Kino
Film: So einen Daddy wünscht man sich für sein Kind

«Nowhere Special», diese in Irland spielende, traurig-schöne Vater-Sohn-Geschichte, berührt auf ganz besondere Weise.

Regina Grüter
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Den Weg in die Krippe gehen Vater John (James Norton) und Sohn Michael (Daniel Lamont) immer zu Fuss.

Den Weg in die Krippe gehen Vater John (James Norton) und Sohn Michael (Daniel Lamont) immer zu Fuss.

Was braucht es für die perfekte Familie? Geld, die den Kindern eine gute Ausbildung ermöglicht, sozialer Status, ein liebevoller Umgang? John (James Norton) ist ein zärtlicher Vater und stellt sich genau solche Fragen. Der 35-jährige Fensterputzer hat nur noch wenige Monate zu leben. Sein Sohn Michael ist erst vier, die Mutter hat sie zwei Monate nach der Geburt verlassen. Andere Verwandte gibt es nicht.

«Nowhere Special» ist nach «Still Life»aus dem Jahr 2013 erst Uberto Pasolinis dritter Film als Regisseur. Bei eigenen Filmen schreibt er auch das Drehbuch. Sonst kennt man ihn besser als Produzenten. Als solcher war er für «The Full Monty» 1998 sogar für einen Oscar nominiert. Der Mann hat Humor. Das hat man beim Publikumsgespräch im Anschluss an die Galapremiere am Zurich Film Festival im letzten Herbst gemerkt. Kein Wunder, der 64-jährige gebürtige Römer lebt seit Jahrzehnten in England. Die Geschichte aber ist traurig. Sie basiert auf einem Artikel in einer englischen Zeitung über einen sterbenskranken alleinerziehenden Vater, der für seinen vierjährigen Sohn eine neue Familie sucht. Das Drehbuch sei ein faktenbasierter Mix aus realen Personen und Gesprächen, die er mit Sozialarbeitern, Adoptionsstellen und Adoptiveltern geführt hat, sagte Pasolini. Und mit Leuten, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie John oder Michael.

All die kleinen, wunder­vollen Alltagsrituale

Pasolinis Inszenierung dieser schweren Geschichte ist leicht und ruhig, um nicht zu sagen leise. Er hält das Volumen niedrig und dramatisiert nicht. Umso tiefer gehen die emotionalen Momente, und es führt zu wunderbaren Alltagsmomenten zwischen Vater und Sohn, die in langen Einstellungen festgehalten werden – die Beziehung zwischen Norton und Daniel, der Michael spielt, wurde von langer Hand aufgebaut.

So sieht der Alltag von Vater und Sohn in einer irischen Kleinstadt aus. Und eben auch nicht. John ist nicht nur todmüde von der Arbeit, sondern zunehmend auch von der Krankheit. Und er hat Schmerzen. Es kostet ihn enorm viel Kraft, all die kleinen Alltagsrituale aufrechtzuerhalten oder auch nur mit Michael zu spielen. Es beschäftigt ihn, dass ihn keine der Familien, die sie besucht haben, richtig überzeugt. Schliesslich beginnt er, mehr auf Michael zu schauen: Wo fühlt er sich wohl, wer beschäftigt sich in erster Linie mit dem Sohn und nicht mit dem Vater. Der soziale Status oder die Herkunft der Adoptiveltern spielen immer weniger eine Rolle.

Ganz sanft und kindgerecht konfrontiert er den Sohn im täglichen Leben mit dem Sterben, dem Tod und dem Leben in einer neuen Familie. Er bereitet Michael auf die Zeit ohne ihn vor, ohne ihn zu überfordern. Ein Kind braucht eine Mutter. Ein Kind braucht einen Vater. Ist das so? Manchmal ist ein Kind vielleicht besser dran mit nur einem Elternteil oder nur einer engsten Bezugsperson. Hauptsache, es wird aufrichtig und ohne Hintergedanken geliebt. Michael soll nicht die Wünsche der zukünftigen Adoptiveltern erfüllen. Sie sollen sich jeden Tag aufs neue ein Bein für ihn ausreissen, so wie John das tut, seit Daniels Mutter sie verlassen hat.

Die potenziellen Adoptiveltern, die Uberto Pasolini präsentiert, wirken teilweise überzeichnet, und es passieren Dinge, die man nicht für wahr halten kann. In Zürich hat der Regisseur das Publikum eines besseren belehrt. Sogar die Geschichte mit dem Plüschhasen am Schluss sei wahr, sagte er. Mehr sei nicht verraten. Sehen Sie selbst, «Nowhere Special» ist ein sanfter, sinnlicher, rührender und sehr berührender Film.

Hinweis

«Nowhere Special», jetzt im Kino Bourbaki, Luzern.

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