Neuer Roman

Skandalautor im Sinkflug: Michel Houellebecq macht viel Lärm um fast nichts

Prediger des Untergangs: Michel Houellebecq fliegt mit seinem neuen Skandalroman «Serotonin» tief. Sehr tief.

Prediger des Untergangs: Michel Houellebecq fliegt mit seinem neuen Skandalroman «Serotonin» tief. Sehr tief.

Michel Houellebecqs neuer Roman «Serotonin» erweist sich trotz pompöser Non-Werbung als uninspirierter Aufguss altbekannter Themen. Das zutiefst frauenfeindliche Werk hinterlässt bei der Lektüre eine grosse Leere.

Bereits mehrere Wochen vor Erscheinen der deutschen Übersetzung des neuen, für Januar 2019 annoncierten Romans des Franzosen Michel Houellebecq spekulierten diverse Journalisten in Ermangelung verfügbarer Vorabinformationen darüber, was es wohl mit dem Buch auf sich habe. Denn diesbezüglich an den Kölner Dumont Buchverlag gerichtete Anfragen liefen allesamt ins Leere. Mehr noch: Die entsprechenden Seiten in der Buchhandels-Frühjahrs-Vorschau des Verlages präsentierten sich leer und weiss – und die zuständige Pressedame schlug Bitten um vorab Lesbares (wie in der Branche sonst üblich) standfest mit Hinweis auf den Erscheinungstermin des Buches, den 7. Januar, aus.

Groteskes PR-Gebaren

Ein höchst ungewöhnliches und nur schwer nachvollziehbares PR-Gebaren. Denn nun, nach vollbrachter Lektüre des neuen Buches des Goncourt-Preisträgers von 2011, erscheint die Geheimnistuerei des Verlages rückblickend umso grotesker. Tatsächlich nämlich erweist sich «Serotonin», so dessen Titel, nicht als der bis zuletzt aus gutem Grund unter Verschluss gehaltene und darum zu Recht Spannung erzeugende grosse Wurf. Anzuzeigen ist vielmehr ein bloss läppisches, weil literarisch bestenfalls zweitklassiges, vor allem aber in weiten Teilen pornografisches und zutiefst frauenfeindliches Werk, dessen Verfasser sich 290 Seiten lang in sattsam bekannten Houellebecq’schen Gemeinplätzen übt – und den Leser mit dröhnend langweiligen oder abstossenden Exkursen über Sexpraktiken, den Segen der Pornografie und die Qualen des Hardcore-Rauchens nervt. Bis der Text auf den letzten 40 Seiten dann doch Ernst macht und demonstriert, wozu sein einst bissig-luzider Autor noch immer fähig ist, wenn er denn nur will.

Es beginnt mit den Erinnerungen des Ich-Erzählers an all die nach und nach von ihm zum Teufel gejagten Claires, Camilles, Tams und Marie-Hélènes, an denen dieser im Rückblick kein gutes Scham-Haar lässt, indem er sie allesamt rundheraus als nichtswürdige «Schlampen» tituliert. Der Rest erweist sich als das redundante Geraune eines vom Leben Enttäuschten, der bloss noch Spott und üble Nachrede für die anderen und das kapitalistische System übrig hat, das er als Angestellter des französischen Landwirtschaftsministeriums notgedrungen mit repräsentiert.

Vor exakt zwanzig Jahren hatte der Verfasser dieses Artikels die Gelegenheit, den seinerzeit noch wenig bekannten Autor in Paris zum Interview zu treffen. Der Franzose hatte eben seinen finster-faszinierenden Roman «Ausweitung der Kampfzone» publiziert – und darin einen neuen, unerhörten Ton angeschlagen. Er selbst präsentierte sich als finster-entschlossener Schwarzseher, dessen enttabuisierte Art zu denken und zu reden etwas höchst Anziehendes besass. Denn da trat einer an, die längst in ihren Grundfesten erstarrte europäische Literatur mit seinen ketzerischen Thesen lustvoll zu erschüttern.

Was auf den ersten Blick verstörend wirkte, entfaltete, liess man sich auf die Konsequenzen seines Denkens ein, plötzlich eine interessante philosophische Tiefe. «Extension du domaine de la lutte» erwies sich als ein Buch für Agnostiker, die sich wärmen konnten an Sätzen wie: «Ich wäre gern tot. Aber es gibt einen Weg, den man zurücklegen muss.» Daraufhin nannten die Hohepriester des Feuilletons seine Bücher despektierlich «Schriften» eines «Faschisten» und «Stalinisten» – und ihn selbst «einen Fall». Lehrer warnten ihre Schüler vor der Lektüre seiner Unheil stiftenden Bücher. Und ein Kritiker bekannte damals schockiert: «Ich habe das Buch zitternd in Händen gehalten, wie einen geladenen Revolver.»

Prediger des Untergangs

Doch wer geglaubt hatte, Houellebecq, dieser grimmige Orpheus aus der Medienwelt, gehe nun aufs Ganze, sah sich getäuscht. Vielmehr ging er vom irrwitzigen Erfolg seiner Bücher geblendet dazu über, seine häretische Lebenshaltung als Masche zu kultivieren. Houellebecq gab fortan den der Kloake entstiegenen Prediger des Untergangs, dessen rasender Nihilismus vor nichts und niemandem Halt macht. Das Resultat waren Bücher wie «Elementarteilchen», «Karte und Gebiet» oder «Unterwerfung», in denen er zwar durchaus visionäre Qualitäten bewies, indem er gesellschaftliche Umbrüche bis hin zu Terroranschlags-Szenarien geradezu hellseherisch in seinen Büchern vorwegnahm; literarisch betrachtet aber stagnierte die Entwicklung dieses Autors, der darüber zum traurigen Epigonen seiner selbst mutierte.

Und nun also «Serotonin». Ein Buch, das bloss noch grell und schlagwortartig abhandelt, was diesen Schriftsteller von jeher thematisch umtreibt – gefasst in der brüchigen Silhouette eines Bekenntnisromans, den sein deutscher Verlag als grosse Abrechnung des Autors «mit der modernen Gesellschaft, der Wirtschaft, der Politik – und sich selbst» verkauft.

Im Klappentext des Buches heisst es dazu: «Noch nie hat Michel Houellebecq so ernsthaft und voller Emotionen über die Liebe geschrieben.» Im Buch selbst klingt das dann so: «Wenn ich es überdachte, war das Beste ihr Arsch, die ständige Verfügbarkeit ihres scheinbar engen, in Wirklichkeit aber so leicht zugänglichen Arschs, man hatte ständig die freie Wahl zwischen ihren drei Löchern, wie viele Frauen können das schon von sich sagen?»

Ausgehend von der Begegnung mit zwei jungen Frauen an einer Autobahntankstelle irgendwo in einem sommerheissen Spanien, geht es mit dem Ich-Erzähler im Folgenden mächtig durch – und er entrollt uns ungeniert die Top Ten seiner sexuellen Fantasien. Fadenscheinig kaschiert wird das Ganze durch eine Pseudo-Handlung, in deren Zentrum sein freudloses Dasein als frustrierter Abgesandter des Landwirtschaftsministeriums steht, der den Auftrag erhält, «die drei Fürsten der Normandie zu promoten: den Camembert, den Pont-l`Évêque und den Livarot». So tingelt er, gesteuert von seinen nicht nachlassenden sexuellen Obsessionen, die trotz des Anti-Depressivums «Captorix», das er neuerdings schluckt, um seine notorische Lebensmüdigkeit im Zaum zu halten, wild aufpoppen, durch die französischen Landen. Und gerät darüber irgendwann in einen eskalierenden Aufstand französischer Milchbauern, die mobil machen gegen die neue, existenzbedrohende Milchquoten-Regelung der Europäischen Union.

«Gelbwesten» vorweggenommen

Ausgemachte Houellebecq-Fans werden darin eine seismographische Vorwegnahme jener Gelbwesten-Aufstände gegen die Macron-Regierung erkennen, die gegenwärtig Frankreichs Strassen erschüttern. Hier aber kommen Waffen ins Spiel – und als Aymeric, ein alter Freund und Weggefährte des Ich-Erzählers, sich im Verlauf der Protestaktionen die Flinte an die Kehle setzt und abdrückt, bekommt Houellebecqs Roman endlich eine gewisse existenzielle Wucht. Denn die Aufstände kosten weitere Leben: «Neun Landwirte. Das hatte man in Frankreich lange nicht erlebt und gewiss nie anlässlich einer Demonstration von Landwirten.»

Doch erst hier, vierzig Seiten vor Ultimo, findet der Franzose zurück zu jener beissend-luziden, gleichsam philosophischen Art des Schreibens, die ihn einst berühmt machte. Und nachdem sein Alter Ego es nicht fertig bringt, sich umzubringen, bekennt dieser geläutert und demütig geworden: «Und heute verstehe ich den Standpunkt Christi, seinen wiederkehrenden Ärger über die Verhärtung der Herzen: Da sind all die Zeichen, und sie erkennen sie nicht.»

Der Botenstoff Serotonin gilt als Glückshormon, das bestimmte, im Körper vorhandene Botenstoffe bindet. Im Buch schluckt dessen Protagonist Captorix, um sein immer dunkles, freiflottierendes Gemüt aufzuhellen – und darüber eine Spur glücklicher zu werden. Doch es gelingt ihm am Ende ebenso wenig wie uns mit dem ganzen Romanrest. Stattdessen: eine grosse Leere.

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