Das kleine Gemälde verrät es uns sofort: Lisa Wenger, knapp 20 Jahre alt, weiss, was sie will. Und das ist: Nicht vor Langeweile sterben. Gar nicht mal so einfach. Es ist 1878, sie ist eine Frau, und für Frauen dieser Zeit hält sich die Spannung in Grenzen: Kinder gebären, Haushalt führen, Aussteuer besticken.

Diese Pflichten wird Lisa Wenger am Ende auch erfüllt haben. Aber eben nicht nur: Statt in einem grossen Haus zu versauern, wird sie magische Bücher schreiben und bunte Illustrationen zeichnen. Statt eines öden Haushalts wird sie ein offenes Haus führen, in dem Künstler und Freigeister ein und aus gehen. Sie wird in Amerika wohnen und im Tessin, und immer wieder in Basel. Mit einem zehn Jahre jüngeren Mann.

Keine Lust auf Rumsitzen

Das alles lässt sich am Gesicht der 20-jährigen Lisa Wenger bereits erahnen. Und anhand einer schmucken kleinen Ausstellung in Basel nun auch beweisen: Im zweiten Stock der Unibibliothek ist zurzeit das Leben dieser Frau zu sehen – und wer genau hinschaut, wird auch die 20-jährige Lisa finden, auf dem kleinen Gemälde ganz hinten in der Ausstellung.

«Die hatte einfach keine Lust, tatenlos rumzuhocken!» Helen Liebendörfer lacht. Die Dozentin und Autorin, die in Basel für ihre klugen Stadtführungen bekannt ist, hat zusammen mit dem ehemaligen Leiter des Spielzeugmuseums Bernhard Graf die Ausstellung auf die Beine gestellt. Die beiden haben sich zum Ziel gesetzt, Lisa Wenger aus der Versenkung zu holen. Denn trotz der über 40 Bücher, die Wenger geschrieben hat, kennt man heute eigentlich nur noch eines: «Joggeli söll ga Birli schüttle», von 1908. Darin illustriert Wenger den bekannten Kindervers vom notorischen Faulenzer Joggeli, der partout nicht die Birnen vom Baum runterschütteln will, bis der Meister schliesslich selbst Hand anlegt und die berühmteste Kettenreaktion in der Geschichte des Kinderbuchs auslöst.

Animation "Joggeli söll ga Birli schüttle" von Kaspar Flückiger

Wieso Wenger ausgerechnet diesen Vers auswählte, weiss Liebendörfer nicht genau, aber es wird wohl das Verdienst ihrer Mutter gewesen sein. Zu dem Zeitpunkt 1908 hat die 40-jährige Lisa schon einiges erlebt: Nach ihrer Schulzeit in Basel ist sie nach Paris und Florenz gereist, hat an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert (als eine der ersten Frauen) und kurz darauf den 17-jährigen Theo Wenger kennen gelernt, einen Pfarrerssohn, der wenig euphorisch in die Fussstapfen seines Vaters getreten ist.

Vier Jahre später zieht das Paar nach Missouri, wo Theo eine Stelle hat. Aber das amerikanische Glück währt nicht lange, Theo hasst den Pfarrerberuf und für die kulturbegeisterte Lisa hält Missouri wenig bereit. Also ziehen sie zurück in die Schweiz, mittlerweile mit einem kleinen Töchterchen. Hier wohnen sie erst in Delémont, dann in Basel, dann wieder in Delémont, wo Theo die Leitung einer Messerfabrik übernimmt.

An diesem Punkt setzt die Mutter ein: Die Lisa solle doch jene Verse illustrieren, die sie immer ihren (mittlerweile) zwei Töchtern vorsinge! Lisa gefällt die Idee. Sie hat in den Jahren zuvor bereits zwei Bücher geschrieben und illustriert und kritzelt in ihrer Freizeit ohnehin ständig in ihre Tagebücher.

Tagebücher, die Helen Liebendörfer in Carona gefunden hat und nun in Basel ausstellt. Wunderschöne kleine Büchlein mit feinen Zeichnungen und Versen – und dem einen ander anderen Gruss eines prominenten Besuchers. Denn Lisa Wenger belässt es nicht beim Joggeli. Sie fängt an, Romane zu schreiben, publiziert in der NZZ und diversen Illustrierten und erwirbt 1919 zusammen mit Theo die Casa Constanza, ein Sommersitz in eben jenem Carona im Tessin. Der kleine Palazzo wird zum Treffpunkt für Künstler und Dichter. Cuno Amiet und Hermann Hesse gehen ein und aus, letzterer heiratet später Wengers Tochter Eva.

Mit Meret im Palazzo

Und in den Sommermonaten springt auf dem Vorplatz ein kleines Mädchen herum, das bunte Vögel in Grossmutters Tagebücher zeichnet. Das Mädchen hört auf den Namen Meret und wird später als gefeierte Künstlerin Meret Oppenheim in die Kunstgeschichte eingehen. Anders als ihre Grossmutter, die heute kaum noch jemand kennt.

Das erstaunt beim Blick in die liebevoll hergerichteten Vitrinen der Ausstellung: Dutzende von Briefen mit klingenden Unterschriften liegen hier, Oeri, Baerwart, Burckhardt, Muschg, Hesse, Ball. Sie alle standen in Kontakt mit der Frau, die wir heute knapp noch als Autorin eines alten Kinderbuchs kennen. Als Zeichnerin eines Joggeli, der keine Lust hat, das zu machen, was ihm von der Gesellschaft aufgetragen wird. Dank Helen Liebendörfer und Bernhard Graf hat diese Zeichnerin nun wieder ein Gesicht.

Lisa Wenger- Eine Frau von besonderem Format. Universitätsbibliothek Basel, 23. März bis 23. Juni 2018. Vernissage: Freitag, 23. März, 18.15 Uhr.