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SRF-Kulturchef Stefan Charles: «Ich kann die Zeit nicht zurückdrehen»

Mehr Manager als Journalist: SRF-Kulturchef Stefan Charles im neuen Grossraumbüro des MOH.

Wohin steuert SRF Kultur? Das wollten wir von Leiter Stefan Charles am neuen Standort Basel wissen.

Vormittag im Meret-Oppenheim-Hochhaus in Basel, auch MOH genannt. Hier arbeiten neuerdings die Kultur- und Wissenschaftsredaktionen von Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) zusammen. 300 Journalistinnen und Journalisten in offenen Räumen, ohne fixe Arbeitsplätze. Auch nicht für den Chef: Stefan Charles.

 

Um mit Roger Schawinski anzufangen: Wer ist Stefan Charles?

Stefan Charles: Meine Rolle hier entspricht meinem Wesen: Dinge zu ermöglichen, Innovation zu fördern, Handlungsfreiraum geben. Intuitiv Ja zu sagen, wenn ein Mitarbeiter kommt und sagt, er wolle Sternstunden in der Nacht im Kaufleuten aufzeichnen oder ein reines Youtube-Format bei der Wissenschaft aufbauen. Und erst danach schauen, wie sich das umsetzen lässt. Ich habe Mut und Spass daran, Dinge mit Leuten zu entwickeln. Aber auch im Grösseren zu denken: Wohin geht die Strategie?

Wohin geht denn die Strategie?  

Wir haben ein Ziel für SRF und für die Abteilung Kultur und das ist klar benannt. Es heisst: Ein tolles, vielfältiges Programm machen. Dafür wollen wir das Online-Angebot erweitern, also auch junge Publika erschliessen.

«Jung» bedeutet bei SRF 2 Kultur was? 

Unter 50.

Wie will SRF Kultur jünger werden? 

50 Prozent unseres Angebots wird in Zukunft  online sein, 50 Prozent linear – also klassisch über Radio und Fernsehen laufen.

Wie viel Prozent sind es heute?

Im Moment ist ungefähr 10 bis 15 Prozent Online. Da wird es  eine Verschiebung geben. 

Wenn wir uns SRF Kultur Online anschauen, dann fällt die Vielfalt auf – man hat aber auch den Eindruck eines Gemischtwarenladens. Werden Sie den Online-Auftritt strukturieren?  

Ab Juli haben wir mit Kathrin Ruther eine neue Verantwortliche für den Bereich Online und Distribution. Ich freue mich sehr, dass unsere ganze Abteilung von ihrem ausgewiesenen Know-how wird profitieren können. Kathrin kommt vom MDR, wo sie für die Angebote für das junge Publikum verantwortlich war und neue Formate entwickelte. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Wir haben schon einiges realisiert, seit Ende des letzten Jahres  gibt es einen Kultur-Newsletter jeweils am Sonntagmorgen, für Jazz-Begeisterte haben wir bei Facebook eine eigene Gruppe eröffnet, in der unsere Experten mit dem Publikum diskutieren und bald geht der Instagram-Account für die Kultur an den Start.

Klingt doch wie ein Gemischtwarenladen. Es kommen ja immer mehr Kanäle hinzu. Können Sie entsprechend mehr Stellen schaffen?  

Nein, wir werden umverlagern. Neu gibt es zum Beispiel Digital Storyteller oder Audience Developer.

Audience Developer?  

Ja, die sind spezifisch für die Distribution auf einzelnen Kanälen zuständig, zum Beispiel Youtube.

Umverlagerung und neue Kanäle bedeutet auch weniger Kapazitäten für die Redaktorinnen und Redaktoren. Kommt dabei nicht der vom Publikum geschätzte Tiefgang in Sachen Kultur zu kurz? 

Das wollen wir vermeiden, indem die Mitarbeiter nicht mehr nur für ihre eigene Sendung arbeiten. So gehen wir Doppelspurigkeiten aus dem Weg. Einer macht die Recherche und stellt sie den anderen zur Verfügung, dann entscheiden wir, wie das Storytelling funktionieren soll. Daher ist es auch so toll, dass der Fachbereich DOK zu uns gehört. Dieser kann je nachdem eine Recherche noch weiter verwenden. Was mit einem Beitrag über die Gurlitt-Ausstellung im Kunstmuseum Bern in der Sendung Kulturplatz begann, wurde später zu einem Dokfilm in der Primetime ausgebaut. Wir wollen vertiefen, aber nicht immer noch mehr machen.

Aber vertiefende Gefässe wie etwa die Sendung «Hörpunkt» bei Radio SRF 2 Kultur stellen Sie ja nun ein.  

Das Radio hat bisher oft fern von der Aktualität Schwerpunktthemen gesetzt. Das soll sich ändern. Wir werden über die trimedialen Kanäle Schwerpunkte machen, aber dann, wenn sie aktuell sind und sich alle daran beteiligen. Einzelne Redaktionen sollen nicht mehr so isoliert funktionieren.  

Was heisst isoliert? 

Früher arbeiteten die Mitarbeiter einem Sendungsformat zu. Das ist heute anders. Sie arbeiten nach Themen. In der Wissenschafts-Redaktion testen wir gerade ein solches Modell: Wissenschaftsredaktorinnen und Redaktoren aus Online, Radio und TV arbeiten gemeinsam an Themen und überlegen sich danach, wie sie diese ausspielen wollen: Was gibt es für eine Berichterstattung, was für Formate? Das wollen wir schrittweise mit allen anderen Bereichen auch so machen. 

Wie kommt das innerhalb der Redaktionen an? 

Gut. Unsere Mitarbeiter merken, dass ihre Themen grösser werden, dass sie punktuell eine Lawine lostreten können.

Haben manche nicht auch das Gefühl, dass man in ihr Gärtlein tritt? 

Natürlich habe ich Verständnis, dass solche Veränderungen für einzelne Mitarbeitende nicht immer einfach sind. Allerdings kann ich die Zeit nicht zurückdrehen, die verschiedenen Mediengattungen verschmelzen immer stärker miteinander. Darauf müssen wir eine Antwort finden.

Was bedeutet Veränderung denn für einen Radiosender wie SRF 2 Kultur? Wird dieser dereinst aufgelöst werden, weil man die Inhalte anders platziert?  

Im Moment läuft das Programm gut. Aber rund zwei Drittel des Publikums sind 65 Jahre und älter. Man wird zwar auch in 50 Jahren noch Klassik hören, da bin ich mir sicher, aber wie, das ist offen. Der Trend führt weg vom linearen Medienkonsum.

Zum Beispiel hin zu Podcasts?  

Ja, warum nicht. Ich bin offen für neue Ideen und für die Zusammenarbeit mit Leuten, die kreativ sind und gute Inhalte machen, von Audioformaten bis zu DOK-Produktionen. Ich habe nicht den Anspruch, dass wir alles inhouse produzieren müssen.

Apropos Produzieren: Sie begannen Ihre Berufskarriere als Musikproduzent, arbeiteten als Creative Director bei EMI.  

Ja, ich habe für die Musikverlage von BMG und EMI Musik komponiert und die Werke für Künstler geschrieben. Die 90er waren eine spannende Zeit, jeder, der zwei Noten auf Papier bringen konnte und technologisch interessiert war, konnte mitmischen. 

Welchen Hit kennen wir denn von Stefan Charles?  

(lacht) Nein, nein, dahin gehen wir nicht.   

Ach kommen Sie! War es Popmusik?

Ja, auch Clubsounds und elektronische Musik. Ich komme aus einem Umfeld, in dem sich viel verändert, bewegt hat. Wäre ich wieder jung, würde ich ein Startup gründen. Aus diesem Spirit heraus habe ich das gemacht. Es ging um ein Berufsmodell, das es so nicht gab, etwas Neues zu entwickeln. Und elektronische Musik und Studiosounds boten Aufregendes, Neues, Möglichkeiten, mich zu entwickeln. Die Hitparadeneinträge sind mir nicht wichtig, die möchte ich hinter mir lassen.   

Aber Sie möchten uns keinen Song nennen von Ihnen, den wir kennen könnten?  

Nein. 

SRF-intern erzählt man sich, dass Sie für GZSZ-Star Yvonne Catterfeld komponiert hätten.  

Ich denke, sie schreibt ihre Songs selbst. Aber ich werde diese Frage dann einmal in meiner Autobiografie beantworten, versprochen.

Heute sind Sie Chef über 300 Journalistinnen und Journalisten, kommen aber selber nicht aus dieser Branche. Ist das bei SRF ein Vor- oder Nachteil?  

Um Museen als Beispiel zu nehmen: Da gibt es in der Leitung auch entweder die Kunsthistoriker oder solche Menschen wie Sam Keller (Direktor der Fondation Beyeler, die Red.), die der Kunst auf andere Art nahe sind. Um das zu übertragen: Ich bin kein Journalist, aber die Arbeit, die ich mache, besteht darin, mit Journalisten zusammen eine Vision zu entwickeln.  

Die wäre?  

Mit Kulturinhalten die kulturoffene Bevölkerung zu begeistern. Wenn wir die Arbeit so machen wie vor 20 Jahren, dann haben wir die U50er verloren. Wir müssen uns vom Prozess und vom Inhalt her entwickeln und uns Gedanken über neues Storytelling machen. Dafür braucht man kein Journalist zu sein. 

Wie bringen Sie sich ins Alltagsgeschäft ein? Im November erschien bei «Kulturplatz» eine ganze Sendung zum Thema «Basel – Stadt der Museumskrise». Hätten Sie das nicht lieber verhindert?

Tatsächlich habe ich die Recherche genau angeschaut, weil ich ja zu der Zeit des Neubaus im Kunstmuseum arbeitete. Die Sendung zeigte auf, wie europäische Städte ihre Museen finanzieren. Interessant daran war, dass man dieses Beispiel Basel exemplarisch anschaut, gerade jetzt wo zum Beispiel auch in Zürich so ein Neubau ansteht. Aber ich bin der Letzte, der gesagt hätte, man dürfe so ein Thema nicht bringen.  

In der Sendung ging es aber auch um das Defizit des Kunstmuseums. Sie als einer der Zeitzeugen kommen im Beitrag nicht zur Sprache. Wieso?  

Der zuständige Journalist  zeigte die wichtigen Protagonisten wie etwa Direktor Josef Helfenstein oder verantwortliche Politiker mit unterschiedlichen Meinungen Die Redaktion hat also ausgewogen und nach journalistischen Kriterien entschieden, welche Interviewpartner zu Wort kommen sollen. Diese Kompetenz liegt bei der Redaktion, ich selber mische mich da nicht ein.

Hätten Sie, damals kaufmännischer Direktor, nicht etwas zu sagen gehabt? Es ging ja im Beitrag auch darum, dass das Gebäude unterfinanziert war.  

Wenn man ein solches neues Haus in Betrieb nimmt, gibt es verschiedene Finanzierungsmodelle. Damals stand ein Modell im Raum mit einem Konzept von drei grossen Sonderausstellungen mit jährlich insgesamt 300'000 Besuchern. Ich bin überzeugt davon, dass man das erreichen kann. Aber, was die Bevölkerung vielleicht nicht weiss: Die Budgets in den Kulturinstitutionen sind eher knapp bemessen. Zu meiner Zeit hatten wir im Kunstmuseum Basel eine Eigenfinanzierung von 39 Prozent. Ich könnte mir vorstellen, dass diese jetzt niedriger ist. Es spielt immer eine Rolle, worauf ein Direktor das Schwergewicht setzt: Die Vermittlung etwa spült wenig Geld in die Kasse, Sonderausstellungen müssen immer aufs Neue finanziert werden.

Sie reden jetzt von Ausstellungskosten. Aber das Geld fehlte bei den Betriebskosten, das Defizit war strukturell.  

Das muss man differenzierter anschauen: Wenn jemand sagt, dass in der Schweiz Museen unterfinanziert sind, dann habe ich meine Fragezeichen. Die Situation unserer Museen ist relativ komfortabel im Vergleich zum Ausland. Wenn es Auflagen gibt, vom Kanton, von Versicherungen, etc, dann muss man die erfüllen oder auf Ausstellungen verzichten. Im Fall des Neubaus waren die Voraussetzungen anders, die Berechnungen waren nicht falsch, aber die Parameter haben sich verändert, man ging von anderen Voraussetzungen aus. Mehr weiss ich dazu nicht zu sagen.

 

Der neue Standort der SRF-Kulturabteilungen kann diesen Samstag besichtigt werden. Am 22. Juni findet im Meret Oppenheim Hochhaus von Herzog & de Meuron ein Publikumstag statt, inklusive Besichtigung der Studioräume. 10 bis 18 Uhr, anschliessend Hörspiel- und Satire-Abend im SRF-Auditorium.

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