«Es roch nach kitschigem und billigem, leicht blumigen Parfum, die Deko war verschnörkelt, die Waschbecken muschelförmig. Kurz nachdem er sie einige Male ohne Erfolg gerufen und einen Blick über die WC-Tür gewagt hatte, entdeckte er Marlène auf einer Kloschüssel, reglos, schlaff gegen die Trennwand gelehnt, wie eine Stoffpuppe, die Augen geschlossen, die Brille schief, noch einige Blätter zartrosa Toilettenpapier in der Hand.»

Was tut Dan, der im Bowling-Center gerade Schicht hat und somit nicht nur für die Pins verantwortlich ist, die fallen und wieder aufgestellt werden müssen, sondern auch für Damen, die auf der Toilette ohnmächtig werden? Er öffnet die WC-Tür mit seinem Generalschlüssel, richtet die Puppe auf, zieht ihr ohne hinzusehen die Unterhose hoch. «Einen Augenblick musste er sie an sich drücken, damit sie nicht umfiel. Er fluchte vor sich hin, bis er bemerkte, dass sie zu sich kam. ‹Oh. Oh, entschuldigen Sie. Das tut mir leid› – ‹Nicht doch. Ist nicht schlimm›.»

Dies ist die erste Umarmung von Dan und Marlène. Und vielleicht ist es gerade Marlènes unerklärliches Wegsacken in den unpassendsten Momenten, das den traumatisierten Kriegsrückkehrer Dan berührt und irgendwann seine eigene Ohnmacht freisetzt. Doch Marlène hat noch ein anderes Problem: Alles, was sie anfasst, geht in die Brüche.

Klischees aus der Meisterfeder

Wer beim Lesen von Philippe Djians neuem Roman «Marlène» die Titelheldin kennen lernt, muss unweigerlich an das viel besungene Sodlatenliebchen Lili Marleen aus dem Ersten Weltkrieg denken – oder an Betty Blue, die Protagonistin von Djians Kultroman «37.2°» (1985). Auch Betty Blue zieht das Unglück an wie die Motten das Licht. Doch im Gegensatz zu ihr wirkt Marlène nicht aggressiv erotisch, sondern wie ein zerzaustes Mauerblümchen. Allerdings sind es vor allem die anderen – ihre Schwester Nath und deren Mann Richard, Dans bester Freund –, die sie so wahrnehmen.

Es zeugt von Djians erzählerischer Meisterschaft, wie er Dan und den Lesenden die Augen aufgehen lässt: Die wahre Marlène ist anders. Sie weiss, was sie will – nämlich Dan –, und sie weiss, wie sie den Stein erweicht, zu dem er geworden ist. Sie verhält sich wie Wasser, nachgiebig, anpassungsfähig. Und hier beginnen die Klischees. Marlène entpuppt sich als talentierte Liebhaberin, spürt aber auch, wenn sie zu weit gegangen ist und den Krieger in Ruhe lassen muss. Um diesen Männertraum auch optisch zu optimieren, redet Dan ihr die hässliche Brille aus – ob sie dafür Kontaktlinsen bekommt, um weiterhin etwas zu sehen, wird nicht ausgeführt.

Auch Dan wirkt ziemlich klischiert. Er ist der Sympathieträger, der Gute, während sein Freund Richard, der mit ihm in Afghanistan gekämpft hat, die Rolle des Bösen gefasst hat. Dan bemüht sich, sein Kriegstrauma mit Medikamenten in Schach zu halten, und hält sich selber mit täglichem Training fit; Richard haut allen um die Ohren, was er erlebt hat, dröhnt sich mit Drogen zu und wird fett. Dan geht im Bowlingcenter einer geregelten Arbeit nach; Richard dreht lieber krumme Dinger. Dan beginnt sein versteinertes Herz ein Spältchen für Marlène zu öffnen; Richard misshandelt seine Frau Nath und seine Tochter.

Zu eindeutig, zu ungebrochen sind diese Männerfiguren. Fast möchte man sie zu einer einzigen Person zusammenfügen, einem physisch und psychisch kaputten Soldaten, der versucht, wieder Fuss zu fassen im zivilen Leben und dabei gute und schlechte Phasen durchläuft. Vielleicht wäre das glaubwürdiger.

Zerstörerische Eifersucht

Ist es überhaupt möglich, wieder ein zivilisierter Mensch zu werden, wenn man Mord und Massaker gesehen, selber getötet und nur zufällig überlebt hat? Das Thema ist spannend und aktuell. Die amerikanische Literatur ist voll davon, im deutschen Sprachraum hat sich Sabine Gruber in ihrem Roman «Daldossi oder Das Leben des Augenblicks» (2016) damit auseinandergesetzt. Bei ihr ist der Protagonist ein Kriegsfotograf, mit dem man sich nicht halb so gut identifizieren kann wie mit Philippe Djians Ex-Soldaten Dan – zu zerrissen ist dieser Daldossi – und ohne Hoffnung auf Heilung.

Philippe Djian hingegen lässt die Lesenden hoffen, zusammen mit Dan und Marlène. Ihre zarte, schwierige Liebe führt bald zu Komplikationen zwischen Dan und Richard. Und auch wenn Djian in vielen filmreifen Szenen eintaucht ins Milieu der Kriegsveteranen, scheinen ihre Nöte zurück im normalen Leben ihn nicht wirklich zu interessieren. Vielmehr geht es um die condition humaine im Allgemeinen, um das Verhältnis zwischen Mann und Frau im Speziellen und um die Eifersucht als zerstörerische Kraft.

«Ich habe keine Message, die ich weitergeben will», sagte Djian einmal, «mir geht es nur um Stil und Sprache.» Gewohnt schnell schreibt er, in schnörkellosen Sätzen und knappen Kapiteln. Und sofort ist er wieder da, der Philippe-Djian-Sog, der einen in die Tiefe zieht und am Schluss mit Wucht wieder ausspuckt, wenn der Schuss fällt und alle Hoffnung zunichtemacht.

Philippe Djian: Marlène. Roman. Diogenes, 279 Seiten.

Lesung bei «Zürich liest ’18» am Donnerstag, 25. Oktober, 20 Uhr im Glockenhaus, Zürich.