geheiss der Frankenkönige die Regel des heiligen Benedikt eingeführt und ist mehr und mehr zu einem fränkischen Machtzentrum geworden.

Die St. Galler Äbte haben Einfluss, und so werden ihnen im näheren und weiteren Umkreis immer wieder Güter anvertraut. «Ich denke, es war einfacher, unter der Oberherrschaft dieses Klosters zu leben, als der Willkür eines weltlichen Herrn ausgesetzt zu sein», beschreibt Cornel Dora die Verhältnisse. «Die Klöster hatten einen guten Ruf.»

Optimistische Grundhaltung

Hinzu kommt ein Hunger nach Sinn, nach Bildung, nach Kultur.

Cornel Dora, Stiftsbibliothekar Stiftsbezirk St. Gallen.

Cornel Dora, Stiftsbibliothekar Stiftsbezirk St. Gallen.

Hanspeter Schiess Fotografie

«Das Leben lädt sich idealistisch auf; plötzlich wird das ewige Leben wichtiger als das Leben.» Eine karolingische Hochkultur entwickelt sich, und obwohl bis zum Jahr 1000 die Angst vor dem Weltuntergang grassiert, herrscht eine optimistische Grundstimmung. «Man baut an einer friedlicher werdenden Welt, die erwacht ist für die Ideale des Christentums.»

Da sich politische Strukturen sehr langsam bilden, hat die Kirche viel Raum. «Sie nutzt ihn zum Aufbau von Schulen, zur Einrichtung von Spitälern, zur Förderung der Wissenschaft», zählt der Stiftsbibliothekar auf. «Auch in der Politik gibt sie den Ton an. Karl der Grosse zum Beispiel hatte fast nur Geistliche als Berater.»

Nachgebaut in Messkirch

Ausdruck des ganzheitlichen Denkens und Strebens ist der Klosterplan. Er ist zwar auf St. Gallen bezogen und nicht, wie man früher geglaubt hat, ein blosser Idealplan. «Man kann ihn als ein Konzept für ein Grosskloster betrachten, wie es hätte gebaut werden können.» In ihm spiegelt sich die dominante Rolle dieser Institution. Gebaut hat Abt Gozbert, an den der Plan gerichtet war, nur die Kirche und einen Teil des Kreuzgangs.

Was aber nichts daran ändert, dass der Klosterplan bis heute die Fantasie beflügelt.

Längst führt er ein digitalisiertes Eigenleben, und im süddeutschen Messkirch bauen Handwerker und Ehrenamtliche mit den Mitteln des 9. Jahrhunderts ein Kloster – auf der Grundlage des Klosterplans.

Die Bibliothek hat mehrmals viel Glück gehabt

Es grenzt an ein kleines Wunder, dass mehr als 2000 wertvolle Handschriften der St. Galler Stiftsbibliothek ebenso überlebt haben wie das älteste Klosterarchiv der Welt. Seine Dokumente reichen zurück in die Mitte des 8. Jahrhunderts. Im Jahr 925 n. Chr. zum Beispiel mussten Bibliothek und Klosterschatz vor den einfallenden Ungarn auf die Insel Reichenau evakuiert werden. «Die Stiftsbibliothek hat seit dem 10. Jahrhundert immer wieder Glück gehabt», erklärt Stiftsbibliothekar Cornel Dora. Krieg, Feuer, aber auch alltägliche Risiken wie Feuchtigkeit, Schädlingsbefall oder die Nachlässigkeit der Mönche bringen sie immer wieder in Gefahr.
Vor allem das 18. Jahrhundert war kritisch. Im Toggenburgerkrieg 1712 lassen Truppen der evangelischen Orte Zürich und Bern Bücher, Handschriften und Drucke mitgehen. 1718 verpflichtet sie der Friedensvertrag zur Rückgabe. Bern kommt dem rasch nach, Zürich aber behält gut hundert Handschriften, zahlreiche gedruckte Werke und einen wertvollen Erd- und Himmelsglobus aus dem 16. Jahrhundert zurück. Fast 300 Jahre herrscht Ruhe, bis der Kanton St. Gallen 1995 die Eidgenossenschaft als Vermittlerin anruft. Zähe Verhandlungen münden 2006 in einem Kompromiss.
1797 bedrohen französische Revolutionstruppen die Sammlung. Sie wird verpackt und nach Tirol transportiert. Als sie 1804 zurückkehrt, ist das Kloster aufgehoben und der Klosterstaat aufgelöst. (Rolf App)

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