Melissa Petit, sind Sie schwindelfrei?

Melissa Petit: Bevor ich nach Bregenz kam, konnte ich es nicht genau sagen. Aber vor zwei Jahren habe ich hier schon die Micaëla in Carmen gespielt und meine Arie in 20 Metern Höhe gesungen. Da habe ich gemerkt: Ich bin definitiv schwindelfrei.

Wie wurden Sie gecastet: Eine Arie vorsingen und eine Wand hochklettern?

(lacht) Nein-nein. Aber vor meinem jetzigen Engagement als Gilda hat man mich tatsächlich darauf angesprochen, dass ich werde klettern müssen und auch Stunts dazugehören. Man frage mich im Vorfeld, ob das für mich ok sei.

Sie machen selber Stunts?

Ja. Einmal schwebe ich mit dem Heissluftballon über der Bühne. Das sind zwar real nur 15 Meter Höhe im Vergleich zu den 20 Metern bei Carmen, aber um ehrlich zu sein, ein ganz anderes Gefühl. Weil der Ballon fliegt. Jeder Windhauch versetzt ihn in Bewegung. Einmal muss ich sogar auf der Kante der Gondel sitzen. Es ist ein wenig verrückt. Aber sehr schön.

Fürchten Sie sich nicht?

Stellen Sie sich vor, ich hätte Angst! Dann könnte ich gar nicht mehr singen. Mir bleibt eigentlich auch keine Zeit zu realisieren, wie hoch oben ich bin. Ich muss mich derart konzentrieren. Wissen, wohin meinen Fuss setzen, wo die Hand sein muss, gleichzeitig auf den Dirigenten achten – und nicht zuletzt bei alldem singen.

Als Sängerin passt man meist sehr auf die eigene Stimme auf, Stichwort Sängerschal. Hier singen Sie im Regen, im Seewind. Wie schützen Sie sich?

Wenn die Nacht sehr kalt ist, bekommen wir zusätzliche Schichten zum Drunterziehen, eine Art Ganzkörperanzug unter dem Kostüm, den man als Zuschauer nicht sieht. Aber Regen ist Teil der Bregenz-Erfahrung. Wir können das Wetter ja nicht kontrollieren. Wenn es regnet, kriegen wir unter der Perücke spezielle Mützen, um unseren Kopf vor Nässe zu schützen. Mir macht der Regen jedenfalls nicht viel aus.

Sind die Festspiele Bregenz so etwas wie das Hollywood der Opernwelt: Gigantisch, publikumswirksam, laut?

Es ist wie ein Zirkus. Hier gibt es mitten in der Oper Artisten, Feuer, Stunts, Menschen auf Stelzen. Es ist verrückt! Und mit meinen Stunts bin ich ein Teil von diesem Zirkus.

Sie sind Ensemblemitglied am Opernhaus Zürich. Was ist für Sie der Grund, an den Bregenzer Festspielen aufzutreten?

Es ist so anders als Oper sonst. Ich liebe es zu singen, zu schauspielern – auch die Stunts. Und hier kommt alles zusammen, was ich liebe. Es ist ein einmaliges Erlebnis.

Rigoletto ist eine intime Oper mit Zweierbeziehungen und Gefühlen. Wie bringen Sie diese Intimität auf diese Distanz rüber?

Die Verhältnisse in Bregenz sind tatsächlich so riesig, dass man sich leicht in ihnen verliert. Um die Verbindung zu anderen Figuren oder Gefühle zu zeigen, müssen wir viel mit Körpersprache arbeiten. Wenn Gilda traurig ist, reicht es nicht, dass ich die Trauer mit der Mimik zeige - wie es in einem Indoor-Theater der Fall ist. Also setzte ich meine Arme ein, umfasse meinen Körper, so erleben die Zuschauer die Gefühle mit.

Welche Szene im Bregenzer Rigoletto ist Ihre liebste?

Wenn ich die Arie „Caro Nome“ singe, ist das das allererste Mal, dass der Ballon zu fliegen beginnt. Gleichzeitig dreht sich der riesige Kopf von Rigoletto und er schaut zu mir. Es ist so ein starkes Bild, gemeinsam mit dieser wunderbaren Arie. Es ist wie eine Seifenblase voller Romantik, ein Wow-Effekt.