Kultur

Simone Lapperts zweiter Roman «Der Sprung» mit zerbrechlichen Lebensentwürfen

Die in Aarau geborene, in Zürich lebende Autorin Simone Lappert.

Mit ihrem Romandebut «Wurfschatten» sorgte Simone Lappert 2014 für Furore. Nun legt sie nach: Ihr zweiter Roman «Der Sprung» erscheint im renommierten Diogenes-Verlag, als erste Schweizer Autorin überhaupt. In ihrem Roman bringt eine vermeintliche Selbstmörderin eine Kleinstadt durcheinander.

Wird die junge Frau vom Dach springen oder nicht? Die 34jährige Schweizer Autorin Simone Lappert verrät es bereits auf der ersten Seite ihres neuen Romans, der sinnigerweise «Der Sprung» heisst: «Eigentlich springt sie nicht, sie macht einen Schritt ins Leere, setzt den Fuss in die Luft und lässt sich fallen», schreibt sie, bevor sie den Fall expressiv, atemberaubend, akribisch beschreibt: «ihr ganzer Körper eine Faust jetzt, die sich nach unten boxt… Luft schneidet ihre Netzhaut…das Herz steckt ihr gross in der Luftröhre fest.»

Damit setzt sie gewissermassen die Schlusspointe an den Anfang. Ein Unterfangen, das im ersten Moment irritiert, würgt sie so doch gleich ein mögliches Spannungsmoment in den ersten Zeilen ab. Letztlich ist aber nicht dieser Sprung selber, der das bestimmende Element der Geschichte ist, sondern das Drumherum, das Warten darauf.

Die Frau auf dem Dach, elf Schicksale am Boden

Lappert interessiert vor allem das, was dieses lange Warten auslöst. Elf Menschen – die Frau auf dem Dach mitgezählt – werden nachhaltig aus ihrer Lebensenttäuschung, aus ihrem unglücklichen Alltag herausgerissen. Es sind Menschen, die in einer engen Beziehung zu dieser Frau auf dem Dach stehen oder entfernt mit ihr zu tun hatten beziehungsweise erst durch die entstandene Situation haben. Für sie alle erweist sich die Konfrontation als Einschnitt und Wendepunkt in ihrer Biografie.

Es sind ganz unterschiedliche Menschen, die Lappert im Kosmos einer deutschen Kleinstadt zusammenbringt. Da ist der Polizist Felix, der Obdachlose Henry, die Schülerin Winnie, der Schlachthofarbeiter Egon oder die Schneiderin Maren, um nur ein paar aufzuzählen. Ihnen allen hat die Autorin mächtige Klötze ans Bein gebunden: Der Polizist leidet unter einem Kindheitstrauma, das ihm Panikattacken beschert, Winnie wird von ihren Mitschülern gemoppt, die Schneiderin Maren von ihrem Ehemann verschmäht.

Manchmal kratzt sie an der Kruste zum Klischee

Nach und nach entfaltet Lappert einen grossen Bilderbogen, auf dem diese Lebenswege aufgezeichnet sind, sich zum Teil überkreuzen, gar zusammenfliessen oder sich auch nur kurz berühren. Mit feinem Gespür choreografiert sie ein tänzerisches Spiel von Zufall und Schicksal in einer grossen dramaturgischen Bandbreite und Präzision. Fast alles hat Platz: berührende Entwicklungen und scharfe Brüche, liebevolle und eher abstossende Momente des Menschseins.

Dabei wagt es die Autorin, das eine oder andere Mal auch an der Kruste zum Klischee zu kratzen, ohne diese aber zu durchbrechen. Auch werden wir als Leser immer wieder bis ganz an den Rand der Glaubwürdigkeit geführt. Lappert spielt aber geschickt mit diesen Momenten der Gratwanderungen, die sie mit einer fesselnden Sprachkraft voller Empathie und poetischer Erzählfreude auskostet und die einen Sog erzeugen, aus dem man sich nicht gerne löst.

2014 hatte Simone Lappert mit ihrem Romandebut «Wurfschatten» für Furore gesorgt. Dieses Buch katapultierte sie sogleich in den Literaturnachwuchs-Olymp. Entsprechend hohe Erwartungen begleiteten sie nun auf ihrem Weg zum Zweitlingswerk, für das sie sich fünf lange Jahre Zeit genommen hat. Das Warten hat sich gelohnt.

Simone Lappert Der Sprung, Roman, Diogenes, 331 Seiten.


 

Vernissage

Literaturhaus Basel, Mittwoch, 4. September 2019, 19 Uhr

Autor

Hansruedi Kugler

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