Bregenzer Festspiele

Sie kanns mit Beyoncé – und mit Carmen

So geht Carmen heute: Mezzosopranistin Gaëlle Arquez kann Augenaufschläge singen – und ist auch sonst eine Wucht.Gian Ehrenzeller/Keystone

So geht Carmen heute: Mezzosopranistin Gaëlle Arquez kann Augenaufschläge singen – und ist auch sonst eine Wucht.Gian Ehrenzeller/Keystone

Szenografin Es Devlin macht Pop-Shows für Beyoncé und Miley Cyrus. Sie zeigt auf der Seebühne Bregenz, wie Oper heute aussehen kann.

Diese Frau ist unmöglich – und genauso unmöglich ist die Liebe zu ihr. Georges Bizets «Carmen» ist Arbeiterin einer Zigarrenfabrik mit besten Beziehungen zur Unterwelt, frei wie ein Vogel, Verführung pur und gehorsam nur gegenüber ihrem Schicksal, das sie aus Tarotkarten liest – kurz: Carmen ist eine wandelnde Lebens- und Liebesgefahr.

Es ist ja nicht so, dass sie nicht gewarnt hätte. Gleich bei ihrem ersten Auftritt auf der Seebühne trällert Carmen, umringt von einer Traube Verehrern, die berühmte Habanera von der Freiheit, und sie tut es derart lasziv langsam und so wunderschön, dass einem Schauer über den Rücken jagen: «Wenn ich dich liebe, nimm dich in Acht.» Klar, dass die Warnung das pure Gegenteil bewirkt. Sogar beim schüchternen Sergeant Don José (Daniel Johansson). Und so wird der Abend mit einigen Toten mehr enden, als er begonnen hat. Und damit, dass Carmens lebloser Körper in den nächtlich glitzernden Fluten des Bodensees treibt.

Kult und Klischee

Diese Frau ist unmöglich. Und fast genauso unmöglich ist es für Opernregisseure, sie zu inszenieren. Denn Carmen ist Kult. Aber auch Klischee. Tausendmal gespielt, tausendmal gehört und mittlerweile strotzend vor Publikumserwartungen und Aufführungstraditionen. Vielleicht deshalb braucht es jemand ebenso Freiheitsliebenden, um den Carmen-Code zu knacken. Es Devlin jedenfalls, Szenografin ohne Grenzen – und für die Olympischen Sommerspiele 2012, für Louis Vuitton oder The Royal Opera House – hat ihn geknackt.

Die Londonerin liess schon Miley Cyrus eine überdimensionale Zunge runterrutschen und schuf für Take That den gigantischen Cyber-Mann. Denn Devlin denkt gern gross. Dass heuer Carmens stilisierte Hände 20 Meter aus dem Bodensee herausragen und Tarotkarten in die Luft werfen, ist auch regietechnisch ein Wurf, bilden die Karten doch eine Projektionsfläche, die mal erklärt, mal mithilfe von Videos zeigt, was auf der riesigen Anlage zu wenig sichtbar wäre.

Dass sich allerdings die Szenografie damit nicht begnügt, sondern ganz selbstverständlich die gesamte Anlage ins Geschehen mit einbindet, dass sie mit den Tabak-Mädchen eine Art Fernsehballett veranstaltet sowie das aufreizende Flirten in Lillas Pastias’ Absteige mithilfe des Bodensees wortwörtlich immer schlüpfriger werden lässt, zeigt: Vermeintliche Aussenseiter bringen manchmal den besseren Durchblick mit.

Diese Carmen ist eine Wucht

Kurzum: Diese Carmen ist eine Wucht. In den vergangenen zehn Jahren gab es keine Inszenierung auf der Seebühne, die ihr, nun ja, das Wasser reichen könnte. Vielleicht auch, weil Es Devlin im Gegensatz zu ihrer Titelheldin keine Einzelgängerin ist.

Mit Regisseur Kasper Holten (seit 2011 Leiter der Londoner Covent Garden Opera) steht ihr ein kongenialer Partner zur Seite. Der Däne weiss, dass die Rechnung «100 % Freiheit = 100 % Einsamkeit» sogar für jemanden wie Carmen gilt. Darum blendet er die Vergangenheit der Rebellin als Waisenkind mittels Rückschauen in die Handlung ein. Auch in Sachen Entrümpelung von folkloristischem Ramsch hat Holten die Nase vorn. Was man von seiner Carmen sieht und hört, kommt einem nie spanisch vor.

Keine Frage: So geht Carmen heute. In aufgekrempelten Latzhosen samt darunter hervorblitzenden Strapsen stakst sie auf die Bühne, an der Premiere verkörpert von der hinreissenden jungen Französin Gaëlle Arquez. Arquez ist Mezzosopranistin und Stimmverführungskünstlerin, jemand, der sozusagen Wimpernaufschläge singen kann. Aber auch ihre unschuldig liebende Nebenbuhlerin Micaëla (Elena Tsallagova) beherrscht das Einmaleins der stimmlichen Geheimnisse quasi aus dem Effeff. Es ist also ein Abend der starken Frauen – und der schnellen Tempi. Dafür sorgen die Wiener Symphoniker, grossartig geleitet vom Dirigenten – Paolo Carignani, und nicht zuletzt: der strömende Dauerregen. Der beschert dem schicken Premierenpublikum (in dem auch Bundesrätin Doris Leuthard sitzt) einen karnevalesken Auftritt in nicht ganz so schicken Pelerinen und dem Abend mit Blitz und Donner eine Handvoll Special Effects, wie es sie – das muss sogar Es Devlin zugeben – nur auf der Seebühne Bregenz gibt.

Seebühne Bregenz: Bis 20. August. Restkarten.

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