Erzählung

Sprich ja kein Wort Japanisch! – Julie Otsuka kommt mit fulminantem Debüt-Werk nach Basel

Julie Otsuka

Julie Otsuka

Autorin Julie Otsuka kommt nach Basel. Endlich wurde ihre Erzählung unter dem Titel «Als der Kaiser ein Gott war» auch ins Deutsche übersetzt.

«Ein historischer Tag» wird in letzter Zeit so inflationär verwendet, dass man sich fragt, bei welchen Ereignissen diese Bezeichnung tatsächlich angemessen wäre. Zweifellos dazu zu zählen ist der 7. Dezember 1941. Der japanische Angriff auf die in Pearl Harbor liegende Flotte löste den Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg aus.

Einen Wendepunkt stellt das Datum auch für die japanischstämmigen Bürger in den Westküstenstaaten der Vereinigten Staaten dar. Auf einmal gelten sie als Sicherheitsrisiko. Auf eine Phase der Diskriminierung folgt die Deportation. Zehntausende werden buchstäblich in die Wüste, ins Hochland von Utah, geschickt. In Internierungslagern verbringen sie unter der brennenden Sonne ihre Tage.

«Der Junge», «die Mutter»: Figuren ohne Namen

Kurz vor dieser Deportation setzt Julie Otsukas Erzählung ein. Eine Mutter, ein Junge und ein Mädchen packen für eine Reise, von der sie nicht wissen, wohin sie führt und wie lange sie dauert. Einzig, dass sie nicht freiwillig gehen, steht fest. Und den alten Hund können sie nicht mitnehmen. Mehr noch als den Hund vermisst der Junge seinen Vater. Oft geht er in Gedanken durch, wie dieser nachts vom FBI abgeholt worden war, in ausgebleichten Pantoffeln. In – zensurierten – Briefen fragt ihn sein Vater, ob er im Lager einen besten Freund habe. Das hat er nicht, aber eine Lieblingsschildkröte, in deren Panzer er mit der Nagelfeile seiner Mutter die Erkennungsnummer seiner Familie eingeritzt hat.

Auch Otsuka hat ihren Hauptfiguren keine Namen gegeben. Der Junge, das Mädchen, die Mutter heissen sie. Wie ihnen erging es zahlreichen Familien, oft lebten sie bereits seit 20 Jahren in den USA, die Kinder waren dort zur Welt gekommen. «Als der Kaiser ein Gott war» erzählt ihr Schicksal. Und doch sind «der Junge», «das Mädchen», «die Mutter» keine blossen Typen (Funktionsträger). Es sind Persönlichkeiten. Das Mädchen unterhält sich gern mit den Menschen, kümmert sich um ihren kleinen Bruder. Der Junge ist verträumt, spricht oft über Pferde, seit sie auf der Reise in Pferdeställen übernachten mussten. Er erinnert sich an die glücklichen Stunden mit seinem Vater und sagt heimlich den Namen des Kaisergottes auf, was verboten ist. Verboten ist vieles, japanisch sprechen allem voran.

Meisterhaft gelingt es Otsuka, die Schrecken einer Zeit aus der Perspektive der Figuren zu schildern. In einer präzisen Sinnlichkeit beschreibt sie den Lageralltag. Besonders stark sind die Dialoge der Familie – mal lustig, mal traurig, oft zärtlich. Berührend, was für Kräfte die Mutter mobilisiert, um für die Kinder stark zu sein. Und doch erweist sich das «Hauptsache, wir sind zusammen» als fragiler, als man sich erhofft.

Dunkles Kapitel der USA, nur zögerlich aufgearbeitet

Das vielleicht Erschütterndste des Romans liegt im letzten Teil. Die Rückkehr nach dem Krieg gestaltet sich anders als erträumt. Der Vater kehrt gebrochen aus der Gefangenschaft zurück. Für Menschen wie ihn kam die offizielle Entschuldigung für diese düstere Episode US-amerikanischer Geschichte viel zu spät. Erst Dekaden später wurde die rassistische Kriminalisierung und Diskriminierung in den USA aufgearbeitet.

Im deutschsprachigen Raum wurde die Thematik nicht erschöpfend behandelt. Umso wertvoller, dass «When the Emperor Was Divine» 17 Jahre nach seiner Erscheinung (2002) nun auf Deutsch vorliegt. Übersetzt hat den Roman die Liestalerin Irma Wehrli, Ehrendoktorin der Uni Basel.

Lesung Dienstag, 3. Dezember, 19 Uhr, Literaturhaus Basel. Julie Otsuka: «Als der Kaiser ein Gott war». 2019, Lenos Verlag, Basel.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1