Interview

Spielberg: «Ich bin kein Pferdeflüsterer, aber ich lebe mit Pferden»

Der Trailer zu Steven Spielbergs neuem Film «War Horse» – «Gefährten»

Der Trailer zu Steven Spielbergs neuem Film «War Horse» – «Gefährten»

Steven Spielberg über seine Erfahrung im Stallausmisten und über sein Pferd im Oscar-Rennen: das Kriegsmelodram «War Horse».

«Schindler’s List», «Saving Private Ryan», «Band of Brothers», «The Pacific» und jetzt «War Horse» – Kriegsfilme sind fester Bestandteil Ihres Resümees. Was fasziniert Sie an ihnen?

Steven Spielberg: Kriegsfilme haben enormes Potenzial für Drama. Mein Vater, der im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatte, betonte immer, wie sehr Krieg eine Freundschaftsprüfung ist. Offiziell hätten sie damals für die Demokratie und gegen den Faschismus gekämpft, aber in Wirklichkeit kämpften sie für den Freund im Schützengraben. Aber «War Horse» ist nicht wirklich ein Kriegsfilm – wenn schon ein Anti-Kriegs-Film, in dem ein Pferd Menschen einander näher bringt: einem Vater den Sohn, einem Briten den Deutschen und so weiter.

Man sagt, die halbe Arbeit des Regisseurs sei gemacht, wenn er das richtige Ensemble engagiert habe. In diesem Sinn: Wie haben Sie den vierbeinigen Titelhelden von «War Horse» gecasted?

Ich suchte nicht nur ein schönes und nobles Pferd als Joey, sondern auch eines mit sanften Augen, was nicht jedes Pferd hat – also nicht gerade so herzzerreissend wie ein Cocker Spaniel, aber doch berührend. Und dann hatten wir natürlich jene Joeys, die nur galoppierten oder fürs Springen eingesetzt wurden. Es ist nur wenig digital oder mit Animatronics gemacht. In 98 Prozent des Films sieht man echte Pferde.

Pferde sind vermutlich nicht die einfachsten Schauspieler, oder?

Manchmal haben Pferde keine Lust zum Drehen. Aber wenn sie Lust hatten, haben sie auch aktiv zum Script beigetragen, indem sie beispielsweise einen Schauspieler anschubsten, als ob sie sagen wollten: Mach mal vorwärts! Es sind ja schlaue Tiere. Nicht dass ich mir das Leben extra schwer machen wollte: Aber ich hatte einen jungen Hauptdarsteller und ein Pferd, die beide keine Filmerfahrung hatten. Und trotzdem konnte ich die Kamera oft ohne Unterbruch laufen lassen.

Reiten Sie selber oder haben Sie sonst einen persönlichen Zugang zu Pferden?

Ich bin kein Pferdeflüsterer, aber ich lebe mit Pferden! Wir haben acht Pferde im Stall und einmal hatten wir sogar zwölf. Meine 15-jährige Tochter ist eine ausgezeichnete Show- und Spring-Reiterin und meine Frau macht Dressur. Und ich bin dann der, der ausmisten darf! Ich selbst reite nicht.

Papa macht also sozusagen die Dreckarbeit – haben Sie das von Ihrem Vater gelernt?

Mein Vater, der gerade 95 wurde, gehörte 1950 zum Erfinderteam des ersten kommerziellen Data-Processor – er ist ein Computer-Genie. Von ihm habe ich vermutlich die Faszination an der Technik. Aufzuräumen gab es bei mir aber schon viel: Ich bekam oft einen Anschiss, denn ich machte ja alles kaputt! Meine Mutter hielt mich für einen Dämon, der mit einer 8-mm-Kamera herumrannte und alles in die Luft sprengte. Es gab «Blutflecken» an der Küchendecke und den halben Garten wühlte ich für meine Feuerwerks-Explosionen um.

Hollywoods Film-Held John Wayne hat Ihnen später geschrieben, Sie sollten die Komödie «1941» nicht realisieren, weil man über den Zweiten Weltkrieg keine Witze macht. Was für weitere Schätze gibt es in Ihrem Brief-Archiv?

Nach «E.T.» habe ich einen netten Brief von Frank Capra bekommen – das werde ich nie vergessen, weil ich ihn so verehrt habe. Fellini wurde ein sehr enger Freund. Er war die erste Person, die ich in Europa kennen lernte, als ich mit «Duell» nach Rom reiste. Er rief mich via Übersetzer in meinem Hotelzimmer an, er wolle mich kennen lernen. Wir verbrachten darauf den ganzen Tag zusammen und blieben befreundet.

Eine weniger freundschaftliche Episode ereignete sich letztes Jahr in Libanon, als vorübergehend Ihr Name auf dem «Tin Tin»-Poster überklebt wurde. Sie stehen bei der Arabischen Liga nämlich auf einer schwarzen Liste, weil Sie Israel im Krieg mit Libanon 2006 finanziell unterstützt haben. Was sagen Sie dazu?

Die Arabische Liga verpasst da eine Menge gute Unterhaltung! Aber mit dieser Aktion schickten sie nicht mir, sondern Israel eine Botschaft. Das ist die Welt, in der wir heute leben und in der ich weiterhin meine Filme mache und in der hoffentlich eines Tages auch im Libanon mein Name auf ein Poster darf.

Sie drehten «Tin Tin», «War Horse» und nun «Lincoln» Schlag auf Schlag. Ist dies Ihre intensivste Schaffensperiode?

Ich glaube, das strengste Jahr war 96/97: Da habe ich «Jurassic Park 2», «Amistad» und «Saving Private Ryan» in 12 Monaten gedreht. Ich habe jetzt ein bisschen mehr Zeit, weil meine Kinder älter und nicht mehr so abhängig sind. Von den sieben wohnen nur noch zwei zu Hause. Und das waren nun eben auch drei gute Scripts. Wenn ich kein gutes Drehbuch habe, arbeite ich auch nicht.

Sie haben Carte blanche in Hollywood. Kennen Sie das Wort «Nein» überhaupt?

Klar, wenn meine Frau Nein sagt, dann meint sie Nein. Und da akzeptiere ich auch ein Nein als Antwort. Ich weiss schliesslich, wer zu Hause die Hosen anhat!

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