Bühne

So erlebt das Luzerner Theater den zweiten Kultur-Lockdown

Für das Stück «Happy End auf der Allmend» hat Schauspieler André Willmund monatelang hart trainiert. Nun wird es wohl nie zur Aufführung gelangen. Hier ist er in einer Szene aus dem Abschlusstrailer zu sehen.

Für das Stück «Happy End auf der Allmend» hat Schauspieler André Willmund monatelang hart trainiert. Nun wird es wohl nie zur Aufführung gelangen. Hier ist er in einer Szene aus dem Abschlusstrailer zu sehen.

Was machen eigentlich professionelle Theaterhäuser und ihre Ensembles, wenn nur geprobt, aber nicht gespielt werden kann? Ein Blick in den derzeitigen Alltag am Luzerner Theaterplatz – und in die nahe Zukunft bis Saisonende.

Veranstaltungsverbot, Härtefallverordnung, Kurzarbeit, Ausfallentschädigung, Liquiditätshilfen – es sind die wohl meistverwendeten Begriffe, die man zurzeit in der Berichterstattung zur Kultur in unserem Land lesen kann. Rezensionen zu pompösen Opernstücken, Analysen gesellschaftskritischer Theaterinszenierungen oder Besprechungen feiner Konzertabende: Sie fehlen in Zeiten des zweiten Kultur-Lockdowns, der vermutlich noch bis mindestens Ende Februar dauern wird, wie gestern der Bundesrat vorgeschlagen hat. Inzwischen haben sich Veranstalter und Institutionen wohl oder übel mit den verschiedenen Szenarien, die da kommen mögen, arrangiert. Man hat auch bestimmte Lehren aus dem Frühling gezogen. Doch von Routine zu sprechen wäre zynisch. Vielerorts sind Existenzängste omnipräsent.

Auch das Luzerner Theater als grösste und bedeutendste Institution ihrer Art in der Zentralschweiz leidet. Im Gegensatz zu anderen Bühnenhäusern der Region kann es jedoch auf einen grossen Anteil an Subventionen bauen und ein festes Ensemble unterhalten. Doch wie sieht der Alltag im Theater aus, wenn völlig ungewiss ist, wann wieder gespielt werden kann? Die stellvertretende Intendantin Sandra Küpper sowie Schauspieler André Willmund, stellvertretend für das Ensemble, geben Auskunft über die aktuelle Gemütslage am Luzerner Theaterplatz.

Verhinderte Hommage

Gerade Willmund hat es mit dem Stück «Happy End auf der Allmend» arg erwischt. Die Inszenierung hätte im Dezember einmalig in der Swisspor-Arena stattfinden sollen – als Hommage an das erfolgreiche Barrage-Spiel des FCL vor mehr als zehn Jahren. Doch der erneute Kultur-Lockdown hat das Reenactment der Partie gegen Lugano – mit Willmund als einem von zwei Darstellern neben dem mitspielenden Regisseur Massimo Furlan – gänzlich verhindert. «Die Pandemie steckt ja nicht mehr in den Kinderschuhen, und wir mussten als Gesellschaft inzwischen alle lernen, Unwägbarkeiten einzukalkulieren. Dass die Aufführung des Stücks in Gefahr sein könnte, wussten wir in diesem Fall bereits Ende Oktober, als die 50-Personen-Regel bekannt wurde. Da hatte ich aber schon mehrere Monate trainiert», so Willmund. Und wenn man probe, so der Schauspieler, dann müsse man auch alles geben, sonst könne keine Kunst entstehen. Er sagt:

Immerhin sei ein schöner Abschlusstrailer entstanden, resümiert Willmund. Ein versöhnlicher, aber angesichts langer harter Arbeit eher kleiner Trost. «Happy End auf der Allmend» wird nun höchstwahrscheinlich nie vor Publikum gespielt.

Hinter jeder Produktion stecke eine rund zweijährige Vorbereitungszeit, erklärt Sandra Küpper. Zur aktuellen, sonderbaren Situation, die Aufführungen verbietet, das Proben aber zulässt, sagt sie:

© Stellvertretende Intendantin Sandra Küpper.                         Bild: Ingo Höhn

Als Nächstes stünden bald Premieren von Schauspielstücken und Tanzinszenierungen an. Die Proben dazu laufen weiter. «Bis zum Arbeitsplatz, in unserem Fall die Bühne, behalten wir die Maske an und halten uns an die spezifischen Coronamassnahmen. Erst dann wird sie abgenommen und gespielt», so Willmund. Aber natürlich fehlt dem Schauspieler derzeit etwas ganz Essenzielles: das Publikum und dessen Resonanz. Theater lebt von der Interaktion zwischen Zuschauer und Darstellenden. «In Proben oder bei Online-Streamings ohne Publikum spielt man einfach anders, verhaltener, auch auf eine Art unsicherer, weil etwas fehlt», sagt Willmund. Er vermisse das Feedback und auch die Bestätigung.

Der Körper erinnert sich

Und wie steht es um die Routine, wenn ein fixfertiges Stück wochenlang gar nicht zur Aufführung kommt? «Es ist Teil unseres Berufs, dass der Körper sich erinnert. Wir nennen das in der Branche ‹Sense-Memory›. Wenn eine Inszenierung einmal zu Ende geprobt ist, braucht ein Schauspieler normalerweise kein Training mehr. Der Körper erinnert sich quasi mit, wenn er in der entsprechenden Konstellation wieder auf der Bühne steht», erklärt Willmund. Und Küpper ergänzt:

Für die Schauspielerinnen und Schauspieler geht die Arbeit im Luzerner Theater also zumindest auf der Probebühne und in der Planung weiter. Doch das Haus sieht sich einem eigentlichen Produktions- und Aufführungsstau gegenüber. Premieren müssen verschoben werden, der Terminkalender bis zum Saisonende wird immer dichter. Ob dann bestimmte Inszenierungen weniger oft gespielt oder in kürzeren Intervallen aufgeführt werden oder ganz ausfallen beziehungsweise verschoben werden müssen, «darüber können wir erst in den nächsten Tagen mehr sagen», so Sandra Küpper.

All dies sei Gegenstand ständiger Erörterungen und fortlaufenden Kalkulierens, sagt die stellvertretende Intendantin. Klar ist für sie: «Ohne alle Alternativen geprüft zu haben, wollen wir unsere Stücke nicht absagen. Daher denken wir weitsichtig, um auch in der Pandemie möglichst optimistisch und vor allem flexibel zu bleiben.»

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