Musiktheater

So seltsam wie Regen, der rückwärts fällt

Versponnen: Thom Luz' "Unusual Weather Phenomena Project"

Versponnen: Thom Luz' "Unusual Weather Phenomena Project"

Thom Luz’ «Unusual Weather Phenomena Project» verweigert sich aufs Schönste jeglichem Theatergesetz

Von hinten links betreten vier im schwarzen Frack gekleidete Menschen unauffällig die Bühne des Theaters Gessnerallee Zürich. Was sie sagen, hört man nicht. Was sie tun, versteht man nicht. Das geht ziemlich lange so. Ihr Debattieren geht unter in einem halligen Stimmengewirr, ab Tonband eingespielt. So beginnt man eigentlich keinen Theaterabend. Ausser man heisst Thom Luz und beherrscht das komisch-feine Understatement so gekonnt wie ein Wissenschafter aus Cambridge. Dann kann so ein Anfang sogar gut enden.

Dabei ist es kein englischer, sondern ein amerikanischer Wissenschafter, der aus Luz’ «Unusual Weather Phenomena Project» spricht: Der Physiker William R. Corliss, Verfasser des fast gleichnamigen «Handbook of Unusual Natural Phenomena» von 1974. Sein Leben verbrachte Corliss damit, Phänomene zu untersuchen, die sich unserem Verstehen entziehen: rückwärts fallenden Regen, vierfache Sonnenuntergänge, Feuerstürme, Kugelblitze, farbigen Schnee. Eine «sehr sinnvolle Art, sein Leben gelingend zu verbringen», wie er für sich selbst resümiert haben soll.

Auf einer grossen Leinwand werden Corliss’ Forschungsgebiete, Auszüge seines Buches und Kernaussagen projiziert. Jeder Satz ein Juwel, trocken und glänzend. Davor experimentieren drei Musiker (Mara Miribung, Mathias Weibel und Michael Flury) und ein Sounddesigner (Martin Hofstetter) mit ihren Instrumenten und sieben im Raum verteilten Tonbandgeräten. Eines rätselhaften Experimentes willen befestigen sie weisse, schwebende Ballone an die Tonbänder. Eine merkwürdige Geräuschcollage entsteht: so etwas wie trötende Wale von da, Donnergrollen von dort. Abbrüche und Unreinheiten gehören dazu. Und just, als es einen Moment lang ganz still ist, hören die Musiker zu sprechen auf. Man wird bis zum Schluss nie auch nur ein einziges Wort von ihnen hören.

Eine Ritterin singt Haydns Arie

So unauffällig wie die vier zu Beginn den Raum betreten haben, nähert sich aus derselben Ecke ein Ritter in Vollmontur. Die Musiker stopfen Dämpfer auf ihre Instrumente – Posaune, Geige und Trompetengeige – und beginnen zu spielen, als plötzlich eine überirdisch schöne Sopranstimme erklingt. Wie aus dem Nichts. Der Ritter ist eine Ritterin, ist die Sängerin Evelinn Trouble. «Ombra mai fu. Nie war der Schatten einer Pflanze, lieblicher und angenehmer, süsser.» Nie war Haydns Arie bezaubernder.

Der so behutsam anschwellende Abend entfaltet eine schwer benennbare Schönheit, die einen abheben lässt wie die Ballone auf der Bühne. Die Welt ist seltsam, heisst es im Programmheft. Und das Wetter erst! Und das Leben, der Mensch! Es scheint, dass Corliss damit begonnen hat, seltsamen Einzelphänomenen nachzugehen, nur um nach und nach festzustellen, dass eigentlich alles seltsam ist. 30 Bücher füllte er am Ende mit Anomalien. Das Ungewöhnliche wurde immer gewöhnlicher – oder umgekehrt: Säugetiere I, Säugetiere II, der Mensch – so lauten seine Überschriften. Er folgert alsbald: «Die Naturgesetze lösen sich auf.»

Auch Thom Luz macht ein Musiktheater gegen jedes Gesetz. Ohne Schauspieler, ohne Dialoge, ohne Handlung. Die einzigen Worte, ein Vortrag der Sängerin, fallen in einer skandinavischen Sprache – auf Dänisch, oder ist es vielleicht Isländisch? Ein Theater so seltsam wie Regen, der rückwärts fällt. Und so schön.

Kommende Aufführungsdaten: Kaserne Basel,  3. und 4. Juni um 20 Uhr, 5. Juni um 19 Uhr.  

Autor

Susanna Petrin

Susanna Petrin

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