«Tatort»-Kommissare haben’s schwer. Zu Hause schlafen die in ihren Erwartungen enttäuschten Lebenspartner vorm kalt gewordenen Essen ein. Im Single-Haushalt gähnt ein leerer Kühlschrank, im Patchwork-Haushalt lärmt übel gelaunter Nachwuchs aus erster Ehe, der im schlimmsten Fall vom Täter gleich noch entführt wird.

Das Kleinbürgeridyll haben sich im Fernsehen definitiv andere Formate unter den Nagel gerissen. Und der Einzige, der wenigstens halbwegs von sich behaupten könnte, einen Zipfel dieses Glücks erhascht zu haben, ist Frankfurts Kommissar Paul Brix. Brix wird von seiner Vermieterin Fanny so üppig bekocht, als wäre er ihr eigener Sohn. Dass er die Transsexuelle im Rotlichtmilieu kennen gelernt hat, gibt dem Ganzen eine komische Note.

Kollegen-WG und Airbnb

Dabei scheint man auf den «Tatort»-Redaktionen sehr darum bemüht, die ganze Bandbreite heutiger Lebensmodelle abzubilden. Und die ist nun mal nicht mehr so genormt wie vor bald 50 Jahren, als der erste «Tatort»-Kommissar Paul Brix das Standardmodell Ehe vorlebte.

Kommissarin Charlotte Lindholm lebte phasenweise in einer platonischen Zweierbeziehung mit einem Krimiautor und gibt ihren Sohn regelmässig bei der Mama ab. Ludwigshafens Lena Odenthal und der inzwischen nach Italien ausgewanderte Kollege Kopper waren WG-Kollegen. Und Münchens Kommissar Franz Leitmayr vermietet während der Wiesn sein Zimmer auch mal an feierlustige Schwedinnen und bettet sich selbst in die eigene Badewanne – Airbnb lässt grüssen!

Dass die Kommissare in Wohnungen leben, deren Miete zu ihrem Gehalt in keinem Verhältnis stehen, hat zum einen mit dem Drehbuch zu tun, das die «Tatort»-Stadt ins beste Licht rückt – so lebt Kommissarin Nina Rubin mit Hipster-Bart-Gatte und Kindern im hippen Berliner Altbau-Chic –, zum anderen mit den Platzbedürfnissen einer Filmcrew.

Passender Schmuddel

In den Bau der einsamen Wölfe dringt die Kamera selten vor. Oder haben Sie je die Wohnung des wie ein Obdachloser durchs Kommissariat schlurfenden Dortmunders Peter Faber gesehen? Man muss gar nicht da gewesen sein, um zu wissen, wie es dort aussieht. Der Schmuddelgrad der Wohnung korrespondiert im «Tatort» zuverlässig mit dem Kaputtheitsgrad ihrer Bewohner.

Das gilt für die alkoholkranke Wiener Kommissarin Bibi Fellner wie für den Münsteraner St.-Pauli-T-Shirt-Träger Thiel, der Tür an Tür in einem Mietshaus mit dem bornierten Gerichtsmediziner Boerne lebt. Für Thiels Wohnung räumt der Westdeutsche Rundfunk vor dem Dreh ein Büro aus. Für Boernes gutbürgerliche vier Wände hingegen muss eine bestehende Privatwohnung aufgemöbelt werden.

Dass Kommissare wie Luzerns Reto Flückiger lieber im Hotel oder auf dem Boot leben, hat auch pragmatische Gründe, wie Lilian Räber, Leiterin Fernsehfilm beim SRF, bestätigt. Jeder Drehtag in einer Privatwohnung kostet. Und eine angemietete Wohnung, in die zwei- bis viermal jährlich tagelang ein Filmteam ein und aus geht, stellt ein Nachbarschaftsverhältnis auf die Probe.

Klaus-Peter Platten, Szenenbildner und Location-Scout beim SWR, suchte deshalb für den inzwischen pensionierten Stuttgarter Ermittler Bienzle bei fast jeder zweiten Folge eine neue Bleibe. «Den Zuschauern sind Bienzles Umzüge nie aufgefallen», erzählt er. Soeben hat er die Wohnung der neuen «Schwarzwald»-Kommissarin eingerichtet: «im gehobenen Ikea-Stil, ergänzt um ein paar ältere Möbelstücke».