Solothurn
Netflix und Co. sind die Abwesenden, zu wenig Präsenz und weniger Publikum: Wie weiter mit den Filmtagen?

Der Schweizer Film lebt, doch die Filmtage machen ihn zu wenig sichtbar. Warum man trotzdem zuversichtlich sein darf. Eine Analyse in fünf Punkten.

Daniel Fuchs
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Tolle Filme, weniger Publikum als sonst: Die Ausgabe 2022 zeigt, die Solothurner Filmtage machen Schweizer Filme nicht sichtbar genug.

Tolle Filme, weniger Publikum als sonst: Die Ausgabe 2022 zeigt, die Solothurner Filmtage machen Schweizer Filme nicht sichtbar genug.

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Das Festivalfieber wollte nicht so richtig ausbrechen. In Solothurns Beizen und auf den Gassen waren die Filmtage dieses Jahr deutlich weniger spürbar als normal. Omikron verdarb zu vielen Stammbesuchern die Laune, anzureisen.

Solothurn zeigt nicht, was es hat

Hier klotzen die Veranstalter aber generell nicht, die sichtbare Präsenz bleibt bescheiden. Dieses Solothurner Understatement ist zwar sympathisch, führt aber sogar dazu, dass Filmtage-Neulinge sich schlecht zurecht finden, weil sie die viel zu kleinen und unauffälligen Festival-Wegweiser glatt übersehen.

Leider gelingt es den Filmtagen auch nicht, sich als das zu behaupten, was sie sind: ein Schaufenster des Schweizer Filmschaffens. Und Solothurn ist durch seinen Fokus auf Schweizer Produktionen vor allem eine Plattform für den Filmnachwuchs. Seine Arbeiten finden zwar in Gefässen wie dem noch jungen Erstlingswettbewerb Opera Prima einen Spiegel, so richtig ist das aber nie in der Öffentlichkeit angekommen. Was auch mit der zurückhaltenden Art der interimistischen Leitung zu tun hat.

Präsenz und Online liessen sich verbinden

Fast schon notorisch beharren die Filmtage seit ihrer schmerzhaften Trennung mit der letzten Direktorin Anita Hugi auf Präsenzveranstaltungen. Die Losung in Solothurn heisst «Präsenz only», während andere Festivals zumindest Teile des Programm online zugänglich machen.

Es ist seit Jahren das immer wieder gehörte Argument der Cinephilen: Kino bedeutet das gemeinsame Erleben und Diskutieren eines Films. Und man muss schlussfolgern:

In Solothurn gibt es aktuell statt Visionen vor allem Illusionen, alles möge wieder so sein, wie in der Vergangenheit, ganz ohne Streamingdienste und Online-Festivals.

Vom letztjährigen Effort, in der Pandemie immerhin ein Online-Festival durchzuführen, ist dieses Jahr überhaupt nichts mehr erkennbar. Und das ausgerechnet in der Woche, in der Omikron zu rekordhohen Corona-Ansteckungszahlen führte.

Natürlich sind Filmvorführungen im Kinosaal, in welchen das Publikum kollektiv lacht oder weint, grossartig. In einer Situation wie der jetzigen auf Präsenz-Veranstaltungen allein zu pochen, zeugt jedoch von einem gewissen Mass an Ignoranz, selbst wenn es in Einklang steht mit den aktuellen Coronamassnahmen.

Die besten Filme landen nicht in Solothurn

Von den nominierten besten Schweizer Spielfilmen des Jahres feierte kein einziger Premiere in Solothurn. Offenbar hoffen die besten Schweizer Filme gar nicht auf eine Premiere an den Filmtagen. Vor allem das ZFF in Zürich läuft den Filmtagen diesbezüglich den Rang ab. Freilich, solche Rennen um die Besten passen nicht so zum Alt-68er-Groove, der in Solothurn spürbar ist und der das Festival so sympathisch macht. Es droht aber eine ernsthafte Gefahr: Die Filmtage verkommen so zum wichtigen Regionalanlass, verlieren aber ihre nationale Ausstrahlung.

Dazu passt auch die missglückte Wahl des Eröffnungsfilms, über die US-amerikanische Thrillerautorin Patricia Highsmith, deren Leben zwar freilich interessant war, die aber vor drei Jahrzehnten starb. Dabei hätten Dokumentarfilme wie etwa «Schwarzarbeit» über Fahnder illegaler Arbeitstätigkeit oder «Rotzloch» über eine empathische Annäherung an vier junge geflüchtete Männer deutlich grösseres Potenzial gehabt. Solche Filme haben den grösseren Aktualitätsbezug und provozieren echte Debatten.

Hoffnung liegt bei Netflix und Co.

«Tschugger» war die Überraschungsserie und der Hit schlechthin im Jahr 2021. Eine TV-Serie freilich, die im cinephilen Solothurn nichts verloren hat – so muss schlussfolgern, wer das Filmtage-Programm Revue passieren lässt. Serien waren nur ganz am Rande Thema.

Das mag im Geist von Solothurn sein, das sich ganz dem Kino-Erlebnis widmet. Doch das Fehlen von «Tschugger» und Co. offenbart das Fehlen zentraler Abwesender im Filmschaffen. Die Serie entstand in Zusammenarbeit mit dem ausländischen Streamingdienst Sky, mit europäischen Produktionen wie «Gomorrha», «Das Boot» oder «Der Pass» so etwas wie ein Qualitätsgarant.

Wahrscheinlich schalteten ein paar Stammgäste, die wegen Corona in Quarantäne verbannt wurden, zu Hause heimlich auf Netflix, doch in Solothurn fehlte der US-Streaminggigant. Während «Tschugger» beispielhaft zeigt, wie fruchtbar eine Zusammenarbeit sein kann, scheint auf beiden Seiten das Interesse zu fehlen.

Hoffnung aber besteht: Bald stimmen wir über das Filmgesetz ab, die sogenannte Lex Netflix. Bei einem Ja müssen sich Streaminganbieter wie Netflix oder Sky künftig am Schweizer Filmschaffen beteiligen. Wenn man wie die Filmbranche auf deren Investitionen hofft, dann sollte man sie aber unbedingt einbinden an Anlässen wie den Filmtagen.

Echte Perlen verdienen Aufmerksamkeit

Auch dieses Jahr zeigt sich: Die besten Schweizer Spielfilme kommen aus der Romandie. «Olga», über eine ukrainische Turnerin im Schweizer Exil, die hin- und hergerissen ist zwischen der sicheren Schweiz und dem Freiheitskampf ihrer ehemaligen Weggefährtinnen, wurde von der Schweiz ins Oscar-Rennen geschickt. Die guten französischsprachigen Filme gaben auch an den Filmtagen zu reden.

Generell sind es neben ein paar Perlen vor allem die Schweizer Dokumentarfilme, die es immer wieder schaffen, das Publikum in eine unbekannte Welt abtauchen zu lassen.

Potenzial und Stoff sind also reichlich vorhanden. Solothurn freilich schafft es nicht ganz, sie ins Scheinwerferlicht zu stellen, das den Filmen gebührt.

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