Kolumne
«Sprachliche Moden und Marotten»: Unsere Wohnung misten wir oft aus – Warum nicht auch unsere Sprache?

Unser Kolumnist Pedro Lenz über den Satz eines Kommentarschreibers, der ihn zum Nachdenken brachte.

Pedro Lenz
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Es ist der ewige Kampf gegen neuen und alten Sprachmüll. (Symbolbild)

Es ist der ewige Kampf gegen neuen und alten Sprachmüll. (Symbolbild)

Keystone

In unserer Gegend, in der Bäche und Flüsse prägender sind als Wind und Sturm, sind die Wassermühlen historisch verbreiteter als die Windmühlen. In den Niederlanden oder in der spanischen Mancha ist das anders, dort haben Windmühlen die Wahrnehmung der Menschen geprägt.

Heute, wo es weniger Wind- oder Wassermühlen gibt, könnten wir annehmen, die Mühlen spielten auch in unserem Sprachalltag kaum noch eine Rolle. Aber das stimmt nicht. «Gottes Mühlen mahlen langsam, aber fein», sagt ein Sprichwort. Und dieses Sprichwort könnte auch auf die Sprachgewohnheiten angewandt werden. Der Sprache Mühlen mahlen ganz besonders langsam. Oft mahlen sie sogar langsamer als die Wirklichkeit.

Anders gesagt: Wir illustrieren auch in der Neuzeit unsere Rede oft und gern mit Dingen, die aus dem Alltag verschwunden sind. Im Berndeutschen etwa sagt derjenige, der in einem anderen Auto mitfahren möchte nicht selten: «Chan i mit öich mitrite?» Dieses Mitreiten, das ein Mitfahren meint, ist natürlich ein Überbleibsel aus der vor-automobilen Zeit und vergleichbar mit dem Reden über Mühlen, selbst wenn in der Landschaft keine mehr auszumachen sind.

Ein interessantes Beispiel dafür leistete jener Kommentarschreiber, der den bemerkenswerten Satz formulierte:

Es ist der ewige Kampf gegen alte Wassermühlen.

Gemeint war ein sinnloser Kampf, also ein Kampf, der zwar immer geführt, aber nie gewonnen wird. Nun hat jedoch das Sprachbild vom Kampf gegen Mühlen nichts mit Wassermühlen zu tun. Wer Cervantes’ «Don Quijote» gelesen hat, weiss für immer, dass der «Ritter von der traurigen Gestalt» mehr als einmal ohne Erfolg gegen Windmühlen zu kämpfen versuchte. Aus diesem literarisch höchstgeschätzten Werk leitet sich also das Sprachbild vom Kampf gegen Windmühlen ab. Von einem ewigen Kampf gegen Wassermühlen hatten wir dagegen vor der Lektüre des oben zitierten Kommentars noch nie gehört oder gelesen.

Das heisst nun nicht, dass es zu Wassermühlen keine Redensarten gibt. Denen, die immer über Dinge diskutieren möchten, die nicht mehr zu ändern sind, darf man ruhig mal sagen:

Die Mühle kann nicht mit dem Wasser mahlen, das vorbei­geflossen ist.

Ebenfalls bekannt ist die Redensart:

Wenn kein Wasser auf der Mühle ist, so tanzt der Esel.

Ein sehr schönes Windmühlen­sprichwort kommt aus Russland und heisst: «Brüderchen, du kannst den Wind niemals nach der Mühle ­drehen. Dreh die Mühle nach dem Wind, und sie wird vortrefflich ­gehen.» Zusammenfassend halten wir fest, dass Mühlen in der Sprache häufiger vorkommen als in der Landschaft, dass das aber nicht heisst, dass man über Mühlen jeden Quatsch erzählen kann. Wir dürfen allerdings vermuten, dass selbst das Richtig­stellen von falschen Sprachbildern einem Kampf gegen Windmühlen gleicht. Um es im Jargon des Kommentarschreibers zu sagen: Es ist der ewige Kampf gegen neuen und alten Sprachmüll.